30 Jahre Mauerfall: Erinnerungen an die Grenzöffnung in Hohen Neuendorf
Petrus sorgte für Sonne an diesem 17. Februar 1990. Der neue Grenzübergang Hohen Neuendorf und Frohnau wurde um 10 Uhr eröffnet. 125 000 Menschen sollen bei diesem Volksfest auf den Beinen gewesen sein.
Die Mauer dort war Zug um Zug gefallen, die bis dahin an ihr endende alte F 96 wurde über den ehemaligen Todesstreifen verlängert und mit ihrem westlichen Teil verbunden. Heute gehörte sie ganz den Fußgängern, bald auch den Radfahrern und der neu geschaffenen Busverbindung. Die Planung der Feierlichkeit oblag der Freiwilligen Feuerwehr Hohen Neuendorf in Kooperation mit ihren Kollegen aus Frohnau und dem dortigen Kulturkreis.
An Prominenz fehlte es nicht. Die Alliierten schickten den französischen Stadtkommandanten General Cann. Auch Eberhard Diepgen (CDU), der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin (West), erschien.
Und dann erfolgte der offizielle Festakt. Völlig eingekeilt im Getümmel, hielten Reinickendorfs Bürgermeister Detlef Dzembritzki und der Ratsvorsitzende des Kreises Oranienburg, Dirk-Uwe Michaelis, kurze Reden und schritten dann zur Tat. Beim Durchschneiden des Bandes fand der Jubel kein Ende. Nun gab es kein Halten mehr und ein großes Gedränge setzte ein. Die Menschenströme aus Ost und West schoben sich vorwärts, um die jeweils andere Seite zu erkunden.
Zu sehen gab es viel. An zahlreichen Buden wurde für das leibliche Wohl gesorgt, im Westteil kostenlos. Denn Essen und Trinken hält bekanntlich Leib und Seele zusammen. Und besonders getrunken wurde viel, wie es sich für solch einen Festtag gehört.
Die allgemeine gute Laune ließ selbst die sonst so verkniffen wirkenden DDR-Grenzsoldaten zu freundlichen Gesellen werden. Ein seltsames Bild offenbarte sich, wenn auf Hohen Neuendorfer Gebiet Westberliner Streifenpolizisten patrouillierten und im Westen die Volkspolizei. Die neue Zeit machte es möglich. Vielerlei Vereine und Parteien präsentierten sich: Das Hohen Neuendorfer Tanzteam „Grenzenlos“ führte märkische Volkstänze vor, man verteilte Originalteile der Mauer, die nun ihren Schrecken verloren hatte. Auf einer Bühne sang „Udo II“, der Udo-Jürgens-Imitator aus der „Rudi-Carrell-Show“. Er gab Autogramme auf die Sonderausgabe vom „Nordberliner“, die kostenlos verteilt wurde. Auf dieser und jener Seite der Grenze spielten Blaskapellen und Discjockeys machten Musik vom Band. Quer über die Straße hing ein großes Transparent – „Frohnau grüsst seine Gäste“. Und man konnte ein Schild bewundern, das schon der Zeit voraus war. „Hohen Neuendorf / Land Brandenburg“. Deutsche Fahnen wurden geschwenkt, bei einigen hatte man das DDR-Emblem herausgetrennt.
Ein Bild des Friedens bot sich den Augen, als vom funktionslos gewordenen Todesstreifen einige Drachen in den blauen Himmel stiegen.
Doch so harmonisch war es hier nicht immer zugegangen. Erst jetzt erfuhr man, dass in unmittelbarer Nähe 1980 ein junges Mädchen bei einem Fluchtversuch erschossen worden war. Ein Kreuz auf dem alten Bahndamm erinnerte an Marienetta Jirkowski. So spürte man auch ein wenig Trauer an diesem sonst unbeschwerten Tag.
Eine Zeitung schrieb später über die Hohen Neuendorfer Grenzöffnung: „Die zweitschönste Veranstaltung nach der Eröffnung des Grenzübergangs am Brandenburger Tor.“ Was gibt es da noch hinzuzufügen?
Unser Autor Matthias Salchow kennt sich gut in der Geschichte von Hohen Neuendorf aus. Er engagiert sich als Historiker im Verein Heimatfreunde.
Hohen Neuendorf feiert das Jubiläum
Um die Glücksgefühle zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung in Hohen Neuendorf noch einmal aufleben zu lassen, lädt die Stadt am Freitag, 21. Februar, unter dem Motto "Typisch DDR, typisch BRD" zu einer großen Wiedervereinigungstanzparty in die Stadthalle ein. Einlass ist um 19 Uhr. Gegen 20 Uhr tritt die Band "Diese Typen René und Schenk" auf. Anschließend präsentieren DJ Svenn und DJ Balu die größten Hits aus West und Ost sowie der Nachwendezeit. Wer mag, kleidet sich entsprechend dem Motto. Serviert werden typische Speisen und Getränke aus "Ost und West" zum Selbstzahlerpreis. Tickets für zehn Euro gibt es im Rathaus oder nach Verfügbarkeit an der Abendkasse.
Die Wiedervereinigungsparty bildet den Abschluss zur Veranstaltungsreihe "30 Jahre Mauerfall". Die Stadt hat seit vergangenen November mehr als 20 Veranstaltungen zum Thema angeboten. Darunter waren Lesungen, Ausstellungen oder Sporttermine.
Seit dem 8. November sind Fotos vom Tag der Maueröffnung in Hohen Neundorf an der Fassade des S-Bahnhofs zu sehen.
Ein Einheitsmenü wurde gestern Abend in der Gaststätte "Strammer Max" am S-Bahnhof Hohen Neuendorf serviert. Es gab typische Speisen aus Ost und West, zum Beispiel Goldbroiler/Brathähnchen oder Götterspeise/Wackelpudding.
Seit der Wende hat sich die Einwohnerzahl im Stadtgebiet fast verdoppelt. Während 1990 noch 14 113 Menschen dort lebten, sind es heute mehr als 27 000. Damit ist Hohen Neuendorf zweitgrößte Kommune in Oberhavel.
Der nächste Mauerdurchbruch im heutigen Oberhavel war in Glienicke. Dort wurde der sogenannte Entenschnabel am 3. März geöffnet. Somit führte die damalige Fernstraße 96 wieder ohne Umwege direkt ins Berliner Stadtzentrum.
Am 31. Mai 1992 ging es zum ersten Mal nach dem Mauerbau wieder mit der S-Bahn von Frohnau nach Hohen Neuendorf.
Als "Geburtsstunde" des Landes Brandenburg bezeichnete der inzwischen verstorbene Nachwende-Bürgermeister Günther Siebert das Ortseingangsschild "Hohen Neuendorf Land Brandenburg", das er zur Maueröffnung initiierte. Das Schild wurde wenige Wochen später von den Grenztruppen entfernt und entsorgt. "Es ist schade um dieses Zeitdokument der Gemeinde, das in einer Heimatstube von Hohen Neuendorf seinen Platz hätte finden können", sagte Siebert vor fünf Jahren.⇥zeit



