Flucht aus der DDR
: Zwischen Glienicke und Berlin - der harte Weg zur Freiheit

In Glienicke bei Berlin wagte Thomas Drescher die Flucht aus der DDR und bezahlte einen hohen Preis. Gefängnis, Folter und Verrat prägten seinen Weg in die Freiheit.
Von
Leonie Heß
Glienicke
Jetzt in der App anhören
Thomas Drescher (links) und sein Freund Dirk wenige Tage vor der Flucht.

Thomas Drescher (links) mit einem Freund am 7. Oktober 1988 in Magdeburg. Bereits hier ist ihm klar, dass die Flucht aus der DDR für ihn der einzige Ausweg ist. Kurz danach beginnt an der Grenze zwischen Glienicke und Berlin-West sein Martyrium.

Reproduktion Leonie Heß
  • Thomas Drescher floh 1989 aus der DDR, doch scheiterte und wurde verhaftet.
  • Sein Bruder kündigte an, ihn bei einem Fluchtversuch erschießen zu wollen.
  • Nach Folter und 15 Monaten Haft wurde Drescher im Oktober 1989 von der BRD freigekauft.
  • Die DDR erklärte ihn zur „unerwünschten Person“, drei Wochen vor dem Mauerfall war er frei.
  • Heute arbeitet Drescher als Zeitzeuge und setzt sich für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ein.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Heute lächelt er, damals litt er. Heute schäkert er mit der aufgedrehten Golden-Retriever-Dame vom Nachbartisch, damals konnte er sich nie sicher sein, ob der Nachbartisch ihm wohlgesonnen ist. Das Leben von Thomas Drescher ist von Gegensätzen geprägt. Es ist kurz nach 17 Uhr an einem besonders verregneten Mittwochnachmittag, und der Zeitzeuge beginnt, vom Leben vor seinem Leben zu erzählen.

1967: Thomas Drescher wird in der DDR geboren. Dort aufwachsend, wird ihm in seiner Jugend klar: In dieser Gesellschaft möchte er nicht leben. „Mein Leben war mir zu wertvoll, um es für immer in der DDR zu verbringen“, erklärt der 57-Jährige heute.

Der Mann aus dem Mühlenbecker Land schiebt die Ärmel seines blau-weiß-gestreiften Hemdes hoch und stellt klar: „Es ging mir nie um die gute alte Milka-Schokolade, sondern um Freiheit.“

Flucht aus der DDR – Familienkonflikt ist ausschlaggebend

Sein Fluchtwunsch wird vor allem durch ein Erlebnis ausgelöst: „Wenn ich ein Grenzsoldat wäre und dich dort fliehen sehen würde, ich würde dich erschießen.“ Diesen Satz sagt ausgerechnet sein Bruder zu ihm. Das trifft den jungen Thomas bis ins Mark. Man merkt ihm heute an, wie stark ihn diese Aussage aus den Reihen seiner eigenen Familie noch immer bestürzt. Bevor er weiterspricht, überlegt er kurz. „Das ist schon heftig, wenn der eigene Bruder das zu dir sagt.“

Eigentlich will er alleine fliehen. Sein Kindheitsfreund Dirk lässt sich aber nicht davon abbringen, mitzukommen, und so planen die beiden jungen Männer gemeinsam ihre Flucht. „Wir mussten vor allem wissen, wie, wann und von wie vielen Soldaten die Grenze kontrolliert wird“, sagt er. Auch wenn diese Auskundschaftungen gefährlich sind, so ist Thomas Drescher immer klar: „Ich habe nichts Wertvolleres als mein Leben. Also schien mir mein Leben als passender Einsatz, um mein Leben zu retten.“

Zeitzeuge Thomas Drescher ist als junger Mann aus der DDR geflüchtet. Eine Fluchtgeschichte geprägt von Freundschaft und Stärke.

Thomas Drescher wollte als junger Mann aus der DDR fliehen. Doch der Versuch misslang.

Leonie Heß

Die beiden müssen viele Vorbereitungen treffen. Eine brennt sich besonders ein: Er und sein Freund bauen im Garten hinterm Haus einen Turm aus Holzpflöcken, um zu üben, wie es sein wird, zu springen. Hier nur von einer Mauer aus Holz. Später dann von einer Mauer aus Stein und Angst. Ihm selbst kommen solche Geschichten heutzutage beinahe merkwürdig vor, aber das „war halt meine Realität“, sagt er und kratzt sich am Kopf.

