Chefarzt geht in den Ruhestand: „Ich gehe mit gutem Gewissen“
Start mit 20 Betten
Sein Sinn ist der Fortschritt. Als er 1987 von der Charité nach Sommerfeld kam, fand er 20 Betten und einen inspirierenden Gestaltungsspielraum vor. „Heute sind es 180 Betten mit 3 400 Patienten im Jahr“, fasst er die Entwicklung bündig zusammen. Aus einem kleinen Bereich ist mit Beharrlichkeit, Progression und Pionieren wie Wolfram Seidel und Oberarzt Volker Liefring eine deutschlandweit renommierte Klinik entstanden. Die konstruktive Aufbruchsstimmung der Wendejahre habe sich bis heute halten können. Anfang der 1990er-Jahre wollte Berlin die Klinik schließen. „Mithilfe der damaligen Landesregierung, den Krankenkassen und Krankenhäusern sowie Medizinern konnten wir gemeinsame Pläne vorlegen, wie es weitergehen kann“, sagt Seidel. Ein Rädchen zum Erhalt sei die damalige Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) gewesen. „Wir haben uns mit ihr abgestimmt“, erinnert sich Wolfram Seidel.
Und die „moderne Medizin am alten Standort“ – der Klinik-Komplex im alpinen Landhausstil entstand zwischen 1912 und 1914 als Lungenheilstätte – geht weiter. Anfang Dezember wurde in Berlin-Lichtenberg eine Tagesklinik für Manuelle Medizin eröffnet, welche Sommerfelder Konzepte als Vorbild genommen hat. „In voraussichtlich zwei, drei Jahren könnte es so eine Tagesklinik auch in Sommerfeld geben“, blickt Wolfram Seidel voraus, jenseits seines Wirkens. „Stillstand ist gefährlich. Das Ziel muss sein, immer weiter zu gestalten und neue Behandlungskonzepte zu entwickeln.“ Schließlich haben sich nicht nur Methoden geändert, sondern auch die Patienten. Wer hätte vor 30 Jahren ernsthaft gedacht, dass Rückenschmerzen aus einer psychischen Zwangslage hervorgehen können? „Das Wissen ist breiter geworden.“
Dr. Google relativieren
Zumindest theoretisch müsste es besser geworden sein. Doch nur wenige Schmerzgeplagte verlassen das Internet nach der Nachfrage bei Dr. Google mit der richtigen Diagnose. „Für uns ist es dann notwendig, die Sicht auf das eigene Empfinden einzuordnen und zu relativieren.“ Der Satz ist stellvertretend für Wolfram Seidels empathische Art ohne Zeigefinger. Er spricht ruhig und gewählt, gleichzeitig zurückhaltend und mit Überzeugung, als würde er eine beruhigende Geschichte erzählen.
Die Bindung zwischen Arzt und von Alltagsbelastungen und seelischen Dysfunktionen geplagten Patienten sei enorm wichtig. Der individuelle Mensch mit Erkrankungen des Bewegungssystems soll als Ganzes begriffen werden, nicht nur das allzu offensichtliche Leiden als Einzelnes. 16 bis 20 Tage sind Patienten im Schnitt in der Klinik für Manuelle Medizin. „Ein langer Zeitraum aufgrund der komplexen Behandlung. Aber es ist wirksam“, sagt Wolfram Seidel, der ganzheitlich den Ursachen des Schmerzes auf den Grund geht. „Der Leidensdruck ist oft groß.“
In Sommerfeld selbst wurde in diesem Jahr ein anderer Leidensdruck öffentlich: Die Beschäftigten streikten für mehr Geld. „Ich bin immer für eine bessere Bezahlung“, sagt Seidel. „Gleichmacherei ist zwar schlecht, aber wir müssen für eine vernünftige Bezahlung für engagierte Menschen sorgen.“
Seit anderthalb Jahren plant der Lehnitzer seinen Ruhestand. Bisher sei sein Tag fremdbestimmt gewesen; jetzt muss er seine 24 Stunden selbst gestalten: Familie, Bücherstapel abbauen, Fahrradtouren, Deutschland auf Reisen besser kennenlernen.
Auf der Abschiedsfeier mit 240 Gästen würdigte Wiebke Gröper, Direktorin der Sana Kliniken in Sommerfeld, die Arbeit von Seidel: „Sowohl der Aufbau als auch der heutige Erfolg der Klinik für Manuelle Medizin sind auf seine hervorragende Arbeit zurückzuführen.“ Zudem sei es unter seiner Federführung gelungen, „die Sana Kliniken Sommerfeld als größte Schmerzklinik in Deutschland zu etablieren.“
"Unsere Klinik in Sommerfeld ist ein ganz besonderer Ort"
Er ist 51 Jahre alt, gebürtiger Berliner und seit 20 Jahren in Birkenwerder zu Hause: Dr. med. Jan Emmerich übernimmt zum 1. Januar den Posten als neuer Chefarzt der Klinik für Manuelle Medizin in Sommerfeld.
Emmerich studierte an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald und der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine ärztliche Laufbahn begann in der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pulmologie am Charité Campus Mitte in Berlin. Im Rahmen der ärztlichen Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin und im Schwerpunkt Rheumatologie folgten Stationen in der Rheumaklinik Berlin-Buch, den Sana-Kliniken Sommerfeld sowie im Evangelisch-freikirchlichen Krankenhaus Bernau.
2009 begann er seine Tätigkeit als Oberarzt in den Sana Kliniken Sommerfeld und übernahm im Juli 2017 die Position des Leitenden Oberarztes der Klinik für Manuelle Medizin.
"Unsere Klinik in Sommerfeld ist ein ganz besonderer Ort", sagt er. Ihre einmalige Atmosphäre beruhe nicht nur auf der außergewöhnlichen Architektur, sondern "ganz besonders auf dem Zusammenhalt und dem freundlichen Umgang unter den Mitarbeitern aller Berufsgruppen".
Direktorin Wiebke Gröper freut sich, "einen hoch kompetenten und geschätzten Kollegen aus den eigenen Reihen für die verantwortungsvolle und herausfordernde Position gefunden zu haben", der Sommerfeld bereichern und neue Impulse geben könne.⇥red

