Vor fünf Jahren wurde aus der Initiative „Willkommen in Oranienburg“ ein Verein. Seit kurzem ist Ulrike Feldner neue Vorsitzende. Mit dem Syrer Ibrahim Ibrahim als Stellvertreter ist nun auch ein ehemaliger Geflüchteter Vorstandsmitglied. Zum Gremium gehören außerdem Ivonne Hennes, Kathrin Willemsen und Martin Schrödl.

Hilfe für Flüchtlinge weiterhin nötig

Aus einer Welle der Hilfsbereitschaft im Jahr 2015 ist eine von der Öffentlichkeit kaum noch beachtete Hilfsarbeit geworden. Dabei gebe es bei der Unterstützung Geflüchteter nicht weniger zu tun als vor fünf Jahren, sagt Ivonne Hennes. Nach wie vor kommen weitere Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten nach Oranienburg. Sie brauchen Hilfe, weil sie kein Deutsch sprechen und Behördenpost nicht verstehen. Sie müssen wissen, wo sie einen Arzt finden, suchen Kontakt und neue Freunde. Und trotzdem wurden viele Probleme seit Jahren nicht gelöst.
Auf die Frage, ob „wir“ es nach dem vor fünf Jahren von der Bundeskanzlerin ausgesprochenen Satz wirklich „geschafft“ haben, antwortet Ivonne Hennes deutlich mit „nein“. Statt Hilfen zur Integration gebe es weiterhin bürokratische Hürden und unerledigte Probleme.
„Einige Menschen leben seit 2014 in der Unterkunft in Lehnitz“, sagt Ulrike Feldner. Die Zimmer in der ehemaligen Märkischen Kaserne waren von Anfang an lediglich als Übergangsunterkunft vorgesehen. Doch selbst Familien mit Kindern leben zum Teil seit Jahren dort, teilen sich Küche und Bad mit anderen. Wer berufstätig ist, zahlt zehn Euro Miete pro Tag, muss sich das Zimmer aber mit anderen teilen. „Sie sollen ermutigt werden, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Aber sie finden nichts“, sagt Ulrike Feldner.

Täglicher Rassismus

Der Wohnungsmarkt in Oranienburg ist seit 2015 noch deutlich angespannter. Wer nicht deutsch ist, hat noch größere Schwierigkeiten, eine eigene und vor allem bezahlbare Wohnung zu finden. Selbst die Woba habe fast keine freien Wohnungen, die auch nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezahlt würden, sagt Ulrike Feldner. Immer wieder hatten Geflüchtete in den vergangenen Jahren zudem erlebt, dass Vermieter ihre Wohnungen lieber Deutschen überlassen.
Ablehnung und zum Teil offener Rassismus sei vor allem für Menschen, die aus Afrika gekommen sind, ein Alltagsproblem. Sie bemerken die Unfreundlichkeit der Kassiererin im Supermarkt oder beim Anruf in einer Behörde. Der Gang zum Landratsamt, oft ohnehin mit Ängsten vor negativen Bescheiden, unverständlichen Formularen oder Abschiebungsandrohungen verbunden, wird oftmals zum echten Spießrutenlauf. Ihr aus Eritrea stammender Freund sei am Louise-Henriette-Steg schon beschimpft und mit leeren Bierflaschen beworfen worden, sagt Ulrike Feldner. „Der Ort ist wirklich ein Problem.“

Von Bürokratie überfordert

Gesellschaftliche Ablehnung findet teilweise ihre Basis in den Behörden, wo Menschen, die kaum die deutsche Sprache beherrschen, barsch abgewiesen oder mit Bürokratendeutsch überfordert werden. Ivonne Hennes regt die Einrichtung einer Anlaufstelle an, in der Geflüchtete Fragen stellen können und Hilfe erhalten. „Der Landkreis sollte auch Dolmetscher beschäftigen, die Briefe übersetzen“, sagt sie. Leider sei der Runde Tisch beim Oberhaveler Sozialdezernenten, zu dem übrigens nie alle Willkommensinitiativen Oberhavels eingeladen worden waren, inzwischen eingestellt worden. Die Stadt Oranienburg hat die Stelle der Integrationsbeauftragten sang- und klanglos gestrichen, während sich die damalige Amtsinhaberin im Mutterschutz befand.

