Auch in Rathenow und der westhavelländischen Umgebung ist Tanken mit Beginn des Jahres teurer geworden. Denn die Tankstellen legen die gestiegene Abgabenlast auf die Verbraucher um. Durch Einführung der CO2-Steuer will der Staat den Einsatz fossiler Energieträger in der Weise unattraktiver machen, dass alternative Möglichkeiten vorankommen - etwa Elektroautos. Doch ist die Ladeinfrastruktur im westlichen Havelland völlig unterentwickelt. Wie kommen umsteigewillige Kraftfahrer an den benötigten Strom?

Erst drei frei verfügbare Ladesäulen in Rathenow

Nach Schaffung dreier öffentlicher E-Ladesäulen in der Kreisstadt Rathenow sagte Bürgermeister Ronald Seeger (CDU) im Juli 2020: „Wenn die Elektromobilität massiv ausgebaut werden soll, setzt dies ein bundesweites Konzept voraus“. Er verwies auf die oft knappe Haushaltslage der Kommunen, wodurch der Ausbau nicht tragbar sei. Die Rathenower Wärmeversorgung hatte allein in die drei Ladesäulen knapp 55.000 Euro investiert.

825 Elektroautos bis 2025 prognostiziert

Nun wollen die Kommune und ihre Tochtergesellschaft beobachten, wie sich der Bedarf entwickelt. Derweil sind für Rathenow bis 2025 bereits mehr als 825 E-Autos prognostiziert, ein Anstieg um weit mehr als 1.000 Prozent. Im Juli 2020 waren nur 66 Rathenower E-Autos unterwegs. Laut havelländischer Kreisverwaltung waren zum 30. September 2020 insgesamt 420 Elektrofahrzeuge im Landkreis zugelassen, was beinahe einer Verdoppelung binnen eines Jahres entspricht.

Tiemann sorgt sich um Ladesäuleninfrastruktur und Versorgungssicherheit

Seegers Parteifreundin Dietlind Tiemann, Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis 60, zu dem Rathenow gehört, erklärt auf BRAWO-Anfrage: „Die Einschätzung von Herrn Bürgermeister Seeger teile ich. Ich halte den jetzigen Stand des Ausbaus für noch nicht geeignet, um in der Breite auf Elektroantriebe umzusteigen. Sorge bereitet mir dabei die Ladesäuleninfrastruktur und die Versorgungssicherheit nach dem Ausstieg aus der Atomkraft und mit Blick auf die Kohle“.

„Masterplan Ladeinfrastruktur“

Die Bundesregierung habe hierzu Anfang Dezember 2020 Gespräche unter anderem mit den kommunalen Spitzenverbänden geführt, so Tiemann weiter, die vor ihrer Zeit im Bundestag Oberbürgermeisterin der Stadt Brandenburg an der Havel war. Gesprächsinhalt sei auch die Umsetzung des „Masterplans Ladeinfrastruktur“ gewesen.

Frankfurt (Oder)/Ahrensfelde

Erläuterungen online verfügbar

Was es mit diesem bereits 2019 vorgelegten Plan der Bundesregierung auf sich hat, erschließt sich online auf der Website des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), das von Andreas Scheuer (CSU) geleitet wird. Das Ministerium brachte es 2019 so auf den Punkt: „Wir werden mit dem Masterplan gemeinsam mit der Industrie und mit Beteiligung von Ländern und Kommunen den Aufbau der Ladeinfrastruktur massiv verstärken. In den nächsten zwei Jahren sollen 50.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte errichtet werden. Die Automobilwirtschaft wird bis 2022 mindestens 15.000 zusätzliche öffentliche Ladepunkte beisteuern.“

Bundesregierung will „entschieden umsetzen“

Laut eigener Formulierung will die Bundesregierung das Maßnahmenbündel für die öffentlich zugängliche und die nicht-öffentlich zugängliche Ladeinfrastruktur „entschieden umsetzen“. Mehr als 3 Milliarden Euro sollen hier bis 2023 investiert werden. Von der propagierten Entschiedenheit ist im westlichen Havelland noch kaum etwas zu spüren. Laut Angaben auf www.bundesnetzagentur.de gibt es nur in Rathenow frei verfügbare Ladesäulen.

Alle Ladesäulen der Region im Geobürgerportal

Da auf dieser Website nicht alle Ladesäulen der Region auftauchen, hat die Kreisverwaltung die Standorte im Havelland in das Geobürgerportal eingepflegt. Dort sind neben öffentlichen Ladesäulen auch halb-öffentliche (mindestens 12 Stunden zugängig) und nichtöffentliche Ladesäulen (etwa für Hotelgäste) einsehbar.

Steineke verweist auf Erhöhung der Pendlerpauschale

Auch den CDU-Bundestagsabgeordneten Sebastian Steineke hat BRAWO zur Spritpreiserhöhung und zur bislang mangelhaften E-Ladeinfrastruktur angefragt. Zu seinem Wahlkreis 56 gehören im Havelland die Ämter Rhinow, Friesack und Nennhausen. „In Bezug auf das bundesweite Konzept haben wir flankierend schon eine Menge auf den Weg gebracht, was die Bürgerinnen und Bürger an anderen Stellen entlastet, z.B. durch die Erhöhung der Pendlerpauschale und die Absenkung der EEG-Umlage um fast 11 Milliarden Euro“, so Steineke.

WEMoG seit Ende 2020 in Kraft

Der Politiker aus dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin verweist auf die Förderung von Ladesäulen auch für private Nutzer oder Kommunen und auf das Ende 2020 in Kraft getretene „Wohnungseigentumsmodernisierungs-Gesetz“ (WEMoG). Laut Steineke müssen Vermieter den Einbau einer Elektro-Ladestation in und an Wohnhäusern nun gestatten.

GEIG soll demnächst verabschiedet werden

Weitere Neuerungen würden sich aus dem Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz (GEIG) ergeben, welches demnächst verabschiedet werden soll. Es enthalte auch rechtliche Vorgaben zur Leitungsinfrastruktur für Elektromobilität in zu errichtenden Wohngebäuden oder bei größerer Renovierung eines Wohngebäudes mit mehr als zehn Stellplätzen, so Steineke.

Erst jede Menge Kabel ziehen in den Kommunen

Klar ist derweil, dass zur Steigerung der Elektromobilität in Rathenow und Umgebung erst jede Menge Kabel verlegt werden müssen. Etwa die Standorte für die im Juli 2020 in Betrieb genommenen Ladesäulen waren mit dem Netzbetreiber ausgesucht worden, weil aktuell nicht überall die notwendigen Voraussetzungen vorliegen.