30 Jahre Wiedervereinigung: Bürgerschild-Redakteure erinnern sich an die Wendezeit

Einige Mitglieder der Bürgerschild-Redaktion haben noch alle Ausgaben. Zum Erinnerungstreffen 30 Jahre nach der Wende brachten sie ihre gebundenen Exemplare mit.
Jürgen LiebezeitDie ersten Redakteure, die das Blatt ins Leben riefen, waren in den Bürgerkomitees Schildow und Mühlenbeck aktiv. In Schildow fand die erste Zusammenkunft statt. Zu einer „Redaktionssitzung“ nach 30 Jahren trafen sich jetzt ehemalige „Macher“ im Schildower Kastanienhof, dem oft genutzten Treffpunkt für Veranstaltungen des Bürgerschilds.
Alle waren sich einig, dass die Zeitung zu einem wichtigen Teil der Geschichte von Schildow, Mühlenbeck und später auch der anderen Gemeinden im heutigen Mühlenbecker Land gehörte. „Eigentlich war es ein Wunder und eine große Leistung, neben dem Berufsleben und der Kindererziehung solch ein Blatt alle 14 Tage über 19 Jahre lang am Leben zu erhalten“, sagte Dr. Jens Furkert, Gründungsmitglied und inoffizieller Redaktionsleiter. Denn Hierarchien gab es in dieser Redaktion nicht. Alle waren Gleiche unter Gleichen, jeder war wichtig und durfte nicht verloren gehen, denn die Personaldecke war immer sehr dünn. Die ehrenamtlichen Redaktionen bestanden lediglich aus vier bis acht Personen, die alle Arbeiten erledigen mussten: Redaktionssitzung reihum bei den Mitgliedern, Veranstaltungen besuchen, Artikel schreiben, Leserbriefe abtippen, Anzeigen sammeln, Layout gestalten, Zeitungen von der Druckerei abholen und vieles mehr. Das alles geschah mit großer Begeisterung und in der Aufbruchstimmung der 1990er-Jahre.
Nur so lässt sich aus heutiger Sicht die Bewältigung des enormen Arbeitspensums erklären. „Wir hatten alle ein Ziel. Wir wollten die Welt informieren“, schildert Gisela Rose die Beweggründe.
Kein Blatt mehr vor den Mund nehmen zu müssen und frei schreiben zu dürfen, was man erlebte und dachte, war für Petra Wolf Motivation. Sie erinnerte in einem Text an eine Einwohnerversammlung im November 1989 in Mühlenbeck, zu der 300 Menschen gekommen waren. „Endlich durften alle ungestraft, frei und laut ihre Meinungen in der Öffentlichkeit kundtun; sie taten es ausgiebig.“
1 110 Exemplare pro Ausgabe
Das Layout des Bürgerschilds wurde zu Beginn auf einem Neun-Nadeldrucker hergestellt. Dazu wurde ein Abend benötigt. Die Vervielfältigung übernahmen Gisela und Bernd Rose mithilfe eines Wachsmatrixkopierers, einem Geschenk des Lübarser Vereins Labsaal. Später übernahm Burkhard Miersch über viele Jahre das Layout. Gedruckt wurde in einer Druckerei.
Das erste Foto erschien 1991. Es war so schlecht wiedergegeben, dass Leser darauf nichts erkennen konnten. Im Jahr 1994 erschien das Blatt in einer Auflage von 1 100 Exemplaren in Schildow, Mühlenbeck und Zühlsdorf. Damals schrieb Burkhard Miersch: „Ob man uns gut findet oder zum Teufel wünscht, uns dankt oder am liebsten die Pest an den Hals schicken möchte – wir sind da, wir sind nicht mehr wegzudenken, wir bleiben Ihr Bürgerschild.“
Im März 1992 wurde der Bürgerschild-Verein gegründet. Im Prinzip wurde dadurch die Arbeit noch umfangreicher. Fortan kümmerten sich die Mitglieder um Lesungen, Ausstellungen, Diskussionsabende und um Kinder aus der Region um Tschernobyl, die sich zur Heilbehandlung in Wandlitz aufhielten. Nicht vergessen werden darf auch die alljährliche Osteraktion, zu der in Feldheim, am Summter See und am Kiessee Ostereier für die Kinder versteckt wurden.
Das Bürgerschild hat sich immer selbst finanziert aus dem Erlös des Verkaufs und der Anzeigen. Doch das konnte nur gelingen, weil alle Redakteure ehrenamtlich arbeiteten. Ständige Rubriken waren die Gratulation der Mitbürgerinnen und Mitbürger über 70 Jahre, die Begrüßung der Neugeborenen mit einem Foto, der Spruchbeutel und die Karikaturen von Erika Cipper, die in jeder Ausgabe ab 2006 zu finden waren.
Was den Laien-Journalisten immer wichtig war, hatte Jens Furkert in der ersten Ausgabe formuliert: „Da dieses Informationsblatt ein unabhängiges und überparteiliches Podium sein will, streben wir keine Eigenmeinung an. Der Inhalt jedes Beitrages wird vom Autor selbst verantwortet.“ Das Bürgerschild war eine Bühne, auf der viele gespielt haben. Manche spielten sehr ausgiebig darauf.
Ab 2007 gab es einen fundamentalen Wechsel in der Redaktion. Viele der altgedienten Mitglieder gingen in den „Ruhestand“. Diesen Umbruch hat das Bürgerschild überstanden. Die Redakteure wechselten, das Layout wurde von Silvia und Denise Lucas übernommen. Anfang 2009 war seine Zeit dann doch vorbei. Das Erscheinen wurde mit der Auflösung der Bürgerschild-Vereins planmäßig und geordnet eingestellt.
Was bleibt, sind komplett gebundene Jahrgänge, die in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam, im Kreisarchiv des Landkreises Oberhavel und in den Bibliotheken in Mühlenbeck und Glienicke zu finden sind.
Bürgerschild
Im Februar 1990 erschien die erste Ausgabe, die letzte im Februar 2009.
Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Dr. Jens Furkert, Bernd und Gisela Rose, Burkhard Miersch und Petra Wolf. Viele Redakteure kamen später hinzu.
Zunächst kostete das Blatt 20 Pfennige, dann 50 Pfennige und bis zum Schluss 50 Cent.
Die erste Ausgabe vom Bürgerschild erschien mit zwei Seiten, dann vier, sechs, später zwölf Seiten. Die letzten Ausgaben endeten mit 16 bis 22 Seiten.
Das Bürgerschild hat sich von Beginn an bis zur letzten Ausgabe selbst finanziert.
Der Bürgerschild-Verein wurde 1992 gegründet. Mit der Auflösung des Vereins im Februar 2009 wurde auch die Herausgabe des Bürgerschilds eingestellt.⇥zeit