Interview: Rother will Hochwasser und A10-Lärm von Leegebruch fernhalten

Leegebrucher mit Leidenschaft: Martin Rother (CDU) hat im Dienstzimmer des Bürgermeisters, der er seit Herbst vorigen Jahres ist, Platz genommen. Einen Großteil seiner Arbeit erledigt er aber nach wie vor in seinem bisherigen Amtsleiter-Dienstzimmer.
Friedhelm BrenneckeHerr Rother, Sie waren beinahe fünf Jahre amtierender Bürgermeister. Was hat sich für Sie geändert, seitdem Sie mit breiter Mehrheit gewählter Rathauschef sind?
Da hat sich für mich im täglichen Arbeitsablauf nur wenig geändert. Ich nutze mein altes Büro neben der Kämmerei weiterhin, weil sich dort noch die meisten meiner Arbeitsunterlagen befinden. Neu ist jetzt allerdings, dass ich als Bürgermeister mehr Repräsentationspflichten habe. Das ist nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung. Daran werde ich noch arbeiten müssen. Denn ein gewählter Bürgermeister muss seine Gemeinde auch würdig nach außen vertreten können.
Im vorigen Jahr wurde der wichtigste Durchlass an der Eichenallee gebaut. Sind damit die notwendigen Folgemaßnahmen nach den verheerenden Starkregenereignissen von 2017 abgeschlossen?
Das Thema Entwässerung ist Chefsache und wird uns noch viele Jahre beschäftigen. Der große Durchlass-Neubau an der Eichenallee ist ein ganz wichtiger Schritt, um eine vernünftig funktionierende Entwässerung des nord-westlichen Teils der Gemeinde zu gewährleisten. Aber auch die Beseitigung eines defekten Durchlasses im Pinnower Nordostkanal war ein unerlässlicher Schritt, um den Hochwasserschutz für Leegebruch nachhaltig zu verbessern. Dem müssen aber noch zahlreiche weitere Maßnahmen folgen.
Reicht denn der Querschnitt des Hauptgrabens insgesamt aus, um große Regenmengen auch vernünftig ableiten zu können oder sind dort weitere Maßnahmen nötig?
Die genannten Arbeiten an der Entwässerung sind schon Maßnahmen des 2016 beauftragten Generalentwässerungsplans, die wir vorweggenommen haben. Wir wissen außerdem, dass die Entwässerung des nordwestlichen Gemeindeteils allein über den Hauptgraben nicht ausreichen wird. Wir werden an Druckleitungen nicht vorbeikommen, die Oberflächenwasser aus dem nördlichen Gemeindeteil auch in Richtung Osten zur Muhre ableiten. Offene Gräben sind bei der engen Bebauung dort nicht möglich.
100 000 Euro hat die Gemeindevertretung für den Ankauf von Überflutungsflächen bereitgestellt. Wie weit sind Verhandlungen diesbezüglich gediehen?
Wir waren gerade mit der Bodenverwertungs/ und Verwaltungsanstalt des Bundes (BVVG) im Gespräch, um zirka 20 Hektar an Überflutungsflächen an unseren Gemeindegrenzen zu erwerben. Für die besondere Situation Leegebruchs, die wir detailliert vorgetragen haben, hatte man dort durchaus Verständnis. Allerdings wurde uns auch signalisiert, dass die BVVG Flächen eigentlich nur zu land- und forstwirtschaftlichen Zwecken veräußert. Ob wir da zum Zuge kommen, bleibt also noch abzuwarten. Um im Falle eines Starkregens mit ähnlichen Wassermengen wie im Sommer 2017 klarzukommen, sind wir allerdings prophylaktisch auf solche Überflutungsflächen angewiesen, um Hochwasser in den Siedlungsgebieten der Gemeinde zu verhindern.
Gibt es in Sachen Lärmschutz beim sechsstreifigen Ausbau der A 10 doch noch eine gewisse Hoffnung für Leegebruch, weil die nicht mehr benötigte Rampe zur Auffahrt der A 111 auf die A 10 bestehen bleiben könnte und damit einen gewissen Schutz böte?
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Nachdem der Landesbetrieb unseren Wunsch zunächst strikt zurückgewiesen hat, will er den Fall nun noch einmal prüfen. Dass Leegebruch beim Ausbau der A 10 kein aktiver Lärmschutz zugesprochen wurde, liegt daran, dass der Planfeststellungsbeschluss zum Autobahnkreuz bereits 1998 mit dem Ausbau der B 96 neu getroffen wurde. Damals ist es hier leider versäumt worden, die Dinge korrekt abzuarbeiten. Für uns bleibt der Lärmschutz aber ein Thema. Es ist doch niemandem verständlich zu machen, dass an der sechsstreifig ausgebauten A 10 überall meterhohe Lärmschutzwände installiert werden müssen, nur nicht auf einem einen Kilometer langen Abschnitt, der allein Leegebruch betrifft. Selbst wenn rechtlich alle Messen gesungen sind, das zu ändern, bleibt noch unser Protest und der der betroffenen Bürger, mit dem wir die Politik konfrontieren werden.
