DDR-Geschichte
: Vom Stasi-Knast zur Korea-Konferenz – Zeitzeuge spricht von Haft

An seine Haft in der DDR denkt Michael Brack noch oft. Als Zeitzeuge führt er Gruppen durch das Ex-Stasi-Gefängnis in Berlin Hohenschönhausen. Nun ist er von einem südkoreanischen Minister nach Seoul eingeladen worden. Warum?
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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  • Zeitzeuge Michael Brack führt seit acht Jahren Besuchergruppen durch die Gedenkstätte des Stasi-Untersuchungsgefängisses in Berlin-Hohenschönhausen. Hier zeigt er einen grauen Barkas, in dem Gefangenen ohne Ausblick teils stundenlang durch Ost-Berlin gefahren wurden, damit sie nach der Ankunft nicht wussten, wo sie sich befinden.

    Zeitzeuge Michael Brack führt seit acht Jahren Besuchergruppen durch die Gedenkstätte des Stasi-Untersuchungsgefängisses in Berlin-Hohenschönhausen. Hier zeigt er einen grauen Barkas, in dem Gefangenen ohne Ausblick teils stundenlang durch Ost-Berlin gefahren wurden, damit sie nach der Ankunft nicht wussten, wo sie sich befinden.

    Maria Neuendorff
  • Michael Brack (l.) im Gespräch mit dem südkoreanischen Minister für Wiedervereinigung Kim Young-ho. Eine Dolmetscherin übersetzt.

    Michael Brack (l.) im Gespräch mit dem südkoreanischen Minister für Wiedervereinigung Kim Young-ho. Eine Dolmetscherin übersetzt.

    Kai Stottut
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Der Gang durch den Zellentrakt des ehemaligen DDR-Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen ist bedrückend. Der Blick in die engen Haft- und Verhörräume lässt Besucher erschaudern. Wer dabei von Michael Brack geführt wird, ist noch viel tiefer drin im Geschehen von damals. Denn als früherer Gefangener kann der 75-Jährige berichten, wie es sich anfühlte, durch die Glausbausteine an den Fenstern der stickigen Zellen nicht mal den Himmel sehen zu können.

Heute ist er es, der die schweren Riegel an den Zellentüren zurückschiebt, um zu zeigen, wie Wärter nachts alle 15 Minuten bei angeschaltetem Licht durch den Türspion spähten, um die Schlafposition der Insassen zu überprüfen: „Auf dem Rücken liegen und Hände und Kopf immer über der Decke. Wenn man sich mal auf die Seite drehte, wurde man sofort geweckt“, berichtet Brack und bummert zur Demonstration so lautstark an die Zellentür wie damals seine Wärter.

Einladung vom Minister für Wiedervereinigung

Mit seinem persönlichen Bericht hat der Zeitzeuge aus Oder-Spree im November 2023 auch eine Delegation um den südkoreanischen Minister für Wiedervereinigung, Kim Young-ho, so beeindruckt, dass dieser kurze Zeit später eine Einladung in die Gedenkstätte Hohenschönhausen senden ließ: Michael Brack wurde darin zu einer Konferenz über die Menschenrechtslage in Nordkorea nach Seoul eingeladen.

Bei der internationalen Tagung sollte er vor Experten und Botschaftsangehörigen seine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines 21-Jährigen, der, wie er sagt, nur aufgrund einer einzigen politischen Meinungsäußerung in der DDR inhaftiert und psychisch gefoltert wurde.

Micheal Brack im Dezember 2023 vor seinem Vortrag in Seoul bei einer internationalen Konferenz über die Menschenrechtslage in Nordkorea.

youngjun So

So stand Michael Brack 34 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer kurz vor Weihnachten wieder an einer inländischen Grenze. „Da kamen schon die Emotionen hoch“. Auf einer südkoreanischen Straße nahe der Grenze zu Nordkorea türmten sich riesige scheinbar nutzlose Beton-Bauwerke ähnlich wie Autobahnbrücken auf. „Man erklärte mir, diese würden bei einem Kriegsausbruch gesprengt werden, damit feindliche Panzer die Straße nicht mehr benutzen können.“

