Jehovas Zeugen
: In Rathenow warten 49 Mitglieder auf Harmagedon und ewiges Leben

Jehovas Zeugen gibt es seit den 1930er Jahren in Rathenow. Sie erwarten die letzte Schlacht (Harmagedon) und ewiges Leben. Im Dritten Reich und in der DDR waren sie verboten.
Von
René Wernitz
Rathenow
Jetzt in der App anhören

Der Königreichssaal von Jehovas Zeugen in Rathenow wurde vor knapp 20 Jahren in der Genthiner Straße 48A errichtet. Wegen Corona finden Zusammenkünfte aktuell ausschließlich digital statt.

Simone Weber

Die Stadt Rathenow listet auf ihrer Internetseite elf christliche Religionsgemeinschaften auf, die aktuell in der westhavelländischen Kommune bestehen. Darunter befinden sich die Zeugen Jehovas, die sich selbst als Jehovas Zeugen bezeichnen. Ihre Gemeindeoberhäupter nennen sich Älteste. Als ein solcher agiert Jürgen Hoffmann (64) in Rathenow.

Er betont aber, dass in keiner Gemeinde eine Einzelperson die alleinige Verantwortung tragen würde. In Rathenow gebe es neun Älteste. Hoffmann ist zudem für Medienarbeit und die Beantwortung von Presseanfragen zuständig.

Sehen sich als auserwählt, Harmagedon zu überleben

Der Ursprung von Jehovas Zeugen liegt in den USA, wo sich in den 1870er Jahren eine Gruppe von Bibelforschern um Charles T. Russell (1852—1916) fand. In der Folge versuchte man, aus der Bibel heraus dem Jahr 1914 prophetische Bedeutung zukommen zu lassen. Wie man meinte, würde in dem Jahr Jesus’ Regentschaft über die Erde beginnen. Diese würde die letzte Phase vor der letzten Schlacht (Harmagedon) einleiten. Jehovas Zeugen sehen sich als auserwählt, nach der Schlacht in paradiesischer Umgebung auf ewig leben zu können.

Seit den 1890er Jahren wird die Lehre der „Bibelforscher“ auch in Deutschland verbreitet. Damals schien das Ende sehr nah. Wie Jürgen Hoffmann berichtet, gibt es Jehovas Zeugen seit den 1930er Jahren in Rathenow. In ganz Deutschland wuchs ihre Zahl bis 1933 auf bis zu 30.000 Menschen.

Zuchthaus Brandenburg: 127 hingerichtete Zeugen Jehovas

Schon im Juni 1933 wurden Jehovas Zeugen verboten. Insbesondere weil sie Hitlergruß und Wehrdienst verweigerten, wurden sie im Dritten Reich verfolgt und inhaftiert. Schlimmer wurde es nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Wer wegen sogenannter Wehrkraftzersetzung oder Kriegsdienstverweigerung angeklagt wurde, musste mit der Todesstrafe rechnen. Allein im Zuchthaus Brandenburg wurden 127 von Jehovas Zeugen mit einem Fallbeil enthauptet.

Nach 1945 besserte sich die Lage im Westen Deutschlands erheblich, im Osten nur kurzzeitig. 1950 wurde die Religionsgemeinschaft im Arbeiter– und Bauernstaat verboten. „Auch zur DDR–Zeit sind Jehovas Zeugen nachweislich verfolgt und zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Im täglichen Leben unterlagen sie vielen Repressionen, konnten oft keine Berufsausbildung erhalten und viele Berufe nicht ausüben. Es gibt noch viele Zeitzeugen in unserer Gemeinde“, so der Rathenower Hoffmann. Mit der Wende standen die Zeichen auf freie Religionsausübung.

49 „missionsaktive“ Mitglieder in Rathenow

Jürgen Hoffmann gehört seit 1983 der Religionsgemeinschaft an. Er litt unter keinen Repressionen, weil er in West–Berlin lebte. Erst 2015 übersiedelte er nach Rathenow. Die Gemeinde hat aktuell 49 „missionsaktive“ Mitglieder. Das sind jene getauften Leute, die in normalen Zeiten von Haus zu Haus ziehen oder etwa vor Kaufhäusern stehen könnten. Corona wirkt sich aktuell negativ auf die Missionsaktivitäten aus.

Die Pandemie verhindert zudem die Gemeinschaft im Königreichssaal, der vor knapp 20 Jahren in der Genthiner Straße 48A errichtet wurde. Seit März 2020 hält die Rathenower Gemeinde ihre Zusammenkünfte ausschließlich in Form von Videokonferenzen ab. „Trotzdem sind unsere Zusammenkünfte für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Zugangsdaten werden auf Anfrage zur Verfügung gestellt“, so Hoffmann.

Seit 2009 Körperschaft des öffentlichen Rechts in Brandenburg

Jehovas Zeugen sind inzwischen deutschlandweit, also in allen Bundesländern, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und somit katholischer und evangelischer Kirche gleichgestellt. Um diesen Status zu erlangen, muss ihn zunächst ein Bundesland verleihen. Zum Auftakt wurde der Körperschaftsstatus 1990 in Berlin beantragt. Es kam zum Rechtsstreit, der sich bis vor das Bundesverfassungsgericht zog. Berlin anerkannte den Körperschaftsstatus im Jahr 2006, Brandenburg im Jahr 2009, und in Nordrhein–Westfalen war das erst 2017 der Fall.

Jehovas Zeugen könnten nun über die Finanzämter Steuern einziehen lassen, wie es Praxis bei den Kirchen ist. Doch Pflichtbeiträge bestehen nicht für die rund 165.000 Mitglieder in Deutschland. Auch die Gemeinde in Rathenow lebt hauptsächlich von Spenden.

In Anbetracht der gegenwärtigen Krisen durch Klimawandel, Corona und Truppenaufmarsch in Osteuropa muss natürlich die Frage erlaubt sein, ob Jehovas Zeugen einmal mehr das Ende nahen sehen. Jürgen Hoffmann sagt über die Entwicklungen: „Natürlich sehen wir diese im Zusammenhang mit biblischen Voraussagen, ohne aus einzelnen Vorkommnissen übertriebene Schlussfolgerungen zu ziehen.“