Geschichte
: Der 1. Mai im Wandel der Zeiten

Wie sich der Kampftag der Arbeiter des 19. Jahrhunderts zum arbeitsfreien Feiertag für die ganze Familie entwickelte.
Von
Hans-Jürgen Wodtke
Havelland
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Maidemonstration am Chemiestandort Premnitz im Jahr 1948.

Archiv Wodtke

Erste Bemühungen gehen auf die Arbeiterschaft in den USA zurück. Hierzu gab es um den 1. Mai 1886 in verschiedenen amerikanischen Städten einen mehrtägigen Streik. In Chicago eskalierte dieser und forderte mehrere Todesopfer. Vier Jahre später, 1890, beschloss die gerade wieder in Deutschland zugelassene SPD, den 1. Mai künftig als dauerhaften „Feiertag der Arbeiter“ einzuführen.

Allerdings sollte dieser Feiertag nur dort begangen werden, wo es die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen auch erlauben würden. Wo dieses nicht möglich war, sollten am Sonntag nach dem 1. Mai alternativ Umzüge und Feste im Freien stattfinden. Eine Praxis, die durch den Ersten Weltkrieg schließlich ausgesetzt und nach dessen Ende wieder aufgegriffen wurde.

Im April 1919 erklärte die deutsche Nationalversammlung nicht nur die Arbeitszeitverkürzung auf acht Stunden, sondern nun auch den 1. Mai in der Weimarer Republik zum gesetzlichen Feiertag. Doch musste diese Feiertagsfestlegung aufgrund des Drucks der Unternehmer bald darauf von der sozialdemokratisch dominierten Regierung wieder aufgehoben werden. Da half es auch nichts, dass die SPD dafür plädierte, aus dem „Kampftag des Proletariats“ einen allgemeinen Volksfeiertag zu machen.In den Folgejahren konnte die Arbeiterbewegung in der Frage, wie der 1. Mai künftig zu begehen sein sollte, keinen Konsens finden. Vor genau 80 Jahren, am 1. Mai 1929, und an darauf folgenden Tagen war es in Berlin zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen.

Der sozialdemokratische Polizeipräsident Karl Zörgiebel hatte damals stark aufgeheizter politischer Lage ein Demonstrationsverbot über die Stadt verhängt. Die KPD ignorierte das Verbot und veranstaltete Demonstrationen in der Stadt, in deren Verlauf es zu wilden Schießereien kam. Dabei wurden bis zu 38 Personen getötet, darunter auch völlig unbeteiligte. Das ging als „Blutmai“ in die deutsche Geschichte ein und steht zugleich symbolisch für die tiefe Zerrissenheit der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik. Derweil war der 1. Mai immer noch kein gesetzlicher Feiertag. Dafür sorgten ausgerechnet die kurz zuvor an die Macht gekommenen Nationalsozialisten im März 1933 per Erlass. Der Durchführung der ersten Maifeierlichkeiten, zum „Tag der deutschen Arbeit“ unter Regie der Nazis nahm sich Reichsminister Joseph Goebbels persönlich an. Nichts wollte er dabei dem Zufall überlassen.

Ziel des landesweiten Spektakels war es, möglichst viele noch abwartende Zeitgenossen für die nationalsozialistische Volksgemeinschaft zu begeistern. Dabei hatte Goebbels besonders die noch vielfach skeptisch abseitsstehenden Arbeiter im Blickfeld. Dazu ließ er zahlreiche Gewerkschaftsvertreter in einer spektakulären Aktion aus den verschiedensten Gebieten des Reiches mit Flugzeugen zur Großkundgebung nach Berlin bringen. So eingelullt erwachten sie und tausende andere Gewerkschafter am nächsten Morgen, als Einheiten der SA und SS in wohlorganisierten  Aktionen alle Gewerkschaftshäuser im Reich besetzten, zahlreiche Funktionäre verhafteten und Gewerkschaftskassen beschlagnahmten.