Durch Fernrohre konnte Brack über die Grenze blicken. Während die Berge in Südkorea mit Bäumen bewachsen sind, sind die in Nordkorea kahl. „Sie wurden abgeholzt, damit die Bevölkerung überhaupt heizen und Essen kochen kann, erklärte mir die Reiseleiterin“, berichtet er. Und auch, dass die nordkoreanische Siedlung, rund einen Kilometer entfernt, ein Fake sei. „Dort steht ein fünfstöckiges Haus ohne Fensterscheiben. Abends gehen plötzlich an allen Fensteröffnungen gleichzeitig die Lichter an“, erzählt Brack. „Sie wollen damit wohl zeigen, dass sie auch moderne Häuser bauen können.“

Michael Brack (l.) mit Reiseleiterin Mr. Choi und Kai Stottut, Vorstandsvolontär in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen; auf dem letzten Bahnhof in Südkorea vor der Grenze zu Nordkorea.

Kai Stottut

Ähnlich wie in Berlin zieht die Teilungs-Geschichte Koreas Touristen an. Ein Besucher-Magnet sind unter anderem „Invasions-Tunnel“, die Nordkorea einst unter der entmilitarisierten Zone Richtung Südkorea buddeln ließ.

Auch wenn den gebürtigen Berliner Tunnel und der koreanische Todesstreifen an die einstige deutsch-deutsche Teilung erinnerten, so entdeckte er auch Unterschiede. „Ein ganz wichtiger ist die Information“, betont Brack. „In der DDR war es möglich, West-Fernsehen zu schauen und Besuch von Verwandten aus der Bundesrepublik zu empfangen“. Dass man sich politisch und kulturell über den anderen Teil Deutschlands habe informieren können, habe sicher auch zum Erfolg der friedlichen Revolution beigetragen, glaubt er heute.

In Nordkorea bekommen die meisten Menschen bis heute keine seriösen Informationen aus der Außenwelt. „Ihnen wird unter anderem erzählt, dass man ihnen in Südkorea die Augen aussticht, sollten sie dorthin fliehen“, berichtet Brack, der bei der Konferenz auch mit Geflüchteten aus der Demokratische Volksrepublik Korea zusammenkam. Der Großteil der Bevölkerung Nordkoreas habe keinen Zugang zum freien Internet. Brack berichtet von einer südkoreanischen Insel, auf der Aktivisten Flaschen mit Reis und USB-Sticks füllen, in der Hoffnung, dass die Strömung die Flaschenpost mit Musik und Informationen nach Nordkorea spült.

Die Nachricht, die Brack nach eigener Schilderung einst in Stasi-Untersuchungshaft brachte, lautete: „Freiheit für die TscheSSR – Es lebe Dubček“. Nur vier Mal pinselte der junge Mann die Losung aus Protest gegen die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 an Ost-Berliner Häuserwände. „Dann wurden wir von einem Anwohner gestört und flüchteten.“ Erst ein Jahr später wurde der 21-Jährige verhaftet. Ein Bekannter hatte ihn denunziert, erfuhr er später aus seiner Stasi-Akte.

Schlafentzug und totale Isolation

Zwei Tage wurde er im berüchtigte Polizeigefängnis Keibelstraße festgehalten, dann kam er in das Stasi-Untersuchungsgefängnis nach Potsdam. Die menschenunwürdigen Haftbedingungen mit Erniedrigungen, Einschüchterungen, Schlafentzug und totaler Isolation sowie die bis zu achtstündigen Verhöre waren dort ähnlich wie in Hohenschönhausen. „Nur, dass ich keine Toilette, sondern nur einen Kübel in der Zelle hatte“, erzählt Brack.

Die Offiziere, die eine Ausbildung in „operativer Psychologie“ an der „Juristischen Hochschule“ der Staatssicherheit in Potsdam absolviert hatten, versuchten, die Gefangenen auch mit dramatischen Lügen über ihre Familien zu manipulieren und zu zermürben, um von ihnen Geständnisse für Dinge zu erzwingen, die sie gar nicht getan hatten. Zum perfiden Zermürbungsprozess gehörte der Entzug von menschlichen Begegnungen, optischen Eindrücken und jeglicher Beschäftigung. „Irgendwann sehnte ich mich nach dem Vernehmer, denn er war der einzige, der mit mir redete. Dabei fand ich ihn doof und brutal“, erzählt Brack.

