Ausgewandert: Wie Charlotte Garske aus Birkenwerder die Brände in Australien erlebt
Während wir sonst in Deutschland über Australien vor allem als Reiseziel hören oder lesen, haben wir in den vergangenen Wochen fast täglich Bilder von brennenden Wäldern, verbrannten Häusern und getöteten oder leidenden Tieren gesehen. Wie sehr ist das alltägliche Leben zurzeit in Australien von den Bränden beherrscht?
Für die Menschen in den betroffenen Gebieten ist es wirklich extrem. Die älteren Australier, auch hier innerhalb der Familie von meinem australischen Partner, sprachen am Anfang noch von einem normalen Sommer mit Buschfeuern. Aber je länger es angehalten hat und je schlimmer es wurde, desto weniger haben sie von normal gesprochen. Ich bin Anfang Oktober aus meinem Deutschland–Urlaub zurückgekommen und erst am 17. Januar hat es das erste Mal seit meiner Rückkehr geregnet!
Wie weit sind Sie selbst selbst von den Feuern entfernt? Haben die Brände auch Einfluss auf Ihr persönliches Leben?
Ich wohne direkt in den Eastern Suburbs in Sydney — in der östlichen Vorstadt. Außer dem Rauch bekommen wir in Sydney nicht wirklich viel mit. Die Brände waren zwar relativ dicht an Sydney dran, nördlich, westlich und südlich. Viele kennen den Blue Mountains Nationalpark, der etwa ein bis zwei Stunden von Sydney mit dem Auto entfernt ist. Dort waren die Brände besonders stark. Zuletzt waren die Feuer südlich von Sydney an der Küste am schlimmsten. Der Wind wehte oft so, dass der Rauch ständig nach Sydney geblasen wurde. Viele Australier haben hier in der Stadt an den wirklich schlimmen Tagen Atemschutzmasken getragen. Die waren in vielen Läden ausverkauft. In den Nachrichten war zu lesen, dass der Rauch bis nach Neuseeland und sogar nach Südamerika gewandert ist.
Was kommt bei Menschen an, die nicht persönlich betroffen sind?
Es ist so ein bisschen wie eine Luftblase, in der wir in der Stadt sitzen. Wir gehen ins klimatisierte Büro und so bekommen wir außer dem Blick aus dem Fenster ins rauchige Sydney nicht viel mit.
Worunter leiden die Menschen am meisten?
Die Menschen, die direkt von den Bränden betroffen sind, leiden am meisten unter ihrem finanziellen Verlust. Viele haben ihr Haus, Auto, ihre Tiere oder auch ihr Geschäft verloren. Wenn so eine Feuerwand auf einen zukommt, kann man wirklich nicht mehr viel machen.
Wie groß sind die Solidarität und Hilfsbereitschaft unter den Australiern?
Solidarität und Hilfsbereitschaft sind wirklich unglaublich. Aber das ist auch irgendwie nicht anders zu erwarten von den Australiern — so sind sie einfach. Erst kürzlich war ich in meiner Mittagspause unterwegs. Da waren Vorschüler und haben selbst gebackene Waren verkauft. Den Erlös wollten sie an die Feuerwehr und Tierkrankenhäuser spenden.
Wie sind die Feuerwehren in Australien organisiert? Gibt es auch ein Netz von freiwilligen Feuerwehren wie bei uns?
Wir haben hier auch die freiwillige Feuerwehr — RFS Rural Fire Service. Die Feuerwehrleute helfen wirklich überall, wo sie können. Sie sind erstaunlich gut organisiert. Ich glaube, wir haben auch Hilfe von Feuerwehren aus Neuseeland und Kanada bekommen.
Wie könnte man von Deutschland aus jetzt helfen?
Der Artenbestand hat extrem unter den Bränden gelitten. Es gibt zahlreiche Organisationen, über die man finanziell helfen kann, sodass bedrohten Arten, wie beispielsweise Koalas, geholfen werden kann.
Für viele junge Deutsche ist Australien das Land ihrer Träume. Sie reisen nach dem Abitur oder nach der Ausbildung per Work and Travel durch das Land. Wie sehr sind die Reisen zurzeit eingeschränkt? Kann man überhaupt durch das Land reisen? Was ist zu beachten?
Man kann definitiv noch durch Australien reisen, sollte sich aber vorher wirklich gut erkundigen. Viele Straßen sind gesperrt. Als meine Schwester vor ein paar Wochen zu Besuch war, sind wir mit dem Auto von der Gold Coast nach Sydney gefahren, das sind etwa 800 Kilometer. Da waren wir auf einer Autobahn unterwegs und links und rechts von uns waren Feuer. Wir hatten Glück, die Straßen waren alle frei. Aber man sollte sich vorher wirklich gut informieren. Dazu empfehle ich die offzielle NSW Rural Fire Service–Seite im Internet, da findet man unter die aktuellsten Nachrichten von unserem Staat, New South Wales. Die haben auch eine App, die wirklich die neuesten Informationen hat.
Abgesehen von den Feuern: Wie sieht Ihr Alltag in Australien aus?
Das Leben hier ist sehr entspannt. Ich liebe das Meer, den Strand und die Sonne! Wir leben nur zehn Minuten vom Strand entfernt — das ist echt purer Luxus. Es fühlt sich oft so an, als wäre man ständig im Urlaub. Ich gehe fast jeden Morgen runter zum Strand zum Sport und zum Schwimmen. Manchmal muss mich kneifen, weil das einfach schon so zur Normalität geworden ist. Aber wir leben wirklich auf einem der schönsten Flecken der Erde.
Wie unterscheidet sich Ihr Leben von der Lebensweise hier in Birkenwerder? Was gefällt Ihnen dort besser?
Das Leben hier ist sehr einfach und es spielt sich viel draußen ab, was ich wirklich toll finde. Außerdem hat Australien von der Natur her sehr viel zu bieten von Wüsten, Regenwäldern bis hin zu Stränden, Bergen und vielem mehr.
Was vermissen Sie am meisten?
Ich vermisse oft das typisch Deutsch sein, vor allem die deutsche Pünktlichkeit (lacht). Die Australier haben da eine „no worries“ (keine Sorge)-Einstellung zu allem. Manchmal vermisse ich die europäischen Jahreszeiten und den richtigen Winter, besonders zu Weihnachten. Ich werde mich wohl nie dran gewöhnen, dass Heiligabend alle zum Strand gehen.
Wie häufig besuchen Sie Ihre Familie hier?
Ich versuche immer, einmal im Jahr nach Hause zu fliegen und bei den größten Ereignissen dabei zu sein, so wie vor sechs Monaten, als mein älterer Bruder geheiratet hat. Aber man kann leider doch nicht bei allem dabei sein. Deshalb ist es umso schöner, wenn mich die Birkenwerderaner auch besuchen kommen
Können Sie sich auch vorstellen, wieder zurückzukommen?
Momentan geht es uns super gut. Ich habe vor kurzem meine australische Staatsbürgerschaft beantragt, um so dann neben der deutschen eine weitere Staatsbürgerschaft zu haben. Sobald das durch ist, bin ich auch viel flexibler und kann besser planen. Ich könnte mir auf jeden Fall vorstellen, mal wieder in Europa zu wohnen. Vielleicht nicht unbedingt in Birkenwerder, aber vielleicht irgendwo in Deutschland oder Europa.
Info zu Reisen:www.rfs.nsw.gov.au/fire–information/fires–near–me



