Wenn Leonardo da Vinci mit der Stimme von Lutz Mackensy spricht, Soundeffekte episch klingen und doppelt so viele Musiktitel eingespielt werden wie üblich, dann ist es Matthias Arnolds „Leo“. Er will Abenteuer wie sein Macher. Er lässt sich in da Vincis Villa nieder, reist als Weltretter in der Zeit zurück, tut den ersten Schritt auf den Mond, segelt mit Piraten auf hoher See.

Wissen mit Hörspielen vermitteln

Arnolds Hörspiele mit dem kleinen Löwen „Leo“ als Hauptfigur sind Wissensquellen. Er selbst ist Enthusiast, Träumer, Kinderweltverbesserer. Dass seine Hörspiele nicht mit dem Mainstream auf dem Markt vergleichbar sind, ist Auszeichnung, nicht Kritik. Er investiert Geld und Zeit, viel Zeit, kürzt seine Geschichten nicht, sondern macht lieber Doppel-CDs daraus. Die Geschichte sei eben noch nicht zu Ende erzählt, nicht in den marktüblichen 40 bis 50 Minuten, nicht mit den marktüblichen fünf Synchronsprechern. Die großen Herausgeber kennen Matthias Arnold, verlegen ihn aber nicht. Seine Hörspiele sind zu aufwändig, das „Wissenshörspiel“ nicht „mainstreamtauglich“. Die Mage kommt über die Masse, nicht über Qualität.

Recherche kostet Zeit

Arnolds Geschichte sind Geschichten. Er hat immer geschrieben, als Zwölfjähriger bis heute. Er will Kindern Weltereignisse vermitteln, hört man ihm nur Minuten zu, verfällt man dem „gegen den Strom“. Er recherchiert viel, bevor er sich ans Dialogbuch macht. Die Bücher in den Regalen seines Schlafzimmers sind mit Zetteln gespickt und mit Eselsohren. Ihm geht es um historische Wahrheiten für Kinderohren. Wenn alle Fakten gesammelt sind – über da Vinci, über Thomas Edison, der das Licht gar nicht erfunden hat, über Albert Einstein – dann geht es schnell. Die Regie führt er auf Papier. Er schreibt das Abenteuer in Dialogen, vermerkt Effekte und Musik.

Am Heim-PC kreiert

Die ersten Leo-Folgen hat er noch selbst zusammengeschnitten. Arnold ist Cutter, arbeitet eigentlich als Selbstständiger für die Medienbranche. „Leo“ kam anschließend, oft bis 3 Uhr morgens. Irgendwann war ihm das alles zu viel oder einfach nicht mehr genug, wie man es sehen will. Seine Hörspiele lässt er inzwischen mischen, von Kollegen, die hauptberuflich nichts anderes tun. Von der Lauscherlounge, einem Hörspielverlag mit unendlichem Tonarchiv. „Im Dialogbuch vermerke ich, welche Soundeffekte wohin sollen, welche Musik im Hintergrund laufen soll.“ Wenn die Mondlandung ihm zu modern für die 1960er-Jahre rüberkommt, lässt Arnold sie eben überarbeiten. Es war die erste Folge, in der Arnolds kleiner Löwe Leo Teil der Geschichte wurde und nicht als Zaungast am Rand saß, erzählt Arnold.  Er setzte quasi den Fuß mit auf den Mond. Und die Geräusche der Schalter im Raumschiff passen zur Zeit, in der sie spielen. Inzwischen sind 15 Folgen aufgenommen, Folge 13 ist grad in der Endabnahme. 1000 Stück lässt Arnold pro Folge pressen, das Bestellminimum. Dann muss er die neueste Folge auf seiner Webseite einpflegen, sie bei Amazon einstellen, die Social Media-Kanäle bedienen. „Das hasse ich!“ Aber anders kommt „Leo“ nicht ans Kind. Und darum geht es ihm. Und doch: Das meiste laufe über Mund-zu-Mund-Propaganda.