Diffamierende Sprache

Ivonne Hennes spricht von vielen Hürden, die eine Integration schwer oder gar unmöglich machten. Dazu gehörten auch kurze Duldungen und jahrelanges Warten auf Anerkennung des Asylstatus’. „Die Gesellschaft erwartet, dass die Geflüchteten trotz Rückschlägen immer wieder aufstehen“, sagt Ulrike Feldner.
Auch die manchmal diffamierende Sprache wie die Bezeichnung „illegaler Einwanderer“ sei ein Problem. „Niemand ist illegal. Und es gibt auch nach fünf Jahren für Geflüchtete keinen legalen Weg, um nach Deutschland zu kommen“, nennt sie ein riesiges Problem mit dem das so wichtige Recht auf Asyl ja verbunden ist.
Ulrike Feldner und Ivonne Hennes kennen auch viele Vorurteile und Herabwürdigungen. Der Satz, „es können doch nicht alle Menschen nach Deutschland kommen“, sei abwegig. Nach wie vor sei der Prozentsatz der Bevölkerung mit ausländischer Abstammung sehr gering. Und übrigens verlasse niemand seine Heimat freiwillig und ohne Not.

Willkommensinitiativen wollen Stütze sein

Es sei für die hier lebenden Geflüchteten zudem sehr schwierig, sich ohne Anerkennung als Asylsuchende in der neuen Heimat etwas aufzubauen, Deutsch zu lernen, Arbeit zu suchen und Freunde zu finden, sagt Ivonne Hennes. Die Willkommensinitiativen wollen deshalb Stütze sein. Sie begleiten die Geflüchteten bei Behördengängen oder Arztbesuchen, geben Rat oder sind als Freund da. Tatsächlich sind viele Freundschaften entstanden, zum Beispiel auch beim gemeinsamen Kochen. „Wir haben daraus ein Kochbuch gemacht, das wir im November vorstellen wollen“, sagt Ivonne Hennes. Dann schwärmt sie von der Vielfalt der orientalischen Küche, den Gesprächen mit Kindern, die schon nach kurzer Zeit gelernt haben, fließend deutsch zu sprechen oder von orientalischen Frauen, die wie selbstverständlich mit dem Fahrrad durch Oranienburg fahren. In muslimischen Ländern ist ihnen das nicht gestattet. „Sie passen sich an und finden ihren Weg hier“, freut sich Ulrike Feldner.
Der Enthusiasmus, der trotz vieler schwerer Kämpfe auch noch nach fünf Jahren in der Willkommensinitiative vorhanden ist, ist für viele Geflüchtete in Oranienburg eine große Hoffnung.

Aus vielen Ländern


Insgesamt leben nach Angaben des Landratsamtes in Oberhavel 2577 Asylbewerber beziehungsweise Menschen mit Integrationsbedarf (Stand Februar 2020). Davon leben 932 Menschen in Gemeinschaftsunterkünften und 1645 in Wohnungen.

In Oranienburg leben 561 Geflüchtete, davon 159 im Heim und 402 in Wohnungen.

Von den Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft haben 57 Menschen bereits einen humanitären Aufenthaltstitel, wohingegen sich 102 Menschen noch im Prozess des Asylverfahrens befinden und Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten.

Von den 402 in Wohnungen lebenden Geflüchteten haben 359 einen Aufenthaltstitel, 43 beziehen Leistungen nach AsylbLG.

Die meisten hier lebenden Geflüchteten mit einem Aufenthaltstitel kommen aus - Syrien (211), Afghanistan (57) und Eritrea (35). Außerdem haben alle hier lebenden Geflüchteten aus der Ukraine, Weißrussland, Vietnam und Albanien einen Aufenthaltstitel.

Die meisten hier lebenden Geflüchteten ohne Aufenthaltstitel kommen aus Afghanistan (46), dem Iran (17) und der Russischen Föderation (13). Außerdem hat keiner der hier lebenden Geflüchteten aus Kenia, Kamerun, Libyen und Armenien einen Aufenthaltstitel.