Angst und Depression
: Wo psychisch Kranke in Schwedt Hilfe finden

Zum Welttag der seelischen Gesundheit am 10. Oktober: Ein Blick in die Begegnungsstätten für psychisch kranke Menschen in Schwedt und Angermünde.
Von
Daniela Windolff
Schwedt
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Ort der Zuflucht: Julia Seliger und Juliane Wolgast betreuen Begegnungsstätten der Johanniter für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Schwedt und Angermünde. Hier ist jeder willkommen, kostenlos und ohne Anmeldung.

Ort der Zuflucht: Julia Seliger und Juliane Wolgast betreuen Begegnungsstätten der Johanniter für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Schwedt und Angermünde. Hier ist jeder willkommen, kostenlos und ohne Anmeldung.

Daniela Windolff

Psychische Erkrankungen wie Depression, Burnout, Angst-Störungen oder auch Suchterkrankungen haben Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs überholt, was die Zahl der Betroffenen und der Arbeitsausfälle betrifft. Rund 18 Millionen Menschen erkranken nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (dgppn) jedes Jahr neu. Die sich rasant verändernde Arbeitswelt, der wachsende Druck und diverse Krisen wie Corona, Ukraine-Krieg, Klimakrise, Inflation, verschärfen diesen Trend dramatisch. Und doch ist das Leiden der Seele noch immer ein großes gesellschaftliches Tabu.

Deshalb findet jedes Jahr rund um den internationalen World Mental Health Day (Welttag der seelischen Gesundheit) am 10. Oktober auch in Deutschland eine Aktionswoche statt, zu der das bundesweite „Aktionsbündnis Seelische Gesundheit“ aufruft. Die Aktionstage wollen das Schweigen brechen, Betroffene aus dem Schatten von Stigmatisierung, Scham und Einsamkeit holen und Verständnis für die Situation von Menschen mit einer psychischen Erkrankung und deren Folgen schaffen, aufklären und Berührungsängste abbauen. Doch wie funktioniert das im Alltag?

Wo Betroffene in der Uckermark Hilfe finden

Wie und wo finden Betroffene Verständnis, Hilfe, Kontakte und trotzdem den oft notwendigen geschützten Raum und Rahmen auch außerhalb von Therapien und Kliniken, wie in Angermünde?

So ein Angebot macht die Johanniter Unfallhilfe in Angermünde, Schwedt und Eberswalde mit ihren „Kontakt- und Beratungsstellen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen“.

Offene Begegnung und Beratung in Schwedt und Angermünde

So bürokratisch der Name auch klingen mag, so dahinter stehen völlig unbürokratische, offene und freundliche Orte für Begegnungen und Menschen, die einfühlsam, verständnisvoll und kompetent Betroffene an- und aufnehmen, ihnen die Hilfe, Unterstützung und Geborgenheit anbieten, die sie wünschen. Und das ohne Termin, ohne Rezept, ohne Zeitdruck und völlig kostenlos. „Wir bieten in unseren Kontakt- und Beratungsstellen der Johanniter psychisch beeinträchtigen Menschen ungezwungen die Möglichkeit, in einem sicheren und verständnisvollem Raum Kontakt zu Gleichgesinnten aufzubauen und Ansprechpartner für all ihre Sorgen und Probleme zu finden“, erklärt Nicole Wenzel vom Johanniter Regionalverband Nordbrandenburg. Es sind zugleich „Übungsstätten“, in der Betroffene wieder in ganz kleinen Schritten aus dem seelischen Tal herauszuklettern und die kleinen Anforderungen des Alltags zu bewältigen, die für psychisch Kranke nicht selten zu riesigen Hürden werden.

Depression raubt Kraft, Energie und Lebensmut

Ihnen fallen oft ganz einfache Alltagsdinge schwer, weil die Krankheit ihnen Kraft raubt und Motivation raubt, Strukturen verloren gingen und nicht zuletzt soziale Kontakte. „Es ist als wäre man in einem tiefen, dunklen Krater gefangen, in den kein Lichtstrahl fällt und die Luft eng wird. Man kann sich nicht wehren. Hat nicht einmal mehr Kraft zum Schreien oder Weinen“, beschreibt ein Betroffener die schlimmsten Phasen seiner Krankheit Depression.

