Frauenpower: In Brandenburg gab es noch keine Regierungschefin

Ulrike Liedtke, neue Präsidentin des brandenburgischen Landtags.
Markus KlugeSeit 2005 ist Angela Merkel (CDU) die Chefin der Bundesregierung. Sie hat das Staatswesen zwar nicht umgekrempelt, aber ihren Stempel aufgedrückt. Zudem ist auch Merkel ein Novum in der deutschen Geschichte. Eine Frau an den zentralen Hebeln der Macht im Bund hat es zuvor noch nie gegeben.
Bei den Briten hat das eine gewisse Tradition, man denke hier an Theresa May, die von 2016 bis 2019 die Regierungsgeschäfte lenkte, an Margret Thatcher (1979 bis 1990) oder an Queen Elisabeths II. Vorfahrin Elisabeth I. und deren schottische Rivalin Maria Stuart, die beide im 16. Jahrhundert Geschichte schrieben. Im fernen Russland herrschte seinerzeit Helena Glinskaja, solange ihr Sohn minderjährig war — immerhin fünf Jahre lang. Berühmteste Zarin war Katharina die Große, die von 1762 bis 1796 herrschte. Ebenso im 18. Jahrhundert wurde Maria Theresia als Chefin der Habsburgermonarchie in Österreich–Ungarn bekannt.
Es gab hier und dort in Europa weitere Regentinnen im Laufe der Geschichte. Obgleich nicht an der Macht beteiligt, beeinflussten auch in Brandenburg bzw. Preußen ein paar gekrönte Ehefrauen den Lauf der Dinge teils erheblich. Etwa die Königin Luise, die ihren Gatten 1806 dahin gehend zugeredet hatte, dem französischen Machthaber Napoleon den Krieg zu erklären. Das endete für ihr Land in einem Desaster.
Knapp 200 Jahre zuvor lebte eine Frau namens Anna, verheiratet mit dem brandenburgisch–preußischen Kurfürsten Johann Sigismund. Über Anna heißt es, dass sie ihrem Ehemann politisch und intellektuell überlegen gewesen war. Sie zog eigene Strippen und gilt als Verteidigerin der lutherischen Lehre im Land.
Ihrem kurfürstlichen Gatten unterlegen war dagegen Elisabeth. Sie war der Reformation zugeneigt, ganz im Gegensatz zu Joachim I., von dem die Frau 1528 geflohen war. Noch war Brandenburg katholisch. Nicht mal nachdem ihr Mann 1535 gestorben war, kehrte Elisabeth aus sächsischem Asyl zurück. Im Nachbarland hatte Luthers Lehre schneller prominente Anhänger gefunden.
Elisabeth wollte selbst da noch nicht heim, als ihr Sohn Joachim II. die Reformation eingeführt hatte. Offenbar glaubte die Mutter, dass es noch gewisse Unwägbarkeiten gab. Die Bedenken waren offenbar erst 1545 zerstreut, als sie endlich nach Brandenburg zurückkehrte. Offensichtlich von ihr ausgeübter mütterlicher Druck hatte Erfolg gezeigt in Sachen Reformation.
Völlig unterbelichtet in der märkischen Geschichte, ist derweil eine Frau, die am Anfang von allem steht in Brandenburg. Das Land hatte 2007 sein 850–jähriges Bestehen gefeiert, weil 1157 die Brandenburg endgültig vom neuen Markgrafen unter Kontrolle gebracht werden konnte. Ob Petrissa da noch lebte, ist unbekannt. Überliefert ist das wichtige Zutun der slawischen Fürsten–Witwe nach dem Tode ihres Mannes (1150). Denn Pribislaw–Heinrich hatte mit Albrecht dem Bären eine Erbfolge verabredet. Es war an Petrissa gewesen, das Ableben ihres Mannes vor dem Volk bzw. vor Erbrivalen geheim zu halten, um in der so gewonnenen Zeit den rechten Erben zu verständigen.
Der Nachwelt ist sogar ein primitives Abbild Petrissas erhalten geblieben. Der Fürst hatte sie auf einer Münze verewigt. Ob wegen ihrer Persönlichkeit, ihres Aussehens wegen oder weil der Fürst sie sehr geliebt hatte, ist unbekannt. Vielleicht war es von allem etwas. Zwei Jahrhunderte zuvor hatte eine Havelländerin allerhand Zorn auf sich gezogen. Das war die slawische Fürstentochter Dragomira vom Stamm der hiesigen Heveller bzw. Stodoranen.
Diese Frau fand kein Gefallen am Christentum und hat richtig Einfluss genommen auf die Geschichte, zumindest in Böhmen, wo sie mit einem Fürstensohn verheiratet war, der nach dem Tod seines älteren Bruders die Krone erlangte. Auf Dragomiras Konto ging der Auftrag zur Ermordung ihrer christlichen Schwiegermutter. Letztlich übte die Stodoranin eine Zeit lang sogar die Macht aus, nachdem ihr Mann gestorben war, ihre Söhne aber noch minderjährig waren. Auf der Burg in Prag residierend, war sie in gewisser Weise Gegenspielerin von Heinrich I.
Kaum an der Macht unterwarf sich Dragomiras erstgeborener Sohn Wenzel dem ostfränkischen König, der kurz zuvor die Brandenburg erobert hatte. Der Kronsohn, später einem vom Bruder in Auftrag gegebenen Attentat zum Opfer gefallen, ist heute Nationalheiliger in Tschechien. Der Anstifter ging als Boleslav der Grausame in die Geschichte ein, obgleich erst er Böhmen zu Macht und Ansehen verhalf. An beider Mutter gedenkt man in Tschechien eher selten.