Havelregion: Vor 2028 Jahren mit Rom in Kontakt?
Durch Ton mit achtprozentigem Eisengehalt, der einst in Rathenow und im Milower Land gefördert wurde, erhielten die hiesigen Ziegeleiprodukte ihre rostig-rote Farbe. Die Elbe hatte einst Schlick mit hohem Eisenanteil mit sich geführt. Wo sich dieser ablagerte, konnte der spezielle Ton gefördert werden.
Wann und wo genau sich die Elbe bis zu Zeiten von Christi Geburt ihre Wege durch die Region bahnte, ist ungewiss. Sie blieb aber Rathenow und dem Milower Land treu. Diesbezüglich hat der Geschichtsfreund Wolfram Bleis einen aufschlussreichen Beitrag für den Rathenower Heimatkalender 2013 geliefert. Er geht davon aus, dass sich der heute bekannte Elblauf (an Tangermünde vorbei) erst im 12. Jahrhundert entwickelt hat. Das lässt aufhorchen.
Als der Messias geboren wurde, herrschte Augustus in Rom. 27 vor Christus hatte er sich zum ersten Kaiser aufgeschwungen und regierte bis 14 nach Christus. Aus dem Geschichtsunterricht ist womöglich noch der viel zitierte Ausruf bekannt: „Varus, gib mir meine Legionen zurück!“ Im Jahr 9 nach Christus hatte Heerführer Varus in Germanien eine vernichtende Niederlage erlitten, was den Augustus sehr betroffen machte. Schon im Jahr 9 vor Christus hatte der erste römische Kaiser einen schweren Schicksalsschlag verkraften müssen. Da war sein Stiefsohn Drusus im wahrsten Sinne gefallen.
Die mit Augustus beginnende Epoche wird unter Historikern als Römische Kaiserzeit bezeichnet, auch wenn es um germanische Geschichte geht. Auf dem Höhepunkt seines Lebens war Drusus als Statthalter der römischen Provinz Gallien im Einsatz und damit auch für die Grenzwacht am Rhein zuständig. Östlich davon lag Germanien.
Auch Drusus träumte wohl davon, das Imperium Romanum bis an die Elbe und darüber hinaus auszudehnen. Im Jahr 9 vor Christus hatte er die Elbe erreicht. Er war der erste römische Heerführer, der das geschafft hatte. Laut Chronist Cassius Dio, eine Übersetzung aus dem Lateinischen ist auf geschichtsbuch.hamburg.de zu finden, wollte Drusus mit seinen Truppen den Fluss überqueren.
„Wohin willst du denn, unersättlicher Drusus? Dir ist es nicht vergönnt, alle diese Lande zu schauen. Zieh also ab; denn schon ist das Ende deiner Taten und deines Lebens da!“ - Mit diesen Worten soll sich ein „Weib von übermenschlicher Größe“ dem militärisch so erfolgreichen Mann in den Weg gestellt haben. Es müsste demnach eine Germanin gewesen sein.
Wie es weiter heißt, ist Drusus auf dem Rückmarsch vom Pferd gefallen. Er verletzte sich und erlag den Unfallfolgen. An den Rhein zurück hatte er es nicht mehr geschafft. Das ist belegt. Indes glaubt die Wissenschaft nicht an eine sehr große und seherisch veranlagte Frau, die den Heerführer zur Rückkehr bewogen hat. Doch einig ist man sich darin, dass Drusus im Jahr 9 vor Christus tatsächlich die Elbe erreichte. Offen blieb, welcher Flussabschnitt bei Cassius Dio gemeint ist. Der Geschichtsschreiber lebte etwa von 164 bis 230 n.Chr.
Die heute bekannten Elbestädte gab es zur Zeitenwende freilich noch nicht. Gemeinhin wird die Gegend um Magdeburg am ehesten bevorzugt, wenn es um die Stelle geht, wo Drusus die Elbe erblickte. In Anbetracht der nicht vorhandenen Belege, könnte er auch etwas weiter nördlich ans Ufer gelangt sein. Sollte die Elbe vor 2028 Jahren durch das Milower Land und an Rathenow vorbei geflossen sein, hätte es auch dort zur Begegnung zwischen Drusus und der Seherin kommen können.
Wissenschaftliche Belege gibt es auch hier nicht. Doch immerhin wird im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel eine Silbermünze mit dem Konterfei von Kaiser Augustus gezeigt. Es handelt sich um das älteste Geldstück, das in brandenburgischer Erde gefunden wurde. Fundort: Rathenow!
