Tiere in Brandenburg
: Extrem seltener Kranich bei Liebenwalde entdeckt

Ornithologen aus Berlin und Brandenburg sind begeistert und betrübt zugleich. Bei Liebenwalde ist aktuell ein in Europa sehr seltener Kranich zu beobachten. Der Vogel hat allerdings ein Problem.
Von
Jürgen Liebezeit
Liebenwalde
Jetzt in der App anhören
Extrem selten: In einem Trupp von Graukranichen hält sich in Neuholland, einem Ortsteil von Liebenwalde in Oberhavel, aktuell ein in Europa absolut seltener Vogel (im Vordergrund vorne) auf. Er ist schwer zu finden, aber eindeutig zu identifizieren.

Extrem selten: In einem Trupp von Graukranichen hält sich in Neuholland, einem Ortsteil von Liebenwalde in Oberhavel, aktuell ein in Europa absolut seltener Vogel (im Vordergrund vorne) auf.

Falk Pollähne
  • Extrem seltener Kanada-Kranich in Liebenwalde entdeckt.
  • Experten und Ornithologen sind begeistert.
  • Vogel hat Geschwür am Kopf, scheint aber nicht beeinträchtigt.
  • Bitte Abstand halten, um Störungen zu vermeiden.
  • Kanada-Kranich erst siebenmal in Deutschland nachgewiesen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn sich Vogelexperten bei eisigen Temperaturen und Graupelschauern auf einem Acker im märkischen Nirgendwo treffen, ist eine gefiederte Rarität sicherlich in der Nähe. So ist es dieser Tage auch auf den Äckern bei Neuholland, einem Ortsteil von Liebenwalde in Oberhavel.

Einwohner von Neuholland wundern sich über die vielen Autos mit auswärtigen Kennzeichen, die langsam die Feldwege abfahren. Doch es sind keine potenziellen Einbrecher, sondern Experten auf der Suche nach einem besonderen Vogel, der eigentlich hier gar nicht vorkommt.

Vielen von ihnen sind Mitglied im exklusiven Club 300 oder wollen es noch werden. In dieser Organisation sind Menschen, die nachweislich mehr als 300 verschiedenen Vogelarten in Europa gesehen haben. Das ist sehr schwer und aufwendig. Da ist der seltene „Kanadier“, wie die Vogelfreunde den außergewöhnlichen Gast inzwischen nennen, ein wichtiger Vogel auf der persönlichen Strichliste.

Seltener Vogel versteckt sich unter Kranich-Trupp in Neuholland

Seit Sonntag, 2. Februar, ist rund um Neuholland ein in Europa extrem seltener Kanada-Kranich (Antigone canadensis) zu beobachten. Er hält sich zwischen einem Trupp von etwa 200 Graukranichen (Grus grus) auf. Der graubraun gefärbte Vogel kommt eigentlich nur in Nordamerika und im äußersten Nordosten Asiens vor. Um das Tier zu sehen, nehmen einige Ornithologen sogar stundenlange Anfahrten in Kauf.

Falk Pollähne musste nicht so weit anreisen. Der Vogelexperte aus Birkenwerder war mit Freunden vor Ort und bestätigt die zahlreichen Meldungen in einschlägigen Foren. Pollähne engagiert sich im Naturschutzbund (NABU) für den ornithologischen Nachwuchs und ist oft auf Beobachtungstouren in Brandenburg unterwegs.

Ungewöhnliche Schwäne als Wintergäste entdeckt

„Der Ausflug hat sich nicht nur wegen des Kanadiers gelohnt“, berichtet er. Unterwegs wurden unter anderem auch Zwerg- und Singschwäne, die gerade als Wintergäste in Oberhavel sind, entdeckt. Die ersten Rückkehrer aus dem Winterquartier stehen auch auf seiner Tages-Beobachtungsliste. Mehrere Bachstelzen und ein Rotmilan sind hier gelandet. Insgesamt 57 verschiedene Vogelarten wurden von Falk Pollähne und seinen Begleitern an dem Tag registriert.

