My Minute Meal: Die kleinste Kantine der Welt kommt aus Oranienburg

Zugreifen, bevor nichts mehr da ist: Bürgermeister Alexander Laesicke, Kim Vojticsek, die Geschäftsführer Martin Michenfelder und Sven Forgber (v.l.) am intelligenten Kühlschrank, der in Unternehmen als Kantinenersatz dienen und die Belegschaft schnell satt machen soll.
Klaus D. GroteIn der Oranienburger Stadtverwaltung ist Rhabarberschorle besonders beliebt und deshalb oft vergriffen. Als Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) das kleine Unternehmen in der Sachsenhausener Straße am Donnerstag besuchte, war die Schorle in den kleinen Flaschen dort ebenfalls nicht mehr vorrätig. Laesicke nahm stattdessen Mate-Tee. Im Haus II der Verwaltung steht seit Jahresanfang einer der Kühlschränke mit dem Schriftzug „How I like“, gedruckt auf eine orangefarbene Folie, die natürlich bei Orafol hergestellt wurde.
Das größte Oranienburger Unternehmen hat zwar noch keinen intelligenten Kühlschrank, aber die junge Firma kann der Nachfrage im Moment sowieso nicht schnell genug nachkommen. Aktuell beträgt die Wartezeit bis zur Lieferung drei Monate, sagt Geschäftsführer Sven Forgber. Die Mini-Kantinen werden in seiner Firma, die insgesamt 180 Quadratmeter nutzt, neben den Schreibtischen zusammgeschraubt. Getrennt werden die Arbeitsbereiche durch aufgestellte Paletten, Sofas und einen Kicker. Die Getränkekühlschränke mit Glastüren kommen aus Rumänien, die Waage auf den Regalbrettern darin aus China. Jeder Kühlschrank bekommt einen Router, um immer online zu sein.
Laesicke wurde durch seinen Hennigsdorfer Amtskollegen Thomas Günther auf die Firma und ihr Produkt aufmerksam gemacht. Im Hennigsdorfer Rathaus steht der Kühlschrank schon länger. Ob die Hennigsdorfer ähnlich gern Rhabarberschorle trinken, verriet der zweite Geschäftsführer Martin Michenfelder nicht. Die Interessen seien ähnlich, sagte er diplomatisch. In Oranienburg würden auch gern Sandwiches und Fertiggerichte zum Aufwärmen genommen.
Die Benutzung der Mini-Kantine und die Werbung steht ausschließlich auf Englisch auf dem Gerät: „1. Register here“, „2. Scan to open“, „3. Enjoy“. Nach der Registrierung kann mit einer Kundenkarten oder einem Smartphone die Tür des Kühlschranks geöffnet werden. Dann wird das gewünschte Produkt entnommen und genossen. Die Selbstbedienung dauert nur drei bis vier Sekunden. Kleine Waagen, die in Oranienburg in die Getränkekühlschränke mit Glastür eingebaut werden, registrieren genau, welches Produkt entnommen wird und ziehen den Betrag dafür vom Kundenkonto ab. Zum Ende der Woche wird das Guthaben abgezogen, erklärt Sven Forgber. Dann erklärt er schnell den Unterschied zum herkömmlichen Snackautomaten, der auf Bahnhöfen oder in Zügen gegen Münzeinwurf Schokoriegel oder Chipstüten ausspuckt. „Wir wollen inspirieren“, sagt Forgber. Im Angebot sind Smoothis, Salate, Suppen und Eiweißriegel. Auch ein Protein- und kalorienreiches Getränk, das eine komplette Mahlzeit ersetzen soll, ist im Angebot. „Das wird in vielen Betrieben gern nachmittags entnommen, wenn die Leistungskurve nochmal steigen soll“, erklärt Forgber. Für eine richtige Mahlzeit sei dann nicht genug Zeit, das Abendessen entfalle.
My Minute Meal trifft also den Nerv der Zeit, in der sich Menschen Büroräume teilen, keine Zeit für ausgiebige Pausen haben und sich dennoch einigermaßen gesund ernähren wollen. Die Preise der Snacks liegen kaum über den Supermarktangeboten. Weil die Technik genaue Rückschlüsse auf das Konsumentenverhalten zulässt, nutzen Firmen wie Unilever My Minute Meal bereits, um neue Produkte zu testen, aktuell eine Suppe aus der Flasche. „Suppen sind im Trend“, sagt Forgber. Seine Kollegin Kim Vojticsek ist außerdem ständig auf der Suche nach neuen Angeboten. Als Nächstes sollen die Kühlschränke mit frischen Salaten bestückt werden. Erfinder Sven Forgber beschreibt das in der Sprache eines weltgewandten Verkäufers: „Eine der größten Challenges ist es, immer neue Produkte in die Pipeline zu bringen.“
Die Kühlschränke werden nach Standort unterschiedlich bestückt. In einem Call-Center der Deutschen Bahn seien Sandwiches besonders nachgefragt, woanders seien auch Schokoriegel im Kühlschrank. Nicht angenommen wurde das Selbstbedienungsangebot im Landratsamt. Das Gerät wurde nach einer Testphase wieder abgebaut.
Der Reinickendorfer Sven Forgber (31) und sein Compagnon Martin Michenfelder waren beide Sales Manager eines Bekleidungsherstellers, beide leiteten eine Berliner Filiale, als sie die Idee hatten. Das ist drei Jahre her. Vor zweieinhalb Jahren kündigten beide, gründeten die GmbH und starteten in einem Büro in Berlin. Die nun in Oranienburg genutzten Räume seien ideal und wären in Berlin kaum mehr bezahlbar, sagt Forgber.
Gegen Gebühr
■ Ab 150 Mitarbeitern lohnt sich die Aufstellung der Mini-Kantine, manche Firmen teilen sich den Kühlschrank auch. Pro Monat wird eine Gebühr von 149 Euro fällig. Durchschnittlich 30 Prozent der Belegschaft nutzt das Angebot. Der Kühlschrank wird ein- bis viermal pro Woche neu aufgefüllt.
■ Bislang stehen die Kühlschränke von My Minute Meal an 18 Standorten in Berlin, Oranienburg und Henngisdorf. Die Angebote reichen von Keksen und süßen Riegeln über kalte und warme Suppen, Salate bis zu Fertiggerichten. Am teuersten: ein veganes Bio-Gericht eines Herstellers aus Mecklenburg für 4,99 Euro.⇥(kd)