Damit waren die freien Gewerkschaften im Deutschen Reich nicht nur zerschlagen, sondern deren einstige Mitglieder wurden zudem genötigt, in die nationalsozialistische Einheitsgewerkschaft DAF (Deutsche Arbeitsfront) einzutreten. Auch in Rathenow besetzte die SA das Gewerkschaftshaus in der Großen Hagenstraße 19 und beschlagnahmte das Gebäude, alle Unterlagen sowie das Vermögen. Bereits im folgenden Jahr sollte der Feiertag nichts mehr mit der Arbeiterbewegung gemein haben.  Stattdessen berief man sich auf einstiges Germanenbrauchtum und erklärte den 1. Mai als Festtag für den Frühlingsbeginn. Von nun an wurden geschmückte Maibäume im ganzen Reich aufstellt und galten als Symbol für den „ewigen Lebenskreislauf“.

Im April 1946 bestätigte der Alliierte Kontrollrat den 1. Mai als Feiertag im besetzten Deutschland. Offensichtlich aber trauten die Besatzungsmächte den Deutschen noch nicht und untersagten — zumindest in den Westzonen — Umzüge mit Fahnen. In den Festlegungen der ersten Verfassung der DDR wurde der 1. Mai zum staatlich garantierten Feiertag im Osten Deutschlands. Bald wurde allen Beteiligten jedoch klar: Nicht der Kampf um soziale und politische Rechte stand im Mittelpunkt. Folglich ging es bei den staatlich verordneten Maidemonstrationen auch darum, die wirtschaftlichen Erfolge im Land herauszustellen. Zudem sollten die Arbeiter geloben, mehr zu produzieren und noch besser zu arbeiten.

Seit 1956 gab es in Ostberlin bei den Maifeiern auch Militärparaden nach sowjetischem Vorbild. Die Partei– und Staatsführung nahm nun die Parade der Vorbeiziehenden von der Balustrade des Volkskammergebäudes ab, hoch über den Köpfen der ostdeutschen Bevölkerung. Erst ab 1977 verzichtete die SED–Führung auf das militärische Ritual und ließ die Ehrentribüne absenken. Auch weiterhin war es viele Leute keine Ehrensache, unter Tausenden mit– und vor Politprominenz vorbei marschieren zu müssen.

Der 1. Mai wurde praktisch in allen Orten der DDR begangen. In den Kreisstädten und Industriestandorten prägte ein Mix aus Kundgebung und Vorbeimarsch an den lokalen Partei– und Gewerkschaftsgrößen mit anschließender Volksfeststimmung den Charakter des Tages. Dagegen begingen die Bürger in den Dörfern des Landes den Feiertag mit Festen rund um den geschmückten Maibaum. Ohne Zweifel war man da als Bürger einer dörflichen Gemeinde besser dran, so man nicht seine Arbeits– oder Dienststelle, den Sportverein oder dergleichen in der Stadt — mit angeordneter Teilnahme an Maidemonstration — hatte. So erging es auch mir damals.

Meine Argumentation, dass ich in meinem Heimatdorf den Kampftag begehen wollte, zog nicht immer. Mein damaliger Abteilungsleiter im VEB (K) Baureparaturen hatte zum Thema seine Prinzipien. Doch reichte es ihm, wenn man als Nicht–Rathenower alle drei Jahre dabei war. Doch dann musste man, ohne Wenn und Aber! Mit dieser langfristig angelegten Regelung kam ich recht gut klar.

Ob nun Volksfest, Kampftag oder Feiertag — diese Überlegungen gerieten in der Wendezeit 1989/90 schnell in den Hintergrund. Bemerkenswert aber, dass der DGB–Vorsitzende Ernst Breit 1990 in Berlin die seit 1932 erste freie gewerkschaftliche Mairede an ein gesamtdeutsches Publikum richten konnte.

Zwischenzeitlich haben insbesondere in Großstädten initiierte Krawallen auf den 1. Mai aufmerksam gemacht. Aktionen, auf die die Menschen verzichten könnten. Derweil gäbe es auch heute viel, für das es sich am 1. Mai zu demonstrieren lohnt.