Nach Angaben des Kranichzentrums in Groß Mohrdorf kommt es immer mal wieder vor, dass Kranich-Exoten in Deutschland auftauchen. Oft sind es Gefangenschaftsflüchtlinge, manchmal aber auch Irrgäste. „Der Kanada-Kranich ist nicht beringt“, sagt Pollähne. Deshalb geht er davon aus, dass es sich um einen wilden Vogel aus Kanada, Amerika oder Asien handelt, der bei einem Sturm verdriftet, also aus Versehen nach Europa geweht wurde. Laut NABU ist der Kanada-Kranich erst siebenmal in Deutschland nachgewiesen worden.

Vogelschützer bitten um Abstand bei der Beobachtung in Neuholland

Aktuell sind nur zwei Tiere in Deutschland bekannt. Neben dem Kanada-Kranich bei Neuholland ist ein weiterer Artgenosse im Emsland (Niedersachsen) unterwegs.

Kranichschützer bitten eindringlich, die Tiere nur aus großer Distanz zu beobachten. „Leider lösen diese Exoten nicht selten eine Massenwanderung von Ornithologen aus, welche bei so scheuen Vögeln, wie den Kranichen, durchaus zu Störungen führen kann“, heißt es in einer aktuellen Mitteilung der gemeinnützigen Gesellschaft Kranichschutz Deutschland. Insbesondere bei den derzeit niedrigen Temperaturen könne der ständige Energieverlust durch das Auffliegen lebensbedrohlich sein – nicht nur für die beiden Exoten, sondern auch für die heimischen Kraniche.

Ornithologen in Sorge: Rarität in Oberhavel hat Geschwür am Kopf

Doch nicht nur Nahrungsengpässe machen den Kranichschützern sorgen. Der bei Neuholland entdeckte Kanada-Kranich scheint krank zu sein. Am linken Auge ist durch ein Spektiv deutlich eine Geschwulst zu erkennen. „Es scheint den Vogel aber nicht sonderlich zu behindern“, hat Pollähne beobachtet. Der Vogel findet Nahrung, frisst und kann fliegen. Auch andere Beobachter bestätigen ein (noch) unauffälliges Verhalten.

Kraniche auf Nahrungssuche: PRODUKTION - 07.10.2024, Mecklenburg-Vorpommern, Fuhlendorf: Kraniche suchen am Nachmittag auf einer Wiese nach Futter. Die Graukraniche (Grus grus) kommen derzeit aus Skandinavien und Osteuropa und machen in Mecklenburg-Vorpommern Rast. Foto: Bodo Marks/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Mehrere Hundert Graukraniche (Grus grus) halten sich derzeit auf den Feldern rund um Liebenwalde auf. Experten haben im Ortsteil Neuholland unter den Vögeln (Symbolbild) nun eine ausgesprochene Rarität entdeckt.

Bodo Marks/dpa

Offenbar ist der „Kanadier“ schon längere Zeit in Brandenburg. Den ornithologischen Insidern ist der Vogel wegen der deutlich zu erkennenden Erkrankung, die offenbar fortschreitet, schon bekannt. Kurz vor Weihnachten hielt sich das erwachsene Tier in Wegendorf bei Werneuchen (MOL) auf. Danach wurde der kranke Kranich an den Schönerlinder Teichen (OHV/BAR) gesehen und anhand seines Merkmals eindeutig identifiziert.

Vor zwei Jahren wurde bei Wittstock schon einmal ein Kanada-Kranich gesehen. Auch damals war das Interesse der Ornithologen groß.

Wie lange sich der Vogel noch in der Region aufhält, ist unklar. „Vielleicht schließt er sich den Kranichen, die auf dem Weg nach Skandinavien sind, an“, spekuliert Falk Pollähne.

Vorerst fühlen sich die Kraniche unabhängig von der Art wohl in Oberhavel. Die ersten Rückkehrer sind bereit wieder auf der Suche nach attraktiven Nistplätzen. Unter ihnen ist nach Beobachtungen von Falk Pollähne auch ein Jungtier, das in Neuholland geboren und von Experten beringt wurde.

Viele Graukraniche haben den relativ milden Winter auch zum Bleiben genutzt. So können sie die besten Brutplätze schnell wieder besetzen.