Stadtverordneter: Der Baumeister zieht sich aus der Politik zurück

Überlebte die Bombardierung: Das Elternhaus von Horst Ganschow in der Neustadt wurde teilweise zerstört.
Friedhelm BrenneckeWenn Horst Ganschow von Oranienburg erzählt, muss man ein bisschen Zeit mitbringen. Er kennt seine Geburtsstadt, der er inzwischen mehr als 81 Jahre die Treue hält, aus dem Effeff. Geschichten und Anekdoten über Menschen hat er immer auf Lager. Vieles hält er in Tagebüchern fest. Seine drei Wahlperioden als Stadtverordneter für die CDU sind dabei nur eine Episode. Für die neue Legislaturperiode steht er nicht mehr zur Wahl. Die Sitzung der Stadtverordneten am Montag wird seine letzte mit Mandat sein.
Als Sonntagskind hat Horst Ganschow in seinem Leben immer sehr viel Glück gehabt. Schon am 15. März 1945, zwei Tage nach seinem siebten Geburtstag, überstand er einen Bombenangriff im Keller des elterlichen Hauses in der Neustadt, das dabei zur Hälfte zerstört wurde und wenige Tage später durch eine Luftmine nur noch eine Ruine war. Ein Erdbunker in der Lehnitzstraße rettete ihm beim letzten Bombenangriff auf seine Geburtsstadt am 20. April 1945 das Leben.
Als Kind half er tatkräftig beim Aufräumen, schleppte Steine aus dem zerstörten Elternhaus, trug Schutt aus dem Keller, um Platz für den Wiederaufbau zu schaffen. „Ich will Baumeister werden, stand für mich angesichts der allgegenwärtigen Zerstörung in der Stadt fest“, erinnert sich Ganschow und machte daraus seine Berufung. Nach dem Abschluss der Oberschule erlernte er zunächst den Beruf des Zimmermanns.
Das Glück half ihm abermals
Ein Ingenieurs- und Architekturstudium wurde dem 21-Jährigen in Ostberlin verwehrt. "Weil ich nicht durch politische Aktivitäten glänzte“, sagt Ganschow. Also nahm er im März 1959 – wie viele junge Leute aus der damaligen DDR – dieses Studium in Westberlin auf. Doch ausgerechnet der Mauerbau im August 1961, von dem damals viele dachten, das werde nur ein Verzweiflungsakt von kurzer Dauer – machte seinen Berufsplänen vorübergehend einen Strich durch die Rechnung. Seine Heimat Oranienburg deswegen zu verlassen, kam dem fast fertigen Architekten – nur ein Semester fehlte zum Examen – schon aus familiären Gründen nicht in den Sinn.
Das viel beschworene Glück, das ihn seit Kindheitstagen begleitete, half ihm abermals. Weil die DDR an Fachleuten nach dem Mauerbau auszubluten drohte, wurde Ganschow als Koordinierungsarchitekt für den Aufbau des Alten Museums, der Komischen Oper und des Staatsratsgebäudes angeheuert. Das Studium beendet er nebenbei in Abendkursen. 1966 zeichnete er verantwortlich für den gesamten Ausbau des Hotels Stadt Berlin am Alexanderplatzes. Schon Anfang der 1960er-Jahre arbeitete er ehrenamtlich im „Aktiv Stadtgestaltung“ in Oranienburg mit.
1971 stieg Ganschow als Leiter Projektierung und Vize-Betriebsdirektor beim Hochbau Oranienburg ein, war dabei maßgeblich für den Wohnungsbau in der Anklamer Straße, Liebig- und Rungestraße sowie die Errichtung von Altenwohnheimen, Schulen und Turnhallen verantwortlich. Schon 1967 errang er den ersten Preis für die Pläne zum Bau des Gesellschaftshauses. Der Bötzower Platz wurde ab Mitte der 1980er-Jahre nach seinen Plänen errichtet, damit komplexer Wohnungsbau verhindert und ein harmonischer Übergang zur Altstadt gesichert. „Das ist ja toll, was hier nach der Wende bereits entstanden ist“, lobte die damaligen Bundesbauministerin Irmgard Adam-Schwaetzer bei einer Oranienburg-Visite 1992 den Bötzower Platz, nicht ahnend, dass der bereits zur Wende fertig war. "Ein größeres Kompliment kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt Ganschow heute.
Dass der „schönste Platz Oranienburgs“ nicht die erhoffte Entwicklung nahm, hängt für Ganschow mit den geplatzten Plänen für das in den 1990er-Jahren favorisierte „Atrium-Shopping-Center“ gegenüber dem Schloss zusammen. Die Sanierung des Schlosses, der Orangerie, die Entwicklung des Gewerbeparks Nord, der Bau der Umgehungsstraße B 96neu waren wichtige Themen, mit denen er sich ab 1990 als Oranienburgs Baustadtrat zu beschäftigen hatte. Im April 2002 ging Horst Ganschow in Pension, wechselte im Oktober 2003 die Seiten und gehört seitdem, ununterbrochen über drei Wahlperioden als Parteiloser für die CDU, dem Stadtparlament und da natürlich dem Bauausschuss an. Wird ihm künftig etwas fehlen? „Nein, aber gern gebe ich meinen Rat und meine Erfahrungen auch als bausachkundiger Einwohner dem neuen Stadtparlament weiter“, kann er es dann doch nicht lassen. „Einmal Oranienburg, immer Oranienburg. Das habe ich immer so gehalten. Wenn ich helfen und meiner Stadt dienen kann, dann tue ich das auch weiter“, sagt der Theater- und Opernfreund, der sich auch mit 81 Jahren nicht vollständig aus dem stadtpolitischen Geschehen verabschieden will.
Schinkel ist seingroßes Vorbild
Horst Ganschow wurde am 13. März 1938 in Oranienburg geboren. Sein großes Vorbild, Karl Friedrich Schinkel, erblickte auch am 13. März das Licht der Welt, nur 157 Jahre früher und in Neuruppin.
Ganschow wurde für seine Pläne, Entwürfe und Bauten mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1980 mit der Schinkelmedaille für die Entwicklung von Städtebau und Architektur.
Von 1978 bis 1990 war Horst Ganschow Vorsitzender des Bundes der Architekten im Kreis Oranienburg und von 1990 bis 2002 Baustadtrat.⇥bren