Interview: „Es muss nicht immer Millionen kosten“

Vor der Kremmen-Karte: In seinen Sprechstunden bereiste der Rathauschef die Dörfer. Was er dort hörte: Überall wird Raserei und rücksichtsloses Parken bemängelt. Im nächsten Jahr sollen deshalb weitere Tempo-30-Zonen in den Orten angeordnet werden.
Vorname NachnameDas Jahr scheint mit schlechten Nachrichten zu enden: 2,6 Millionen Euro könnte die Turnhallen-Sanierung kosten. Welche gute Nachricht aus 2019 könnte das aufwiegen?
Sebastian Busse: Es gibt viele gute Nachrichten, die nicht immer mit Geld zu tun haben! Wir hatten ein tolles Ernte- und Regionalparkfest mit hohem ehrenamtlichem Engagement. Es gab regelmäßig Feste in den Ortsteilen. Das sind fürs Wohlbefinden der Bürger tolle Zeichen! Gute Nachrichten sind zudem, dass die Gehwegverbindung Ruppiner Straße fertig geworden ist, dass wir schon weitere Projektzeichnungen für Spielplätze gemacht haben und dass der Feuerwehrbau vorangegangen ist.
Haben Sie ein persönliches Highlight?
Es gibt so viele Kleinigkeiten. Wie den ZDF-Film, der hier vorige Woche in der Kirche gedreht wurde. Das ist Werbung für die Stadt. Mit den Produzenten habe ich dazu an diesem Tisch verhandelt. Der Dreh sollte eigentlich im Rathaus stattfinden. Ich bin auch stolz, dass wir in Beetz den Werkraum in so kurzfristiger Zeit umfunktionieren konnten.
Der Grundschule fehlte ein Unterrichtsraum.
Ja, ein Klassenraum. Das haben wir unkompliziert lösen können. Die Schüler fanden so nach der Einschulung am 8. August vernünftige Lernbedingungen vor.
Die Kita-Erweiterung in Staffelde geht ebenfalls voran?
Es ist soweit alles fertig, aber wir warten noch auf das letzte Abnahmeprotokoll. Wir haben dann für 150 000 Euro 25 neue Plätze. In Kremmen wollen wir für 1,5 Millionen rund 30 Plätze schaffen. Diese Relation macht einen ein bisschen nachdenklich.
Kurz zum seit Jahren leer stehenden Aldi. Was für ein Projekt ist da geplant?
Seit drei Jahren versucht Aldi, dieses Projekt an den Mann zu kriegen. Es gab mehrere Interessenten. Am Ende stimmte nicht nur das Geld, sondern auch das Konzept. Wir als Stadt unterstützen das. (Legt einen bunten Prospekt auf den Tisch, zu sehen ist eine Art Karl’s Erdbeerhof für Bienenfreunde)
Ein Bienenland?
Ja, von der Firma Beekeepers aus Berlin. Das Unternehmen wächst, und Berlin wird zu klein. Die Firma hat mit Aldi einen Vertrag geschlossen. Es sollen Wohnmobilstellplätze entstehen, zudem ein Bienengarten mit mehreren Völkern, eine Schauimkerei, Café und Spielplatz, ein Einkaufshandel. Es könnte mit dem Scheunenviertel und dem Spargelhof ein touristisch attraktives Dreieck bilden. Ich denke, dass das Bienenland in vielleicht zwei, drei Jahren entstehen könnte.
Kommen wir zur Schullandlandschaft.
Mich macht stolz, wie engagiert die Schulführung bei uns ist. Wenn man sich die Weihnachtsprogramme anschaut und sieht, was die Schüler lernen! Dass wir solche Bedingungen schaffen, wie die Medienfit-Ausstattung – da sind wir wirklich gut dabei.
Fehlen nur noch Turnhalle und Klassenräume.
Ja, da arbeiten wir dran. Ab kommendem Schuljahr haben wir in Kremmen durch eine Containerlösung zwei weitere Klassenräume. Da sind wir in der Baugenehmigungsphase. Dann kommt die Turnhalle: Das ist natürlich ein riesengroßer Schrecken, wenn man die 2,6 Millionen Euro sieht. Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl.
Rein theoretisch: Sollten die Abgeordneten die Sanierung befürworten, wäre das für Kremmen finanziell überhaupt realisierbar?
Mit Krediten könnte man das. Wir haben 600 000 Euro im Haushalt für die Sanierung zur Verfügung gestellt, hinzu kommen die bewilligten Fördermittel. Ich muss dem Fördermittelgeber aber die Wirtschaftlichkeit erklären.
Ein Neubau wäre günstiger?
Der Quadratmeterpreis wäre günstiger. Das muss ich dem Fördermittelgeber erklären. Wenn ich das nicht kann, bekomme ich die Fördermittel nicht.
Es wird erneut eine politische Entscheidung.
Im März 2017 bin ich Bürgermeister geworden. Kurz danach kam wegen der Halle schon die Schulleitung zu mir. Wir mussten sie später schließen. Geschafft haben wir bis heute nichts, außer dass wir nun wissen, dass die Sanierung Millionen kosten könnte. Als Verwaltung haben wir versucht, eine Lösung zu finden. Die Substanzerkundung hat sich gezogen. Die Entscheidung zu fällen, dass saniert werden sollte, hat gedauert. Wir stehen jetzt da, wo wir schon vor zwei Jahren standen. Da habe ich schon gesagt, die Schule muss erweitert werden. Für Grundschulsport brauche es aber keine Wettkampfhalle.
