„Die Seebadvilla“: Kathleen Freitag veröffentlicht ihren Debütroman
Ahlbeck, 1952: Gemeinsam mit ihren Töchtern Henni und Lisbeth leitet Grete eine kleine Pension auf Usedom. Das Leben in der DDR ist nicht einfach für die drei Frauen. Dass sie ein eigenes Unternehmen führen, ist der Regierung ein Dorn im Auge.
Die Verlagssuche, diese große Hürde für viele junge Autoren, blieb der 36-Jährigen erspart. „Der Verlag hat mich gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, eine Idee zu entwickeln“, sagt sie. Also: Exposé, 30 Seiten Leseprobe, Vereinbarung, Unterschrift, Vertrag. Ein Glücksfall. Die Idee zum Roman ergab sich aus biografischen Randnotizen. In Berlin geboren, habe sie zwar nur „ein paar Jährchen DDR“ mitbekommen, aber die Sozialisierung der Eltern und Großeltern erlebt. „Ich habe mich immer für DDR-Literatur und die Geschichte der DDR interessiert, die in den letzten Jahren erst aufgearbeitet wurde“, sagt sie. Wie andere Donnerkeile und Bernstein, fand sie die Grundthematik für ihren Roman am Meer „Als Ostseekind war ich viel oben, habe meinen Mann dort kennengelernt. Während meiner Recherche bin ich auf die ‚Aktion Rose’ gestoßen.“ Unter dem Begriff wird das im Februar 1953 kumulierende Vorhaben der SED gefasst, besonders an der Ostseeküste Hotels, Erholungsheime und andere Firmen zu verstaatlichen. Um die 400 Unternehmer kamen in Haft.
München, 1992: Zwischen den Sachen ihrer Mutter Henni findet Caroline einen Brief, in dem es um die Übereignung einer Villa auf Usedom geht. Noch nie hat Caroline von dem Anwesen gehört. Sie stellt ihre Mutter zur Rede, doch Henni will nicht über damals sprechen, und so beschließt Caroline, auf eigene Faust an die Ostsee zu fahren.
Die Zwangsenteignung ist der rote Faden in der „Seebadvilla“. Kathleen Freitag ignoriert dabei bewusst einen beliebten Rat an junge Autoren: Schreibe nur aus dem eigenen Erfahrungsschatz! Sie führt neben ihrer umfassenden Recherche ein Zitat von Maxim Gorki an: „Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“
Zumal sie sich mit unterhaltsamen Spannungsbögen auskennt, entwickelte sie doch Handlungen für „Der Kriminalist“ (ZDF) und schrieb Drehbücher für „In aller Freundschaft“ (ARD). „Eine anstrengende Zeit, die ich nicht missen möchte“, blickt sie zurück. „Es war eine gute Schule, was das Geschichtenerzählen angeht.“
Viele Oranienburger dürften sie nicht unter ihrem angeheirateten Namen kennen, sondern als Kathleen Stephan. Als sie zwölf Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Schmachtenhagen. „Wie viele nach der Wende, haben meine Eltern ein Grundstück gekauft und ein Haus gebaut“, sagt sie. 1995 der Umzug. Ihren Abschluss hat Kathleen Freitag am Oranienburger Runge-Gymnasium gemacht. Noch immer ist sie oft in Oberhavel. „Ich fühle mich durch meine Eltern natürlich mit der Gegend verbunden“, sagt sie.
Nach dem Abitur schloss sie ein Studium in Potsdam an: Geschichte und Literatur, verknüpft mit der immer gleichen Frage „Was macht man denn damit?“ Die Antwort fand Kathleen Freitag in der Hauptstadt: „Als Werkstudentin habe ich für eine Filmproduktionsfirma in Berlin gearbeitet, die mich nach dem Studium übernommen hat.“
Jetzt also ihr erstes Buch. „Ich bin wirklich sehr aufgeregt und hoffe, dass es einigen Leuten gefällt.“ Die Aufregung ist nachvollziehbar, ist der Erstling doch ein Gedankenprodukt, das, im stillen Kämmerlein entstanden, bald in die Welt entlassen wird.
Finaler Feinschliff
Seit acht Jahren wohnt Kathleen Freitag aus beruflichen Gründen mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg. Wie viele Schriftsteller, die viele Ideen haben, arbeitet sie parallel schon an weiteren Geschichten. „Zwei Bände für eine Bilderbuchreihe, die im Herbst 2020 auf den Markt kommen soll, sind fast fertig. Sie müssen nur noch illustriert werden.“
Momentan bekommt die „Seebadvilla“ den finalen Feinschliff von der Autorin und ihrer Lektorin verpasst. Weder ihr Mann, noch ihre Mutter oder die zwei Schwestern kennen mehr als das Exposé. Besonders die Meinung der Familie wiege am Ende schwer. Auch ihr Mann, der Ingenieur, der sie zum Schreiben animierte und motivierte, wird dann wieder seine ganz spezielle Form der Kritik äußern dürfen.
Aufbau wie bei der "Geschichte der Bienen"
Parallelgeschichten werden in der "Seebadvilla" abwechselnd erzählt. Ein roter Faden verbindet sie. Es entsteht der Eindruck, eine TV-Serie zu schauen. Damit folgt der Roman einem beliebten Muster, das auch Maja Lunde ("Die Geschichte der Bienen") und Laetitia Colombani ("Der Zopf") verwendeten.
Die Inhaltsangabe des Buches steht kursiv im Haupttext.⇥win

