Nachgewiesener Maßen seit Jahrhunderten ranken sich Gerüchte um unterirdische Tunnel bzw. Gänge in Rathenow.  Diesbezüglich haben zwei bekannte Geistliche der Stadt ihren Kenntnisstand der Nachwelt überliefert.

Wie der Probst in die Kirche kam

In seinem 1803 veröffentlichten Buch „Denkwürdigkeiten der churmärkischen Stadt Rathenow“ beschrieb Garnisonsprediger Samuel Christoph Wagener (1763-1845) ein Haus, das sich zwischen der Sankt-Marien-Andreas-Kirche und dem heute nicht mehr existierenden Rathaus der Altstadt befand. Dort soll der Probst der Kirche gewohnt haben. Im Keller der Probstei soll die vermauerte Tür zu einem unterirdischen Gang sichtbar gewesen sein, „durch welchen der Probst unbemerkt nach der Kirche und zwar durch eine Tür neben der Wendeltreppe der Maria-Kapelle in diese hineinkommen konnte“, so Wagener.

Georg Heimerdinger legte nach

154 Jahre nach Veröffentlichung des Buchs mit den „Denkwürdigkeiten“ meldete sich Pfarrer Georg Heimerdinger (1875-1967) zu Wort. In seinem 1957 veröffentlichten Buch „700 Jahre Geschichte der St.-Marien-Andreas-Kirche Rathenow“ schrieb dieser Geistliche über eine merkwürdige Begebenheit Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Steinstraße senkte sich ab

„In der Steinstraße senkte sich eines Tages plötzlich der Erdboden, es entstand ein tiefer Spalt. Bei der vorgenommenen Untersuchung stieß man in einer Tiefe von zwei Metern auf eine Mauerdecke, die jedenfalls unter dem Drucke der über sie fahrenden Wagen gebrochen war“, so Heimerdinger. Nach Beseitigung des Mauerwerks sei ein nach Süden führender Gang entdeckt worden, der rund drei Meter breit gewesen sein soll und durch den man etwa vier Meter habe vordringen können.

Tunnel unter dem Altar

Das klingt nach realer Stadtgeschichte, wie sie sich tatsächlich zugetragen haben könnte. Heimerdinfer ließ noch die Sätze folgen: „Den Anfang des Ganges bildete vermutlich der unter dem Altar der Kirche ebenfalls aufgedeckte unterirdische Gang, der bis zu dem in der Straße Freier Hof liegenden Haus des Bäckermeisters Werner führte. Er stellte augenscheinlich die Verbindung über die Steinstraße zu den Außenwerken der ehemaligen Stadtmauer her.“

Rudolf Guthjahr ging den Angaben nach

Mitte des 20. Jahrhunderts gab es mit dem Historiker Dr. Rudolf Guthjahr (1904-1988) einen lokalgeschichtlich sehr umtriebigen Stadtarchivar, der den Überlieferungen auf den Grund gehen wollte. Im Rathenower Heimatkalender des Jahres 1968 ging Guthjahr auf die Angaben von  Wagener ein: „Eine solche Wendeltreppe ist heute nicht mehr vorhanden. Im Winkel zwischen der Marienkapelle und dem Kirchenschiff ist ein kleiner Raum abgeteilt und zur Straße hin mit einer Tür verschlossen, zu der kein Schlüssel zu finden ist. Hinter den Stufen dieser Tür sieht man einen gemauerten Bogen am Boden. Sollte da der Eingang gelegen haben?“

Nur ein Gerücht?

Indessen hat Pfarrer Heimerdinger mit der Überlieferung, dass unter dem Altar ein Zugang zum Tunnel sein soll, wohl nur ein Gerücht kolportiert. 1993 wurde zumindest bei archäologischen Grabungen im Chorraum nichts gefunden, was auf Tunnel hingedeutet hätte.