Mord-Prozess startet: Bianca S. und Kurt L. – toxische Liebe in Oranienburg mit Todesfolge

Der Ort des Verbrechens, ein alter SS-Bunker in Friedrichsthal. In dem Ortsteil von Oranienburg wurde Bianca S. tot aufgefunden. Der Prozess gegen Kurt L. wird nun in Neuruppin neu aufgerollt.
Marco WinklerEs ist ein Donnerstag im Sommer 2021, als eine junge Frau zwischen 12.41 und 15.30 Uhr mit sieben Stichen getötet wird. Vier Tage später wird ihre Leiche gefunden, ihr Ex-Freund sieben Monate später verurteilt. Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil später wieder auf. Am Freitag (8. Dezember 2023) beginnt die neue Verhandlung vor dem Landgericht Neuruppin. Es geht um Bianca S. und Kurt L. Zwei Namen, die sich in das kollektive Gedächtnis in Oranienburg gebrannt haben.
Am Dienstag (5. Dezember) ist es ruhig im Wald in Friedrichsthal. Der Schnee knirscht. Rehe kreuzen die Wege zwischen Malzer Chaussee und Oder-Havel-Kanal. Was von der Straße aus wie ein Wohnhaus aussieht, ist ein ehemaliger SS-Bunker. Der Hochbunker Karo-Ass, von den Nazis als Funkstation genutzt. Nach dem Krieg teilweise weggesprengt, wurde er 2008 gesperrt. 16 Monate nach dem Leichenfund wird das Areal im November 2022 als Fledermausquartier geschlossen.
Leiche im ehemaligen SS-Bunker gefunden
Der Verstand sagt: Hier droht keine Gefahr. Doch der Körper reagiert auf frische Fußabdrücke, auf Kerzen und Rosen, auf ein Verbrechen in der Vergangenheit. Am 15. Juli 2021 wurde in dem Bunker die 26-jährige Bianca S. mit einem Stechbeitel getötet. Vier Tage hat ihre Leiche dort gelegen, bis sie von vier Männern auf „Lost Places“-Tour gefunden wurde. Heute steht an der Betonwand über dem zugeschütteten, damals nur 50 Zentimeter großen Eingangsloch, in das sich Bianca S. und Kurt L. gezwängt hatten, „Bianca – Ich werde dich nie vergessen!!!“. Daneben ein Herz und das Geburts- sowie Todesdatum von Bianca S.
Als die Spurensicherung am 19. Juli 2021 die Umgebung absuchte, war klar: Bianca S. und Kurt L. rauchten noch eine Zigarette zusammen, öffneten Getränke. Was passierte dann? Es blieb im Prozess unklar. Einige Meter entfernt fanden die Beamten das Fahrrad mit Kindersitz. Altenpflegehelferin Bianca S. hinterließ einen Sohn. Als seine Mutter starb, war er fünf Jahre alt. Am 27. Juli 2021 wird Kurt L. verhaftet. Vor dem Landgericht Neuruppin wird er über die Zeit im Bunker nicht reden.

Am Fundort der Leiche von Bianca S. wurden Blumen und Kerzen niedergelegt.
Marco WinklerKlar wird im Prozess: Die beiden hatten eine toxische On-Off-Beziehung. Kontrolle, Eifersucht, Sex, Beleidigungen. Sie wollte sich lösen, ließ sich kurz vor ihrem Tod noch ein Tattoo stechen, das einen Neuanfang symbolisieren sollte. Sie hatte ihn „abgöttisch geliebt“, wie ihre Oma vor Gericht sagte. Er wurde vor Gericht als eifersüchtig beschrieben, zu Wutanfällen neigend. Kurz nach der Trennung schrieb er ihr folgende Nachricht: „Komm, mach’ den Kopp zu, du Telefon-Schlampe, du Tiktok-Schlampe. Lass dich von deinen Typen ficken. Fahr nach Berlin und lass dich da ficken. Ich hoffe, dass dein ganzes Leben zerstört wird. In Wahrheit bist du nichts.“
BGH hebt Urteil auf – Totschlag oder Mord?
Am 22. Februar 2022 wird Kurt L. am Landgericht Neuruppin wegen Totschlags zu zwölf Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Damit erreichte die Staatsanwaltschaft nicht ihr Ziel: eine Verurteilung wegen Mordes. Die Höchststrafe hätte 15 Jahre betragen. Der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann wollte eine Affekthandlung nicht ausschließen. Heimtücke sei Kurt L. nicht nachzuweisen, sagte er.
Staatsanwalt und Nebenklage legten Revision ein. Am 22. März 2023 hob der Bundesgerichtshof „wegen einer rechtsfehlerhaften Beweiswürdigung“ das Urteil auf. Das Landgericht habe „gewichtige Indizien“ nicht berücksichtigt. Die Zweite Große Strafkammer muss nun neu verhandeln. Für den Revisionsprozess sind bislang fünf Verhandlungstage angesetzt.
Der 31-jährige Kurt L. könnte als Mörder verurteilt werden. Die laut BGH nicht berücksichtigten Indizien könnten dafür sprechen, dass Kurt L. „die arglose Geschädigte in den abgeschiedenen Wehrmachtsbunker gelockt hat, um sie dort unter Ausnutzung stark eingeschränkter Verteidigungsmöglichkeiten zu töten.“ Im neu aufgerollten Fall müssen alle Zeugen, darunter im ersten Prozess Freunde, Angehörige, Beamte und Sachverständige, erneut verhört werden. Es könnten zudem weitere Zeugen hinzukommen und bisher nicht vorgebrachte Indizien vor Gericht landen. Die Gerichtstermin am Landgericht Neuruppin: 8. und 21. Dezember sowie, 5., 9. und 10. Januar.