Der allerschwerste Schritt ist der raus aus dem Haus. Wer es schafft, in die Begegnungsstätte zu kommen, oft nur mit Anregung von Ärzten und Therapeuten und in Begleitung von Familie oder Freunden, hat eine große Hürde bewältigt und dem öffnet sich eine Tür.

Johanniter bieten eine zweite Familie

In der Begegnungsstätte geht es zu, wie in einer Familie. Hier wird gemeinsam erzählt, eingekauft, gekocht, gebacken, gegessen, werden Aufgaben und Verantwortung verteilt, wird sich gegenseitig geholfen, ist Raum für gemeinsame Freizeit, wie Karten spielen oder Filme gucken, für Unternehmungen, Feste, Geburtstagsfeiern, sogar Ferienfahrten, aber auch für ganz individuellen Rückzug. Hier gibt es Regeln, feste Strukturen und Rituale, die Halt und Orientierung geben. Der einzige Unterschied: Jeder bestimmt freiwillig, wann er kommt und geht oder wie lange er bleiben möchte, beschreibt Julia Seliger der Alltag in der Kontakt- und Begegnungsstätte in Schwedt. Die ist in einer großen Wohnung in der Oderberger Straße 18 eingerichtet, mit Wohnzimmer, Esszimmer, Küche, Bad. Die Räume haben Betroffene selbst nach eigenen Wünschen mit renoviert, gemalert und eingerichtet.

„Wir haben viele Stammgäste, aber auch Besucher, die sporadisch bei Bedarf kommen, zum Beispiel, wenn es ihnen nicht so gut geht und sie Halt suchen, oder einige, die ab und zu nur mal zum Gucken kommen, zum Kaffeetrinken oder einen Rat oder ein Gespräch mit uns suchen“, erzählt Julia Seliger. Manche kommen jeden Tag, manche nur zum Mittagessen, andere ab und zu. Mal sind es 8 bis 10, mal nur 4 Besucher. Alles ist freiwillig.

Freiwilligkeit statt Therapie

Die Begegnungsstätte ist keine Therapie, sondern ein offenes, niederschwelliges Angebot für jeden, unabhängig von der Diagnose, ob Depression, Panik oder Schizophrenie, betont Nicole Wenzel. Gerade diese Offenheit, Unvoreingenommenheit und Vielfalt sorgt für ein besonderes Miteinander der Menschen in den Einrichtungen, unterstreicht auch Juliane Wolgast, die seit 2016 die Kontakt- und Beratungsstelle in Angermünde, Berliner Straße 45, leitet. Jeder könne so sein, wie er ist, ohne Befremden, Vorurteile, Diskriminierung. Man hilft und versteht sich ganz selbstverständlich. Es entstehen sogar Freundschaften. „Wir sind für viele ein zweites Zuhause geworden, auch eine Zuflucht aus der Einsamkeit, der Dunkelheit“, sagt Julia Seliger, die Leiterin der Kontakt- und Begegnungsstätte in Schwedt.

Tag der offenen Tür in Schwedt am 10. Oktober 2024

Und die lädt am Welttag der seelischen Gesundheit, am 10. Oktober 2024, von 10 bis 14 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Dann können sich Betroffene, Angehörige, Fachkräfte und vor allem interessierte Mitmenschen vor Ort ein Bild machen über die Einrichtung, Angebote und Hilfen der Johanniter sowie in Vorträgen über spezielle Themen rund um Vorbeugung und Therapien zur seelischen Gesundheit.

Tag der offenen Tür

Wann? 10. Oktober 2014, 10 bis 14 Uhr
Wo? Johanniter Begegnungsstätte für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, 16303 Schwedt, Oderberger Straße 18
Angerbote: Führungen durch die Räume, Gespräche bei Kaffee und Kuchen,
Fachvorträge und Workshops: 10.30 Uhr „Overload - Ausnahmezustand im Kopf“, 11.30 Uhr Workshop Progressive Muskelrelaxion, 13 Uhr Alltagsprävention.