Warum können die OVG-Buslinien 800 und 824 nicht weiter über die Gartensiedlung verkehren, wie es zahlreiche Anlieger fordern und wie es während der Sperrung der Eichenallee auch ganz gut geklappt hatte?
Auch ich bin für einen gut ausgebauten ÖPNV und begrüße es, wenn Buslinien die Gartensiedlung bedienen würden. Das ist bereits ein altes Thema. Erste Voraussetzung war die Besiedlung von Fritzens Hut und damit die Verlängerung der Hauptstraße an die Straße der Jungen Pioniere. Das ist ja inzwischen erfolgt, schneller, als uns das vor einigen Jahren noch möglich erschien. Eine andere Bedingung der OVG wurde ebenfalls erfüllt. Das ist die Verkehrsinsel auf der L 172 in Velten. Allerdings ist der Zustand der Veltener Straße äußerst desolat. Wir hatten schon Befürchtungen, dass diese Straße während des vorübergehenden Busverkehrs unter den Lasten einbrechen könnte. Bevor also ein regulärer Busverkehr dort stattfinden kann, muss die Veltener Straße, unter der sich eine Torflinse befindet, grundhaft ausgebaut werden. Das kann die Gemeinde finanziell allein nicht stemmen. Außerdem fehlt es in der Gartensiedlung an nötigen Geh- und Radwegen. Die müssten bei einem Verkehr von 110 Bussen am Tag auch erst einmal geschaffen werden. An den Ausbaukosten wären dann aber auch die Anlieger zu beteiligen. Das wird sicher nicht nur auf Zustimmung stoßen.
Hätte die Gemeinde nicht die Chance, für einen grundhaften Ausbau der Veltener Straße Fördermittel in Anspruch zu nehmen?
Wir werden uns natürlich um Fördermittel bemühen und setzen dabei große Hoffnungen in die neue Landesregierung, die mit einem Milliarden schweren Investitionsprogramm Mängel in der Infrastruktur abbauen will. Dabei soll der ÖPNV einen großen Stellenwert bekommen. Wir werden unsere Wünsche anmelden und hoffen auch auf Unterstützung von gleich drei hiesigen Landtagsabgeordneten aus den Reihen der Regierungsparteien.
Konnten die personellen Engpässe bei der Kinderbetreuung in den vier Standorten von Kita und Hort inzwischen abgebaut werden?
Ja, wir haben im Sommer neue Erzieherinnen einstellt, sodass wir aktuell keine Probleme haben und sicher auch keine gravierenden mehr bekommen werden. Allerdings reicht aus unserer Sicht der vom Land festgesetzte Personalschlüssel in der täglichen Arbeit nicht aus, sodass wir über den vorgegebenen Personalschlüssel hinaus zusätzliches Personal beschäftigen und dafür aber keine Landeszuschüsse erhalten. Insgesamt geht es uns aber ähnlich wie den übrigen Kommunen, da es immer noch zu wenig ausgebildete Erzieherinnen am Markt gibt.
Welche Aufgaben haben für Sie in diesem Jahr Priorität in Leegebruch?
Wir müssen alle Aufgaben, die uns der Generalentwässerungsplan aufgibt, Schritt für Schritt erledigen. Auch gibt es einen enormen Investitionsstau. Selbst vieles, was in den 1990er-Jahren neu gebaut wurde, weist Mängel auf, die wir abstellen müssen. Bei der Straßenbeleuchtung konnten wir das gleichzeitig mit der Umrüstung auf LED voriges Jahr bereits abschließen. In der Grundschule, die außerdem mit neuen Medien auszustatten ist, und den Kita-Standorten sind diesbezüglich noch einige Arbeiten zu erledigen. Alle Welt redet vom Umwelt- und Klimaschutz. Deshalb werden wir uns verstärkt auch mit den Gewerbegebieten rund um Leegebruch zu befassen haben, von deren Emissionen wir unmittelbar betroffen sind.
Zur Person
Martin Rother (47) ist in Hennigsdorf geboren und in Leegebruch aufgewachsen. Der gelernte Werkzeugmacher begann 1991 eine Lehre zum Verwaltungsfachangestellten in der Partnerstadt Lengerich. Mit seinem Antrittsbesuch in Lengerich vor einigen Tagen schloss sich für Rother ein Kreis.
Am 1. September 2019 wurde Rother bei drei Mitbewerbern mit einem klaren Vertrauensvorsprung von 55,8 Prozent zum Bürgermeister Leegebruchs gewählt.
Rother ist seit seiner Kindheit Handballer. In einer Ü-40-Mannschaft beim OHC Oranienburg spielt er nach wie vor. Rother lebt in Lebensgemeinschaft und ist Vater einer Tochter.⇥bren