Denkbar, dass diese Münze einst auch durch die Hände des Rathenower Historikers und Stadtarchivars Dr. Rudolf Guthjahr (1904-1988) ging. Das wäre ein Festival gewesen für den Mann, der seiner 1934 eingereichten Doktorarbeit den Namen gab: „Die Semnonen im Havelland zur frühen Kaiserzeit“. Die Dissertation lagert im Brandenburger Domstiftsarchiv. Der Silberdenar des Augustus hätte in gewisser Weise Guthjahrs Schlussfolgerungen stützen können.
Er ging nicht davon aus, dass der sogenannte „Heilige Hain“ des germanischen Stammes der Semnonen im Westen des heutigen Landkreises Havelland zu finden wäre. Der Historiker brachte ein Gebiet zwischen dem Krämer Forst und Velten ins Spiel, sozusagen havelländisches Hinterland.
Die Semnonen werden auch durch die heutige Wissenschaft im Havelland und östlich davon angesiedelt. Sie gehörten einem Stammesverband an, der als Sueben bezeichnet wird. Zu diesem gehörten die Völkerschaften zwischen Ostsee und Mittelgebirgen. Der römische Historiker Tacitus, der etwa von 58 bis 120 n.Chr. lebte, hatte die Semnonen als „die Ältesten und Edelsten“ unter den Sueben bezeichnet und den "Heiligen Hain“ wie ein Zentralheiligtum beschrieben, in dem zu einer festgesetzten Zeit „alle Völkerschaften desselben Blutes durch Gesandtschaften“ zusammen kommen. Was wohl aus infrastruktureller Sicht eine gut erreichbare Gegend zwingend voraussetzt.
Laut Tacitus sollen Menschenopfer im Hain dargebracht worden sein. Der Römer deutete das dahingehend, dass „hier die Wiege des Volkes, hier der alles beherrschende Gott sei, alles andere ihm untertan und dienstbar“. Es soll so viele Semnonen gegeben haben, dass sie sich laut Tacitus’ weiteren Angaben „als Haupt der Sueben" ansahen.
Sollte Heerführer Drusus etwa 100 Jahre vor Lebzeiten des Tacitus’ damit geliebäugelt haben, die Sueben hinter der Elbe zu besiegen, wäre ein zu zerstörendes Zentralheiligtum ein logisches Ziel gewesen. Dadurch hätte Drusus womöglich den Kern der suebischen Gemeinschaft vernichtet. Nach einem Elbübergang auf Höhe Rathenow wäre er auf kürzestem Weg zum Krämer Forst gelangt. Doch ist über eine diesbezügliche Absicht nichts bekannt. Allerdings könnte es sehr wohl so gewesen sein, dass der Stiefsohn des Augustus an der Elbe durch eine Seherin zur Umkehr genötigt wurde.
Tatsächlich gab es solche Frauen, und sogar bei den Semnonen. Cassius Dio berichtet von einer Ganna genannten Seherin, die einen Semnonenkönig zum Besuch bei Kaiser Domitian in Rom begleitete. Dieser herrschte in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus. Eine Tonscherbe, auf der der Name einer semnonischen Seherin des 2. Jahrhunderts geschrieben steht, wurde einst in Ägypten gefunden. Diese Frau hieß Waluburg. Ihre seherische Fähigkeiten machte sich das römische Militär offenbar zu Nutzen.
Wie lange die Ära der Semnonen zwischen Elbe und Oder andauerte, ist ungewiss. Wahrscheinlich sind sie im Laufe des dritten nachchristlichen Jahrhunderts in süd-südwestliche Richtung abgewandert. Sodann dürften sich andere germanische Stämme in der Gegend angesiedelt haben, bis auch sie größtenteils von dannen zogen. Auf die Römische Kaiserzeit folgte im vierten Jahrhundert die Völkerwanderungszeit.
Im Archäologischen Landesmuseum sind neben dem Silberdenar des Augustus weitere römische Münzen des 1. bis 4. Jahrhunderts zu sehen, die im Havelland gefunden wurden: In Groß Behnitz, Paaren, Wustermark, Buschow, Dallgow und Pausin. Prunkstück ist eine Goldmünze aus den Zeiten des Tetricus, der von 271 bis 274 Machthaber in der römischen Provinz Gallien war. Rudolf Guthjahr hatte die Münze einst als „Rarität ersten Ranges“ bezeichnet. Gefunden wurde diese in Vieritz, wo früher auch die Elbe vorbeifloss.
TACITUS
Über die Römische Kaiserzeit in Brandenburg kann man sich im Archäologischen Landesmuseum informieren. Auf der Webseite www.landesmuseum-brandenburg.de wird Tacitus als die wichtigste Quelle aus dieser Zeit bezeichnet. Der Römer hatte Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus "De origine et situ germanorum", die "Germania", verfasst.


