Liederabend: Berührender Gesang für die Opfer der NS-Zeit
Viele können mitsingen
Doch so bedrückend bleibt es nicht. Von einem jiddischen Lied über ein angebundenes Kälbchen wechselt Karsten Troyke unmerklich in das italienische Partisanenlied „Bella ciao“, dessen schmissige Melodie viele im Publikum mitsingen können. Die drei Musiker sind ein eingespieltes Team. Bevor Bettina Wegner ihr bekanntestes Lied von den kleinen Händen singt, erzählt sie in leichtem Berliner Plauderton von einer Punk-Version „Sind so kleine Biere“ und einer inzwischen vom Markt genommenen rechten Version. Ihre Stimme bringt sogar ohne Begleitung bei den Zeilen „Grade, klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Menschen ohne Rückgrat hab’n wir schon zu viel“ die Kirche beinahe zum Bersten. Bei einem Gitarrensolo von Jens-Peter Kruse erholen sich die Zuhörer von den ganz großen Gefühlen. Von zwei Singstimmen und zwei Akustik-Gitarren werden sie an diesem Abend einmal durch den ganzen Lebenskreis geführt.
Liebe und Trauer, Glück und Tod holen die Künstler in den Raum. Im Hintergrund scheinen die Menschen aus den Völkern, die ausgelöscht werden sollten, immer dabei zu sein. So erklingt auf Romani die Hymne der Roma, Liebeslieder auf Hebräisch, Deutsch und Jiddisch. Auf Russisch „das schönste russische Zigeunerlied“, wie Karsten Troyke mit einem Seitenhieb auf allzu korrekte Sprachzensoren sagt.
Die im vergangenen Jahr restaurierte Kirche bildet einen guten Rahmen für die Musik. Rechts und links sind noch die Lieder vom letzten Gottesdienst angeschlagen, über dem schlichten neogotischen Altar, vor dem die Musiker stehen, gibt es wieder ein Gewölbe, das die Akustik verbessert. Vor allem ist aber an der Wand des Altarraums eine zarte Malerei zu erkennen. Sie stellt das himmlische Jerusalem dar, das wie ein Ziel oder ein Versprechen hinter den Liedern zu stehen scheint.
Als der Beifall zum Schluss des Konzertes nicht enden will sagt Karsten Troyke: „Hier gibt es keine Sakristei, wir können nicht verschwinden. Wollt Ihr vielleicht noch zwei Lieder hören?“ Das wirklich allerletzte Lied des Abends ist dann Leonhard Cohens „Dance me to the end of love“, das er in Gedanken an all die Ermordeten schrieb, die keine Liebe leben konnten. Die Version Wegner/Troyke erklingt auf deutsch, jiddisch und englisch, und beim Refrain singt das Publikum mit.
Pfarrer Bernhard Hasse bedankt sich mit einem Engelsfigürchen. „Das ist kein niedlicher Engel, sondern ein beunruhigender. Er soll an den Schmerz erinnern und an die Gefahr, gleichgültig zu werden.“ Und er bittet die Künstler: „Machen Sie weiter so“, worauf Bettina Wegner prompt erwidert: „Und macht ihr auch weiter so!“
Liederabend reicht nicht
Kritik äußerte der Glienicker Gemeindevorsteher Uwe Klein (SPD an der Gedenkveranstaltung in Schildow. „In einer Zeit, in der Anitsemitismus und das Ausgrenzen von Minderheiten in Deutschland wieder salonfähig zu werden scheinen, ist ein Liederabend aus meiner Sicht kaum ein würdiges Gedenken, das in die Zukunft wirkt“, schreibt der Kreistagsabgeordnete auf seiner Homepage. „Wir brauchen ein Gedenken, dass die Aufmerksamkeit darauf ausrichtet, dass menschenverachtende Worte und Taten verurteilt und sanktioniert werden. Und dass dies eine Aufgabe jedes Einzelnen von uns ist. Denn das sind wir nicht nur allen Opfern des Zweiten Weltkrieges schuldig, sondern auch unseren Kindern, die in Frieden aufwachsen und sich für eben jenen Frieden einsetzen sollen“, so der Glienicker, der es bedauerte, dass es in seiner Gemeinde keine Veranstaltung zu dem Gedenktag gab. Das Gedenken zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau habe sich auf die Teilnahme an einem Liederabend reduziert, schreibt Klein. Er wies aber darauf hin, dass Bürgermeister Hans-Günther Oberlack (FDP) Schirmherr der Veranstaltung und vor Ort gewesen sei
Torsten Lindner, Vorsitzender des Vereins Nordbahngemeinden mit Courage, kann die Kritik von Klein nicht nachvollziehen. "Alle, die ich gesprochen haben, bestätigten, dass wir in einen würdigen Rahmen den Gedenktag begangen haben“, sagte Lindner auch Nachfrage. Er verwies auf die viele emotionalen Momente des Abends durch die Liedermacher, die auch in jiddischer Sprache gesungen haben. „Das war bewegend“, so Lindner. In diesen Liedern sei zu spüren gewesen, dass es „die Sehnsucht nach friedlichem Miteinander, Liebe und Geborgenheit ist, die uns als Menschen eint, egal wo oder wie wir leben“.
Infokasten (3sp)
Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf.
Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf. Und am Ende steht ein Kürzel.⇥kürzel



