Buchvorstellung
: Judenfeindlichkeit im Unterricht

Am Oranienburger Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum stellt der Deutsch-Israeli Ayre Sharuz Shalicar sein neues Buch vor. Es ist eine persönliche Analyse.
Von
Burkhard Keeve
Oranienburg
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Mit einer Botschaft unterwegs: Der deutsch-israelische Publizist Arye Sharuz Shalicar (links) konnte auch Stunden vor der Zeugnisausgabe und den Sommerferien die Schüler des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums Oranienburg für das schwere Thema Antisemitismus interessieren. Mit ihnen diskutierte er auch über Juden-Witze.

Burkhard Keeve

Arye Sharuz Shalicars zweites Buch „Der neu-deutsche Antisemit. Gehören Juden heute zu Deutschland?“ versteht er selbst als eine persönliche Analyse. Genau damit verschafft sich der Deutsch-Israeli auch am letzten Schultag noch Gehör, wenn er darüber erzählt, was er als 13-Jähriger im Wedding erlebt hat, wo er als Jugendlicher aufwuchs (siehe Hintergrund).

Auf sehr schmerzliche Art hat der 13-jährige Arye erfahren, „dass ich Jude bin, obwohl ich gar nicht wusste, was das bedeutet“. Nachdem in der Klasse eines Tages über das Schicksal eines jüdischen Kindes während des Holocausts gesprochen wurde, sagte sein bester Freund zu ihm, „dass alle Juden getötet werden sollten“. Sein Freund habe damals gedacht, er sei Moslem. „Ich bin auch Jude, habe ich ihm gesagt. Er glaubte mir nicht, sagte, er könne sofort erkennen, wer Jude ist.“ Am nächsten Tag hängte sich Arye eine Kette mit Davidstern (ein Geschenk seiner Oma) um den Hals. Er zeigte sie seinem Freund. „Er sprach kein Wort mehr mit mir. Er begrub unsere Freundschaft, obwohl das Jüdische in mir nicht existent war.“ Dieses Erlebnis sollte ihn nicht mehr loslassen. 2001 wanderte er nach Israel aus.

„Mir geht es gut dort. Ich habe eine Frau, Kinder“, sagt Arye Sharuz Shalicar den OSZ-Schülern. Doch immer häufiger passiere es ihm, dass sein Körper in Israel, aber seine Gedanken in Berlin seien. Er beobachte, „dass in Deutschland etwas aus dem Ruder läuft“. Als Beispiel erinnert er an die „widerliche Attacke auf jemanden, der eine jüdische Kopfbedeckung trug“. Das war am 17. April 2018. Da hatte ein 17-jähriger Syrer in Berlin-Prenzlauer Berg einen 19-jährigen Israeli mehrmals mit einem Hosengürtel geschlagen und als Jude beschimpft. Es gibt davon ein Handy-Video, das sich weltweit verbreitete.

„Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem“, sagt Arye Sharuz Shalicar. Das werde allerdings oft relativiert und „das Problem auf die Zuwanderer abgeschoben. Aber Antisemiten sind die Deutschen, die nicht aus der Geschichte gelernt haben“. Daher habe er dieses Buch geschrieben, um die Dinge beim Namen zu nennen.

„Gibt es Antisemitismus auch an eurer Schule?“, will er von seinen jungen Zuhörern wissen. Eine Schülerin sagt, dass am OSZ das Wort „Jude“ als Schimpfwort und Beleidigung benutzt wird. „Es gibt immer ein paar Idioten, die das machen“, sagt sie. Ein Schüler berichtet von Juden-Witzen. Auch vermeintlich harmlose Schmierereien wie „666“ und ein Judenstern daneben sind erst kürzlich auf einer Tafel aufgetaucht. „Ist das ein Scherz für sie?“, fragt Arye Sharuz Shalicar die Schüler. „Ich habe ein Problem damit, wenn es immer nur in eine Richtung, um eine Religion geht.“ Er fordert die Jugendlichen auf, aus der Geschichte zu lernen und Verantwortung zu übernehmen, auch bei vermeintlich harmlosen Witzen und Scherzen. „Sonst geht es weiter.“

Nur kurz verließ Arye Sharuz Shalicar zum Ende der Buchvorstellung seine Rolle als Privatmensch und wurde politisch. Auf die Frage hin, wie er sich gefühlt habe, als der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Februar dem Regime im Iran zum Nationalfeiertag gratulierte, sagte er heftig: „Scheiße! Das war zum Kotzen!“ Für Israel gehört neben der Hisbollah im Libanon, der Iran zu den Hauptfeinden des Staates.

Das Buch „Der neu-deutsche Antisemit“ ist im Hentrich und Hentrich Verlag Berlin Leipzig erschienen. ISBN 978-3-95565-271-5. Es kostet 16,90 Euro.

Lebenslauf

Arye Sharuz Shalicar wird 1977 als Sohn persisch-jüdischer Eltern in Göttingen geboren. Er wächst aber in Berlin auf.

Mit 13 Jahren zieht die Familie von Spandau in den Wedding. Dort wird der Gymnasiast monatelang von muslimischen Mitschülern antisemitisch angegriffen.

Der Jugendliche lernt dann aber einen arabischen Moslem kennen, der zu einem der größten Clanfamilien Berlins gehört. Die Attacken auf ihn hören dadurch schlagartig auf.

Er schließt sich der kriminellen Szene an, wird unter anderem Mitglied der "Black Panthers" und gründet schließlich selbst die deutschlandweit berüchtigte Grafftigang "Berlin Crime".

"Dieses Leben endet im Tod oder im Knast", wird Arye Sharuz Shalicar irgendwann klar. Er macht sein Abitur, geht zur Bundeswehr und entscheidet sich, Deutschland zu verlassen, "um woanders als Jude sicher zu leben".

2001 zieht er nach Israel, absolviert dort den Militärpflichtdienst. Danach studiert er.

2009 bis 2016 ist er offizieller Militär-Sprecher in Israel. Seit Anfang 2017 ist er Direktor für Auswärtige Angelegenheiten im Ministerium für Nachrichtendienste im Büro des israelischen Ministerpräsidenten.⇥bu