Stichwort Finanzen: Was fällt weg, wenn die Mieteinnahmen vom Kreis für die Gemeinschaftsunterkünfte von gut einer halben Millionen im Jahr fehlen?
Die halbe Millionen hatten wir ein Jahr lang zur Verfügung: von Oktober 2019 bis Oktober 2020. Das ist das einzige Mal, wo wir davon leben konnten. Davor die Jahre haben wir mit dem Geld den Kredit für den Bau über 3,2 Millionen zurückgezahlt. Da haben wir noch 1,7 Millionen Euro offen, die über die nächsten 15 Jahre mit 125 000 Euro pro Jahr abgezahlt werden.
Kremmen will wachsen, Wohnungen sind knapp.
Für die Stadt ist das gut. Ich habe Hoffnung, dass wir schon ab Mai leer gezogene Häuser umbauen können. Sodass die, die integriert sind, und SGB II empfangen im Oktober von einem Haus ins andere ziehen können.
Eine attraktive Gegend neben dem Bienenland.
Definitiv. Eine schöne Wohnlage!
Anderes Thema: Wie ist der Stand zum Feuerwehr-Neubau?
Sehr positiv. Wir haben die europaweite Vergabe fertig, die Grundstücke gekauft, drei Planungsbüros, wir kennen die Vorentwürfe. Die Baugenehmigung könnte bis Mitte 2020 erfolgen, sodass wir Fördermittel beantragen und 2021 bauen könnten.
Haben Sie als Feuerwehrmann selbst noch Zeit für Einsätze?
Na klar! Wenn in Staffelde der Hahn kräht, bin ich da. Nur meine 200 Ausbildungsstunden pro Jahr kriege ich zeitlich nicht voll. Ich bin sicher kein gut ausgebildeter Feuerwehrmann, aber ich habe immer gesagt: Ich bin einer mehr, der hilft und unterstützt, wie beim Waldbrand in Wolfslake.
Sie waren eher der Fußballer.
Ja, deshalb bin ich spät zur Feuerwehr gekommen.
Spielen Sie noch Fußball?
Ich spiele nicht mehr, das macht mein Knie nicht mehr mit. Aber ich bin noch Trainer bei den Junioren. Was die Kinder einem zurückgeben, das ist unbezahlbar.
Wie unbezahlbar ist für Kremmen der Tourismusbus, der dieses Jahr Premiere hatte?
Die Partner sind sich einig: 2020 geht es weiter, da die gesamte Region profitiert hat. Kremmener können in 28 Minuten zum Bahnhof Oranienburg fahren und in den neuen IC steigen. Das ist ein riesiger Vorteil. Ich selbst bin dreimal mit der Familie in den Tierpark Germendorf gefahren und zum ersten Mal in den Schlosspark Oranienburg.
Wo geht die Reise der Linie hin?
Das große Ziel: Sie muss 2021 in den Nahverkehrsplan aufgenommen werden. Wir müssen dafür kämpfen, auch im Kreistag, dass der Bus unter der Woche ein paarmal fährt.
Stichwort Parlament: Kremmen ist nach der Kommunalwahl jünger geworden. So wie sie es sich Anfang des Jahres gewünscht haben. Sind sie zufrieden?
Ja, es sind junge engagierte Leute dabei. Wir haben acht neue Stadtverordnete. Natürlich fehlt dadurch etwas die politische Erfahrung. Was ich mir wünschen würde für die Zukunft: dass das Persönliche aufhört. Die Abgeordneten sollten das abschaffen. Es sollte um Kremmen gehen.
Der Haushalt bekam überraschend vier Gegenstimmen in der vorigen Sitzung.
Das hat mich sehr beschäftigt. Wer dem Haushalt mit 380 Seiten nicht zustimmt, nur weil ihm ein oder zwei Passagen nicht passen – das finde ich dem Kämmerer und dem Bürgermeister gegenüber respektlos und der Stadt gegenüber nicht fair.
Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für 2020?
Ich wünsche mir, dass wir, dass die Verwaltung weiter so fleißig ist und die Mitarbeiter gesund bleiben. Dass wir mit den Politikern vertrauensvoll arbeiten. Ich habe nichts zu verstecken. Aber es muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Der Spielplatz in Amalienfelde ist für mich zudem noch ganz wichtig.
Da geht’s voran?
Wir investieren 100 000 Euro. Ich bin guter Dinge, dass er im nächsten Jahr gebaut wird. Und wer Probleme hat, der kommt zu mir in die Bürgermeister-Sprechstunde. Die wird 2020 fortgesetzt.
Das war eine Premiere in diesem Jahr. Wie war die Resonanz?
Das Angebot wurde dankbar angenommen. Es kommen viele Kleinigkeiten zusammen, die ich schnell erledigen konnte. Da sieht der Bürger, dass ich zuhöre und mache. Es kamen sogar Dankes-E-Mails im Nachgang. Diese Kleinigkeiten bereichern das Leben. Es muss nicht immer Millionen kosten.
Busse über den Maaßen-Besuch
Als der umstrittene ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen nach Kremmen kam, hagelte es Kritik. Busse war unter den Gästen: "Die Kritik muss man akzeptieren und drüber stehen. Fakt ist: Die Einladung haben Abgeordnete, normale Bürger aus Kremmen und dem gesamten Kreis angenommen. Niemand hat Maaßen zugehechelt. Er hat gut und sachlich geredet."⇥win