65 Minuten gefesselt

Er ist kreativ, sein Herz schlägt für Kinder. Er versteht nicht, wie Eltern einem Fünfjährigen ein Tablet in die Hand drücken können. „Unnatürlich“, nennt es Arnold. „Wenn mir das Handy sagen muss, was eine Drachenfrucht ist“, Arnold rollt mit den Augen, sagt: „Leute, Goethe hatte einen Sprachschatz von 20.000 Worten.“ Die Brüder Grimm hätten das Lesen fördern wollen. Seinen eigenen Kindern liest er den Zauberlehrling vor. „Lego Ninjago ab null Jahren? Das ärgert mich dermaßen.“ Wenn eine Mutter anruft, um ihm zu sagen, dass der Sprössling 65 Minuten andächtig einem seiner Hörspiele lauschte, gefesselt war, sich nicht vom CD-Player wegbewegte. Das ist es, was Matthias Arnold will, was ihn dazu bringt, weiterzuschreiben. Er will unbedingt über die Avus schreiben, muss noch zu Nophretete, zu Archimedes, zu den Römern an den Hadrianswall, sagt Arnold. Kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Für seinen Geschichtslehrer hätte er Pferde gestohlen. „Er hat mich für Geschichte begeistert.“ Und Arnold will, dass seine Hörspiele begeistern. Er ist kreativ, fast verbissen. Mit Verkauf hat er nichts am Hut, sagt er. Der Versuch, „Leo“ in Buchläden unterzubringen, wenn schon die großen Verlage nicht wollen, ist gescheitert. Oder besser: ad acta gelegt worden. Sie haben ein, zwei Cent günstiger verkauft, als Arnold selbst. Und die Streaming-Plattformen? Dort gibt es Leo, aber die Zahl der Hörer ist gering. Ohne großen Werbeetat ist es unmöglich, „Leo“ im endlosen Meer von Hörspielangeboten bekannt genug zu machen. „Ich habe 250 Hörer bei Spotify, ich hab noch nie eine Auszahlung bekommen.“ Arnold lächelt. Seine Pläne, irgendwann mit „Leo“ Geld zu verdienen, sich nur auf den Löwen konzentrieren zu können, hat er eh längst aufgegeben. Den Traum nicht.

Vermarktung ist der schwierigste Part

1,90 Euro verdient er pro CD, sagt Arnold. Wenn er sie denn vermarktet. Kistenweise Material ist da, im Lager, in seinem kleinen Oranienburger  Arbeitszimmer. Arnold ist eben kein Verkäufer. All das nervt ihn. Er taucht lieber in die Geschichte ein, legt ein Fakten-Archiv an, macht aus allem, was er zusammengetragen hat, ein geschichtlich fundiertes Hörspiel für Kinderohren. „Ich träume die Dinger“, sagt Arnold. Das Schreiben dauere dann nicht mehr lang. Dramaturgie hat er schließlich gelernt.
Die Hauptarbeit kommt dann. Tonstudio mieten, Dispo der Synchronsprecher. Das Studio kostet stundenweise, die Sprecher bekommen Gage. Es muss also Schlag auf Schlag gehen, ein Sprecher nach dem anderen muss seine Rollen einsprechen, ohne Pause dazwischen. Manchmal sind 16 Sprecher für sein Hörspiel nötig. Vier bis fünf Tage am Stück nimmt Arnold auf. „Dann bin ich fix und fertig.“ Kopfsache. Weil es eine Katastrophe wäre, wenn nur ein Satz fehle.

Stimmgewaltige Helfer

Es sind bekannte Stimmen wie Charles Rettinghaus und Oliver Rohrbeck, die „Leo“ zu dem machen, was er ist. Wie Irina von Bentheim, die deutsche Stimme der Carrie aus „Sex and the City“. George Clooney-Stimme Detlef Bierstedt oder Ingo Albrecht, der Dwayne Johnson im deutschen Film spricht. Und Lutz Mackensy, der alles liest, bevor er zusagt, erzählt Arnold. „Er findet Leo großartig, das ist eine Ehre.“ Mackensy habe ihm versprochen, da Vinci für ihn zu lesen – lebenslang. Mackensy, die deutsche Stimme von Mr. Bean und Christoph in „Die fünf Freunde“. Alle Profis, die Arnolds Hörspielreihe zu schätzen wissen. „Eigentlich mache ich das wohl mir zuliebe. Den Kindern ist der Bekanntheitsgrad egal, so lange es gute Sprecher sind“, sagt Arnold.
Irgendwie berührend wirken die Profis aber immer. Wenn der junge Bruce Lee „Leo“ in Folge 11 umarmt, und die Erzählerin die Eltern auffordert, das auch mit ihren Kindern zu tun. „Ich weiß nicht, wie viele Eltern das gemacht haben, ich hoffe viele.“ Wenn die Erzählerin, Leos Abenteuermaschine, die Saturn-V-Rakete der ersten Mondlandung im Detail beschreibt. Denn „woher soll ein achtjähriges Kind wissen, wie sie 1969 aussah.“ Und wenn Leo in Folge 13 dafür sorgt, dass Isaac Newton der Apfel auf den Kopf fällt. Schließlich muss er die Geschichte retten – ab Januar über www.abenteuermaschine.de

Autor und Familienvater


Matthias Arnold, Jahrgang 1979, lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen in Oranienburg.

Er ist selbstständig für die Medienbranche tätig. Die Hörspielreihe produziert er in seiner Freizeit. Die ersten Folgen hat sein ältester Sohn anfangs „abgenommen“. Bis er irgendwann sagte, dass er auch überrascht werden will, sagt Arnold.

Die Kinderhörspielreihe „Leo und die Abenteuermaschine“ schreibt Matthias Arnold seit 2016. Zwölf Folgen sind über seine Internetseite und über Amazon zu haben. Die 13. Folge erscheint im Januar, weitere zwei in der Reihe sind bereits eingesprochen. mo