Außer seinen TscheSSR-Losungen hatte er nichts weiter zu gestehen. Doch das Prager Frühlings-Thema will 1969 auch die Staatssicherheit nicht mehr wirklich hochkochen. So kommt der 21-Jährige nach einem Vierteljahr frei. Berufliche Perspektive gibt es für einen wie ihn nicht mehr. „Ich hob auf dem Friedhof Gräber aus und belud Güterwaggons.“ Über Freunde kann er irgendwann bei einem Puppentheater in Magdeburg anheuern und bekommt doch noch einen Schauspiel-Studienplatz. Nach einem Jahr erhält Brack einen Einberufungsbefehl zur Nationalen Volksarmee. „Eigentlich zog man Studenten nicht ein, aber bei einem so bösen Menschen wie mir musste man wohl zeigen, wo der Hammer hängt.“

Nur seine Frau hielt ihn in der DDR

Nach dem Wehrdienst, den er als Bausoldat absolviert, weil er keine Waffe in die Hand nehmen will, ist der Studienplatz weg. „Ich sah für mich keine Zukunft mehr und wollte in den Westen.“ Doch dann lernte Brack seine Frau kennen, mit der er bis heute zusammenlebt. „Sie wollte die DDR nicht verlassen, und ich wollte sie nicht verlassen.“ Zusammen bezogen sie 1982 ein heruntergekommenes Gehöft in Brandenburg und richteten es her. „Sie arbeitete als Bildhauerin und ich hütete Schafe.“ Erst später erfuhr er, dass man ihn und seine Familie bis 1984 bespitzelt hatte. „Da waren dann konspirative Fotos in meiner Stasi-Akte, in denen sogar das Kinderzimmer eingezeichnet war.“

Mitbegründer des Neuen Forum

Nach der Wende wurde Brack, der das Neue Forum mitbegründet hatte, in Hartmannsdorf (Oder-Spree) zweimal zum Bürgermeister gewählt. Neben seinem Amt studierte er Verwaltungsrecht. Später übernahm er die Geschäftsführung der Kulturgießerei Schöneiche und gründete danach noch eine eigene Firma in der Kulturförderung.

Auch mit 75 Jahren legte er nicht die Füße hoch. Seit vielen Jahren ist Brack aktives Mitglied der Bündnisgrünen in Oder-Spree. Beim Neujahrsempfang seiner Partei wird er nun auch einen Vortrag über seine Korea-Reise halten. Diese hat bei ihm selbst so einen Eindruck hinterlassen, dass er sich künftig in einer Deutsch-Koreanischen Freundschafts-Gesellschaft engagieren will.

Michael Brack (r.) besuchte auf Einladung des Ministeriums für Wiedervereinigung in Südkorea auch das Dora-Observatorium. Der Beobachtungspunkt liegt auf der südkoreanischen Seite und bietet einen Blick über die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea.

Kai Stottut

Dazu wird Michael Brack weiter Gruppen durch die Gedenkstätte in Berlin Hohenschönhausen führen. Im Neubau mit 100 Einzelzellen und 120 Vernehmungszimmern zeigt er ihnen unter anderem die immer noch erhaltenen roten Warnlampen in den Gängen. Mit ihnen sollte verhindert werden, dass sich die Gefangenen beim Gang zum Verhör begegneten. „Wenn eine der Lampen anging, musste man sich sofort mit dem Gesicht zu Wand stellen“, berichtet Brack. „So konnte man nicht einmal einen aufmunternden oder mitleidigen Blick mit den Mitgefangenen tauschen.“

Teilung Koreas

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Korea in zwei Teile geteilt: Nordkorea und Südkorea. Diese Teilung wurde durch den Korea-Krieg (1950-1953) noch verstärkt. Nordkorea ist eine kommunistische Diktatur, während Südkorea eine demokratische Republik ist.

Die Demilitarisierte Zone entlang der Grenze zwischen Nord- und Südkorea wurde eingerichtet, um den Waffenstillstand zu überwachen und gilt als einer der stärksten militarisierten Grenzen der Welt.

Das Ministerium für Wiedervereinigung (Ministry of Unification) in Südkorea ist eine Regierungsbehörde, die sich mit Fragen der Wiedervereinigung Koreas und der Beziehung zu Nordkorea befasst.