Stadtentwicklung: Bauland wird in Oranienburg knapp und teuer

Bauarbeiten in bester Lage: 284 Wohnungen entstehen zurzeit am alten Speicher in Oranienburg.
Klaus D. GroteDie Mitglieder des Bauausschusses waren sich am Dienstagabend überwiegend einig: Mit neun Ja-Stimmen und einer Enthaltung von Germendorfs Ortsvorsteher Olaf Bendin (SPD) sprachen sie sich für die von der Stadtverwaltung vorgelegte Baulandstrategie aus. Sie kann mittel- und langfristig festlegen, wie sich Oranienburg entwickelt und wo noch gebaut werden soll. „Damit kriegen wir das Steuer in die Hand“, sagte Baudezernent Frank Oltersdorf (SPD). Mehrfach bat er deshalb darum, der Strategie zuzustimmen. „Wir brauchen den Grundsatzbeschluss.“
Die aktuelle Situation und der Blick in die Zukunft wurden stellenweise dramatisch beschrieben. Die Preise für Bauland stiegen schnell und seien für viele Oranienburger inzwischen unerschwinglich, sagte Judith Brandt (SPD). Es sei erschreckend, dass sich immer mehr Zugezogene in Oranienburg den Traum vom eigenen Haus erfüllten, dies für „unsere eigenen Leute“ aber finanziell kaum noch möglich sei. Sie fragte, wie man Grundstücke für hier ansässige Familien sichern könne. Oltersdorf antwortete, dass es bereits in einigen Kommunen Modelle zur Grundstücksvergabe an Einheimische gebe.
Immerhin befürwortete der Bauausschuss am Dienstagabend weitere Bebauungspläne: für die Wohnanlage südlich des Mühlenweges in Schmachtenhagen, für das Areal „südlich von Eden“ an der Walther-Bothe-Straße und für einen von der Oranienburger Wohnungsbaugenossenschaft geplanten Wohnpark an der Kremmener Straße. Dort meldet auch die Jüdische Gemeinde Flächenbedarf an: Der historische Friedhof der Gemeinde wird zu klein und muss erweitert werden.
Olaf Kästner (Linke) forderte, einen Mindestwert für sozialen Wohnungsbau festzulegen, ansonsten könne seine Fraktion der Baulandstrategie zustimmen. Doch Ortsvorsteher Olaf Bendin übte daran scharfe Kritik. Die Verwaltung habe die Wünsche aus den Ortsteilen nicht berücksichtigt. „Es gibt keine Entwicklungsfläche für Germendorf. Wir wollten doch weg von der Maßgabe Innen vor Außen“, sagte Bendin. Dem widersprach Baustadtrat Oltersdorf. Bauland in Germendorf solle langfristig entwickelt werden – zu spät aus der Sicht Bendins. „Das ist nun mal ’ne Strategie“, erklärte Oltersdorf.
Für Germendorf wurde allerdings gegen den Willen der Verwaltung ein Herzensprojekt des Ortsbeirats abgesegnet. Mit dem Bebauungsplan für ein Gewerbegebiet nördlich der Dorfstraße und östlich des Wiesengrunds wird Grünland versiegelt. Dem Transportunternehmen Winzler soll damit ein Umzug ermöglicht werden.
Für die CDU warnte der sachkundige Einwohner Thomas Reisen vor steigenden Kosten für den Ausbau und späteren Unterhalt der Infrastruktur: neue Straßen, Kitas und Schulen. „Wir müssen sehen, wie wir mit dem Wachstum umgehen, sonst fressen uns die Kosten irgendwann auf“, sagte Reisen.
Wohnungen sollen auch an der Lehnitzstraße entstehen können. Nach dem Mehrheitswillen des Bauausschusses soll ein Bebauungsplan für den Bereich zwischen Lindenring und altem Klärwerk aufgestellt werden. Harald Große (Linke) lehnte es vehement ab, „eine Schule im Industriegebiet zu bauen“. Die Stadt will das am stärksten radioaktiv belastete Gelände Oranienburgs mit Hilfe von Fördermitteln noch in diesem Jahr sanieren und langfristig als neuen Schulstandort sichern. Ein zweiter Schulstandort solle in der Weißen Stadt entstehen, sagte Baustadtrat Frank Olterdorf. Bislang gebe es keinen Standort für den notwendigen Schulneubau. Der Plan zur Entwicklung der sozialen Infrastruktur sieht die Eröffnung einer dreizügigen Grundschule zum Schuljahr 2022/2023 vor. Das sei mit einem Neubau nicht mehr zu schaffen, sagte Oltersdorf.
Auch bei der Kita-Entwicklung sind die zum Teil knappen Fristen nicht zu halten. Der Bau einer neuen Kita in der Speyerer Straße verzögert sich, die Fröbel-Kita muss entsprechend später saniert werden, sagte Amtsleiterin Heidrun Gassan. Auch an dieser Stelle will der Baustadtrat mit der Baulandstrategie das Steuer "wieder in die Hand kriegen – auch wenn wir damit nicht alle Wünsche erfüllen können“.
Nahverkehr
■ Auch mit dem Nahverkehrskonzept reagiert die Stadt auf Wachstum. Der Bauausschuss stimmte mehrheitlich dafür.
■ Wesentliche Teile darin sind eine Stadtbuslinie, für die die Stadt die Kosten vermutlich selber tragen muss, eine Vereinheitlichung des Tarifs, eine Beschleunigung des Linienverkehrs, eine bessere Anbindung der Gedenkstätte Sachsenhausen, besser aufeinander abgestimmte Taktzeiten für bessere Umstiegsmöglichkeiten sowie die Einführung einer Buslinie in Süd als Tangentialverbindung zur S-Bahn.
■ Der Rufbus für Wensickendorf wird nach erheblichen Protesten nur als zusätzliches Angebot probeweise eingeführt.⇥(kd)