Durch die neue Ostseepipeline Nord Stream 2 strömt noch kein russiches Erdgas. Indessen ist Nord Stream 1 seit 2011 in Betrieb. Insgesamt rund 450 Milliarden Kubikmeter Erdgas gelangten auf diesem Weg bereits ins deutsche Lubmin im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Anfang der Woche hat die russische Regierung erstmals seit Beginn des Kriegs in der Ukraine mit einem Lieferstopp gedroht. Wenn kein Erdgas mehr durch Nord Stream 1 geleitet wird, hätte das sicher auch Auswirkungen auf den Landkreis Havelland.
Grundversorger hier, wie auch im gesamten westlichen Brandenburg, ist die EMB Energie Mark Brandenburg mit Sitz in Michendorf (Landkreis Potsdam-Mittelmark). Ende 2021 hatte das Unternehmen laut eigenen Angaben rund 95.000 Erdgaskunden: Privat- und Gewerbekunden, Industriebetriebe und Weiterverteiler, also insbesondere Stadtwerke. Die EMB setzte im Vorjahr rund 5,3 Milliarden Kilowattstunden Erdgas ab. Davon entfielen rund 40 Prozent auf den Bereich Privat- und Gewerbekunden.

Neben Nord Stream 1 gibt es weitere Erdgasleitungen aus Russland - Jamal endet in Märkisch-Oderland

EMB-Pressesprecher Jochen-Christian Werner betont auf Anfrage, dass es neben Nord Stream 1 weitere Pipelines gibt, die russisches Erdgas nach Deutschland transportieren. Hier nennt er als ein Beispiel die Jamal-Pipeline, die durch Polen kommend an der brandenburgischen Verdichterstation Mallnow (Landkreis Märkisch-Oderland) ins hiesige Fernleitungsnetz einspeist. Zudem sei das Netz in Brandenburg eingebunden in das europäische Verbundsystem, so Werner weiter: „So wird es zum einen mit Erdgas aus anderen Lieferländern versorgt. Zudem kann Erdgas aus Speichern eingespeist werden. In Deutschland gibt es fast 50 Speicher, die derzeit einen Füllstand von zusammen rund 30 Prozent haben. Einer der Speicher liegt im brandenburgischen Rüdersdorf. Weitere in Sachsen-Anhalt.“

Russisches Gas hat Anteil von 50 Prozent

Wie der Pressesprecher weiter darlegt, kauft die EMB Energie Mark Brandenburg das Erdgas direkt bei Importeuren bzw. über die Energiebörse ein. „Dabei beziehen wir Erdgas nicht aus bestimmten Lieferländern, sondern nach dem in Deutschland verfügbaren Energiemix. Neben Russland kommt Erdgas auch aus Norwegen, den Niederlanden, Deutschland und weiteren Ländern. An diesem Mix hat russisches Erdgas einen Anteil von rund 50 Prozent.“
Mit dem Ende der aktuellen Heizperiode gehe der Energiebedarf insbesondere bei privaten Verbrauchern und in Bürogebäuden etc. deutlich zurück. Rund 80 Prozent des Erdgasbedarfs würden auf die Monate November bis März entfallen. Werner sagt: „Angesichts des rückläufigen Bedarfs wäre ein Embargo der Lieferungen über Nord Stream 1 verkraftbar.“
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Berlin

Bei Lieferengpässen zieht „Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland“

Doch wie wäre die Lage bei Lieferengpässen? Sollte es dazu kommen, so Werner, würde ein „Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland“ greifen. Dabei würden je nach Bedarf Verbrauchsstellen vom Netz genommen, wobei die größten Verbraucher die ersten wären, deren Belieferung eingestellt wird - verbrauchsintensive Industriebetriebe. Oftmals hätten diese die Möglichkeit, auf andere Energieträger zurückzugreifen, wie beispielsweise Öl. Danach würden, gestaffelt nach ihrer Größe, weitere Industrie- und Gewerbebetriebe vom Netz genommen. „Für besonders geschützte Kundengruppen sieht der Notfallplan eine Versorgungspflicht vor. Dazu gehören Haushalte, Fernwärmeanlagen zur Versorgung von privaten Haushalten und kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Behörden oder Schulen“, so Werner.
Laut seinen weiteren Angaben benötigen private Haushalte bzw. Wärmeerzeuger für Privathaushalte rund ein Drittel des in Deutschland insgesamt verbrauchten Erdgases. Insoweit wäre ihre Belieferung auch bei einem kompletten Ausfall der Belieferung aus Russland gesichert. Im Falle einer bundesweiten Gasmangellage würde die Verteilung über das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz sowie über die Bundesnetzagentur verantwortet.

Mögliches Gas-Embargo hätte keine Auswirkungen auf EMB-Stromproduktion

Derweil handelt die EMB Energie Mark Brandenburg auch mit Strom, ist hier aber nur Lieferant und kein Erzeuger, wie jene Unternehmen, die etwa Erdgas zur Verstromung einsetzen. Die EMB hatte Ende 2021 mehr als 41.000 Stromkunden. Da diese aber Ökostrom erhalten, hätte laut Jochen-Christian Werner ein mögliches Gas-Embargo bezüglich Stromproduktion keine Auswirkungen.