Wer in der DDR zu den Bürgern mit Westkontakten zählte und ab und an auch eine Paketsendung von Verwandten oder Bekannten aus der BRD erhielt, zählte zweifelsohne zu den privilegierten Zeitgenossen im Arbeiter- und Bauernstaat. Statistische Daten aus den 1980er Jahren belegen, dass rund 25 Millionen Päckchen und Paketsendungen von West nach Ost mit einem Warenwert von etwa fünf Milliarden DDR-Mark versandt wurden. Besonders in der Weihnachtszeit überquerten viele der begehrten Gaben aus dem Westen die innerdeutsche Grenze und ließen die Herzen bei den Beschenkten im Osten höherschlagen.

Wohlgeruch des Westens in ostdeutschen Wohnungen

Speziell der  besondere Duft, der den geöffneten Westpaketen entströmte, dürfte bei den meisten Empfängern von einst als gute Erinnerung gespeichert sein. Diese, wohl nicht wieder zu rekonstruierende, betörende Duftmischung aus Apfelsinen, Schokolade, Kakao, Kaffee und Seife exportierte zu jener Zeit millionenfach den geglaubten Wohlgeruch des Westens in ostdeutsche Wohnungen. Was war das dann für ein Fest der Sinne, wenn das langersehnte Weihnachtspaket endlich angekommen war und schon am Packpapier dieser feine Duft haftete.

Wie eine familiäre Zeremonie unterm Weihnachtsbaum

Dennoch wurden Weihnachtspakete bei uns immer erst nach der Bescherung, im Beisein der gesamten Familie, unter dem Weihnachtsbaum ausgepackt. Dazu wurde jeder Knoten der Verpackungsschnur behutsam gelöst und anschließend genau wie das Packpapier sorgsam zusammengelegt. Nicht anders wurde dann auch mit dem stets liebevoll eingepackten Inhalt verfahren. Eine zeitraubende Prozedur, die die Anspannung bei unseren Kinder stets ins Unermessliche trieb.

War der Inhalt laut Verzeichnis vollständig?

Besonders glücklich konnten sich die so Beschenkten schätzen, wenn ihnen ein Blick auf das stets beizulegende Inhaltsverzeichnis bestätigte, dass alle im Westen versandten Dinge auch angekommen waren. Das war damals durchaus keine Selbstverständlichkeit. Denn die vom jungen DDR-Staat bereits am 5. August 1954 erlassene Geschenkeverordnung war nicht immer so konkret gefasst und ließ damit den DDR-Zollkontrolleuren erhebliche Freiräume.

„Geschenksendung, keine Handelsware“

Danach konnte jeder DDR-Bürger pro Jahr maximal 12 Westpakete, die als „Geschenksendung, keine Handelsware“ deklariert werden mussten (mit einem jeweiligen Maximalgewicht von sieben Kilogramm) erhalten. Versandtverbot gab es unter anderem für Geld, Druckerzeugnisse, Tonträger, Kriegsspielzeug, Arzneimittel und der gleichen.  Doch auch bei den zum Versand erlaubten Lebens- und Genussmitteln sowie Textilien, Nutz- und Gebrauchsgegenständen gab es - was die Menge betraf - strenge Reglementierungen. Diese wurden in den Folgejahren zwar gelegentlich angepasst, wie 1977 nach der „DDR-Kaffeekrise“, behielten aber bis zum Ende der DDR ihre Gültigkeit.

Sogar Tabletten vom Zoll entdeckt

Trotz der rigide gehandhabten Bestimmungen wurde jahrzehntelang versucht, Zeitschriften, Geld und Medikamente in Richtung Osten zu versenden. Besonders Tabletten wurden gerne in Pulvern von Waschmittel, Kakao und der gleichen auf die Reise geschickt und dann doch vom DDR-Zoll entdeckt. Doch mitunter gelang auch der unerlaubte Medikamentenversand. So „versteckten“ kreative Zeitgenossen für die Verwandtschaft im Osten heißbegehrte Pillen in Linsenform in einer Tüte mit Speiselinsen. Die kamen dann so gut getarnt an, dass die Empfänger Mühe hatten Medizin und Nahrungsmittel fehlerfrei voneinander zu trennen.
In einem anderen Fall ist der erfolgreich getarnte Versand von Schmerzzäpfchen für die betagte Ostverwandte bekannt. Trotz brieflicher Vorankündigung ließen sich diese, auch nach intensiver Suche, nicht unter den mitgesandten Waren im Päckchen finden. Erst etwas später hatte deren Enkel ein Exemplar beim ersten herzhaften Biss in eine mitgesandte rosa-weiß gefüllte Waffel im Mund.

Westgeheimdienste kontrollierten Ostpakete

Laut den Forschungsergebnissen der Historikerin Konstanze Soch wurden die Westpakete aber nicht nur im Osten gefilzt. Bundesnachrichtendienst (BND) und Militärischer Abschirmdienst (MAD) waren neugierig zu erfahren, was in Paketen steckte: „Mitarbeiter von BND und MAD suchten in ihnen Botschaften von Spionen.“ Besonderes Augenmerk galt hier aber dem Paketverkehr in die andere Richtung. Und dieser war nicht unerheblich, wie Statistiken belegen. Danach wurden in bestimmten Zeitabschnitten pro Kopf sogar viel mehr Pakete von Ost nach West verschickt als umgekehrt.

Von wegen edler Westkaffee

„Bereits in den 80-Jahren“, so Konstanze Soch, „nahm die Zahl der Westpakete ab. Nach der Wende gab es zusätzlich oft familiäre Irritationen. Westler, die der Ostverwandtschaft vorwarfen, nicht dankbar genug zu sein. Oder die sagten: Jetzt könnt ihr euch die Sachen ja selbst kaufen. Und Ostdeutsche, die nach ihren ersten Westbesuchen ernüchtert feststellten, dass der angeblich so edle Albrecht-Kaffee,[…] doch eine Billigmarke von Aldi war. Und der vermeintlich teure Westpulli bei C&A für zehn Mark zu haben war. Das fanden viele im Nachhinein erniedrigend. Deswegen brachen gerade in der Zeit des Mauerfalls […] die Ost-West-Kontakte in zahlreichen Familien ab.“

Der Duft des Westens wieder verfügbar?

 Müssen wir damit nun nach mehr als dreißig Jahren Wiedervereinigung das Thema Westpakete endgültig zu den Akten legen? Nicht unbedingt. Denn einer der großen Online-Versandhändler hält aktuell neben Westpaketduft-Schaumseife und -Duschbad auch einen Aufguss mit Westpaketduft bereit. Möglicherweise sind das ja brauchbare Komponenten, um wieder zu einem eigenen Westpaket zu kommen.