Flucht aus der DDR geht vor den Toren Berlins schief

24. Januar 1989: der Tag der Flucht. Grenzpunkt Glienicke. Es dauert nur wenige Minuten, und dort, wo sie eigentlich ihre Freiheit feiern wollen, stehen sie vor einem Grenzer mitsamt Gewehr. Thomas Drescher bemerkt, wie jung und überfordert der Mann ihm gegenüber ist, denn er zittert stark. „Ich dachte mir: ‚Wenn der jetzt schießt, dann aus Überforderung‘. Ich konnte die Angst in seinen Augen sehen“, erinnert er sich heute.

Hier wollte Thomas Drescher aus der DDR fliehen

Wenig später landen sie in einem Objekt der Stasi in Hohen Neuendorf. Die Zeit dort ist geprägt von Folter und Misshandlung. Die Offiziere missbrauchen die Freundschaft der beiden für ihre Zwecke. Sie foltern den einen und lassen den anderen dabei zusehen, wie Thomas Drescher erzählt. Auch heute sind diese Erinnerungen für ihn noch immer schmerzhaft.

Nach Flucht in Glienicke: Verhaftung nach Artikel 213

Wenige Wochen nach der Festnahme wird am Gericht in Oranienburg das Urteil gefällt: Laut Artikel 213 des Strafgesetzbuchs der DDR hat sich Thomas Drescher einen „ungesetzlichen Grenzübertritt“ zuschulden kommen lassen. Die Strafe: 15 Monate Haft.

Nach der Verhandlung werden er und Dirk getrennt. An den Abenden in seiner Zelle ist für Thomas Drescher der Wunsch nach Freiheit aber noch immer ungebrochen. „Manchmal habe ich dann sogar meinen Kopf so fest gegen die Gitterstäbe gedrückt, damit ich frei schauen kann“, sagt er. „Schon verrückt, wie fern das heute wirkt.“

Thomas Dreschers Ausbürgerungsurkunde aus der DDR.

Thomas Dreschers Ausbürgerungsurkunde aus der DDR.

Leonie Heß

Eines Tages wird Thomas Drescher dann ohne Vorankündigung aus seiner Zelle geholt und in ein anderes Gefängnis verlegt. Hier sieht die Welt auf einmal ganz anders aus: Er bekommt mehr Schlaf, Essen und wird gut behandelt. Heute ist ihm klar, warum: „Die wollten mich aufpäppeln, damit ich gesünder aussehe. Echt ein ekliges Gefühl.“

Ein Arzt stellt noch offiziell Dreschers „Reisetauglichkeit“ fest, und dann wird er am 24. Oktober 1989 offiziell von der BRD freigekauft. Knapp drei Wochen vor dem Mauerfall. Die Urkunde der Ausbürgerung hat er noch, fein säuberlich in einem roten Hefter – ein altes Leben. Aus Nummer 220567 wird Thomas Drescher.

Kurz vor der Zugfahrt gibt der zuständige Stasi-Mann ihm seine Ausbürgerungsurkunde und lässt ihn wissen, dass er nun eine unerwünschte Person in der DDR sei. „Ich habe ihn dann angeschaut und gemeint: ‚Sie haben mir gar nichts mehr zu sagen!‘ Ich bin da heute noch stolz auf mich, dass ich mich nie habe unterkriegen lassen“, freut er sich. In Gießen sieht Thomas Drescher dann auch seinen Freund Dirk wieder – dieser wurde nur wenige Tage vor ihm freigekauft.

Thomas Dreschers vorläufiger Personalausweis der BRD. Ausgestellt am 20. Oktober 1989. Gut drei Wochen vor Mauerfall.

Thomas Dreschers (ehm. Fiedler) vorläufiger Personalausweis der BRD. Ausgestellt am 20. Oktober 1989. Gut drei Wochen vor Mauerfall.

Leonie Heß

Die Arbeit als Zeitzeuge bedeutet dem heute 57-Jährigen sehr viel. „Meiner Meinung nach wird die jüngste deutsche Geschichte sehr oft sträflich vernachlässigt, wobei wir so viel von ihr lernen können und sollten“, betont er.

Zu seinem Bruder hat er heute nur sporadisch Kontakt, aber sein Kumpel Dirk und er sind noch immer sehr eng befreundet. Was Thomas Drescher all diese Zeit hat durchhalten lassen, war ein Gedanke: „Ich wusste immer: Ich bin hier nicht der Böse. Ihr seid die Bösen. Frei sein zu wollen, ist keine Straftat!“