31. Oktober 2020: ein historisches Datum. In Schönefeld ging der Großflughafen Berlin Brandenburg nach 14 Jahren Bauzeit in Betrieb. Aus Rathenow gelangt man dorthin am bequemsten per Regionalexpress bis Berlin-Südkreuz und dann weiter per S-Bahn, obgleich die Fahrt fast zwei Stunden dauert. Am Ziel angekommen, lässt der Name „Willy Brandt“ kaum erahnen, dass sich der Airport auf märkischer Erde befindet.

Regierender Bürgermeister Berlins, Bundeskanzler und Bundesparteivorsitzender der SPD

Willy Brandt (1913-1992) war Bundeskanzler (1969-1974) und zuvor Regierender Bürgermeister Berlins (1957-1966). Er war zudem von 1964 bis 1987 der Bundesparteivorsitzende der SPD. Dem sehr verdienten Sozialdemokraten wird durch die Namensgebung in Schönefeld ein Denkmal gesetzt, wie schon an der SPD-Bundesschaltzentrale in Berlin, die Willy-Brandt-Haus heißt.
Obgleich die Nachbarländer zu gleichen Teilen (je 37 Prozent) am BER-Projekt beteiligt sind (den Rest hält der Bund), steht Berlin am Flughafen wie selbstverständlich an erster Stelle. Seit seinen Anfängen in der Nachkriegszeit war sogar von Berlin-Schönefeld die Rede.

Ländergrenze verläuft rund drei Kilometer nördlich

Fast könnte man meinen, der Ort gehöre gar nicht zu Brandenburg. Doch die Ländergrenze verläuft rund drei Kilometer nördlich des Flughafenstandorts. Schönefeld grenzt an die Stadtbezirke Neukölln und Treptow-Köpenick.
Heute kaum vorstellbar, weil äußerst selten kommuniziert, dass diese Grenze einst sehr viel weiter nördlich verlief. Entstanden war sie 1881, als Berlin nicht mehr zu Brandenburg gehören wollte und die Mark sozusagen verlassen hatte.
Der alte Stadtkern wurde noch Mitte des 19. Jahrhunderts von einer Zollmauer umgeben, die etwa durch Kottbusser, Brandenburger, Potsdamer, Frankfurter, Prenzlauer, Oranienburger und Halleschem Tor passiert werden konnte. Vor den Toren war überall märkische Erde mit Städten wie Charlottenburg, Spandau und Köpenick darauf.

Berlin wuchs auf Kosten Brandenburgs

In Berlin wird der 1. Oktober 1920 als Sternstunde der Stadtentwicklung gefeiert. Praktisch über Nacht war die zuvor aus allen Nähten platzende Kommune von vormals 65,72 auf 878,1 Quadratkilometer gewachsen. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich auf rund 3,8 Millionen.
Der Zusammenschluss von acht bislang selbstständigen Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken erfolgte per Gesetz. Auf Kosten der damaligen Provinz Brandenburg wurde Berlin seinerzeit die flächenmäßig zweitgrößte Stadt der Welt. Aus dem Osthavelland gingen etwa die Orte Kladow und Gatow an  Groß-Berlin. Ärgerlich für die Mark war zudem, dass die Hauptstadt auch zahlreiche Industrieansiedlungen im vormaligen „Speckgürtel“ geschluckt hatte.

Mit den Stimmen von SPD, USPD und DDP

Das sogenannte „Groß-Berlin-Gesetz“, das zum 1. Oktober 1920 zog, war am 27. April des Jahres in der verfassunggebenden preußischen Landesversammlung beschlossen worden. Es war eine knappe Sache für die Befürworter gewesen: Das Gesetz wurde mit 164 zu 148 Stimmen bei fünf Enthaltungen beschlossen.
SPD, die weit links agierende USPD sowie die linksliberale DDP feierten. Die bürgerlich-konservativen Gegner - das waren  DNVP, DVP und katholische Zentrumspartei - mussten zähneknirschend die Abstimmungsniederlage akzeptieren. Ausführliche Erläuterungen zum Thema finden sich unter dem Titel „100 Jahre Groß-Berlin – wie Berlin Metropole wurde“ auf https://www.berlin.de/berlin100/geschichte/.

Abwanderung in den Speckgürtel und darüber hinaus

Geschichte wiederholt sich offenbar: Berlin platzt trotz seiner Größe wieder aus allen Nähten. Die Bundeshauptstadt übt ihren Reiz auf Touristen, Zuzügler, Investoren und Spekulanten aus. Explodierende Mieten und Immobilienpreise haben Berliner bereits zu Zehntausenden in den neuen märkischen „Speckgürtel“ und darüber hinaus abwandern lassen, mit einer negativen Folge. Denn die Besserverdiener sind andere Preise gewöhnt, investieren gern in für sie verhältnismäßig günstige Mieten und Wohngrundstücke. Das dreht auch in Brandenburg an der  Preisschraube.
Etwa in der Mitte  des osthavelländischen Falkensee kostet der Quadratmeter Bauland inzwischen bis zu 1.000 Euro. Zum Vergleich: im westhavelländischen und berlinferneren Rathenow sind es in gefragten Einfamilienhauslagen gerade nur 80 Euro im Durchschnitt.

Kein Bundesland Berlin-Brandenburg gewollt

Berlin-Brandenburg: Wie der Name des Großflughafens hätte längst der Name eines gemeinsamen Bundeslands lauten können. Zwar hatten die Berliner 1996 für eine Länderehe votiert,  doch die Bewohner des 1990 wiederentstandenen Brandenburgs waren nicht einverstanden. Daher steigt der rote märkische Adler auch hoch über Schönefeld und fliegt munter um die große Stadt herum, in der sich der steppende Bär auf die Füße tritt.