Löwe bei Templin: Mit Taro ging's vom Sofa in die wilde Uckermark

Weißer Löwe: Taro mit der Schmalzlocke lebt in der wilden Uckermark. Zuvor wohnte er als Salonlöwe bei einer älteren Dame mit Plüschtieren auf dem Sofa.
Charly SchwarzEs kann durchaus von Vorteil sein, in einem der am dünnsten besiedelten Gebiete Deutschlands zu leben. Das wissen nicht nur viele Uckermärker zu schätzen. Schon vor den Corona-Lockdowns wussten stadtgebürtige Naturliebhaber die schier unendlichen Weiten im Norden Brandenburgs und doch vor den Türen der Hauptstadt für sich zu nutzen und hier Kraft zu tanken.
Auch ein Junge aus der Großstadt mit besonders großem Herzen für Tiere sah hier seine Chance. Marcel Sander entdeckte und entwickelte diese Leidenschaft mithilfe einer Dauereintrittskarte für den Berliner Zoo. Dort verbrachte er so viel Zeit, dass die Mitarbeiter dem interessierten Jungen Einblicke gewährten, die so nicht jeder Besucher bekommt.

Selfie mit Puma Shantor: Marcel Sander hat dieses Bild von sich und seinem Puma geschossen.
Marcel SanderTraum und Leidenschaft – gelebt in der wilden Uckermark
Das prägte. Den gelernten Koch ließ diese Leidenschaft nicht los. Heute lebt er seinen Traum – von den meisten Menschen unbemerkt. Nur manchmal schaut eine Reporterin oder ein Reporter vorbei, im Außenbereich, in der wilden Uckermark. Dort wohnt er mit seiner Lebensgefährtin Michelle Katscher, die seine Tierliebe teilt.
Da ist kein Schild am Eingang ist der Aufschrift Zoo oder Tierpark, denn das ist es auch nicht. Es ist ein Schutzareal, ein Lebensraum für viele verschiedene Tiere, die woanders diesen Lebensraum nicht mehr finden. Jeder Bewohner, ob zwei Beine, vier Beine oder mehr – ein jeder mit einer eigenen Geschichte.
Raptorenschreie begrüßen Besucher im Reich der wilden Tiere
Marcel Sander und Michelle Katscher empfangen die Reporterin dieses Nachrichtenportals. Gleich links auf dem weitläufigen Areal befindet sich das Emu-Gehege. Bei jedem Jurassic-Park-Fan schlüge sofort das Herz höher. Wer jetzt die Augen schließt, erst die Stille wirken lässt und dann die Töne fühlt, um sich sanften Schrittes zu nähern, hört die Schreie von Raptoren, die eines der Tiere von sich gibt.

Michelle Katscher teilt mit Marcel Sander die Leidenschaft für exotische Tiere und wird hier von Lama Horst angehimmelt.
Charly SchwarzImmer noch bei geschlossenen Augen entsteht der Eindruck, der Besucher stünde einem echten Dinosaurier genau gegenüber. Abenteuerlust fließt durch die Adern. Doch die Geschichte hinter der Kreatur und ihren Schreien lässt das Blut gleich wieder gefrieren: Es sind die Angst- und Drohgeräusche eines Tieres, das von Menschen aus einer üblen Laune heraus am Hals verletzt wurde und das nun dieser Spezies verständlicherweise mit viel Misstrauen begegnet.
Löwe Taro lebte auf dem Sofa mit Plüschtieren als Gefährten
Viele der Tiere hier eint eine Vergangenheit in schlechter Haltung, hervorgerufen durch menschlichen Unverstand, falsch verstandene Tierliebe, Überforderung. Da wurde dem weißen Löwen Taro das Sofa im Wohnzimmer buchstäblich zu klein. Denn der Löwe mit der markanten Schmalzlocke in der Stirn ist allen Ernstes einst ein Salonlöwe gewesen – im wahrsten Sinn des Wortes und verbunden mit all der Tragik.
Taro kommt ursprünglich aus Tschechien, hat dort bei einer Mittfünfzigerin gelebt. Dort habe er mit ihr zusammen in der Wohnung gehaust, schildert Marcel Sander. Taro habe nicht einmal gewusst, dass er ein Löwe ist. Er sei aufs Katzenklo gegangen, habe auf 30° erwärmtes Gulasch vom Teller gefressen, berichtet der neue Katzenpapa, der das Tier jetzt artgerechter hält. Auf dem Sofa hatte Taro Plüschtiere als Spielgefährten. Die Frau hat Marcel die Kuscheltiere seinerzeit auch mitgegeben.

Tiger-Dame Elli lebt ebenfalls in der Auffangstation in der Uckermark
Charly SchwarzEin Tier, das sich im Zirkus nicht unterordnet, ist ein Problemtier
Eine Löwengefährtin hat Taro heute nicht. Aber bei Marcel Sander und Michelle Katscher leben noch weitere Raubkatzen – und diese stehen in Größe und Imposanz Taro in kaum etwas nach. Die Geschichten hinter den tierischen Bewohnern indes sind vielfach nur unglaublich. Auch kranke Tiere haben keine Lobby. Und ein Tier, das sich im Zirkus nicht genügend unterordnet, ist ein Problemtier.
Wenn es sich dann um ein hier nicht beheimatetes, also exotisches Exemplar handelt, wird die Unterbringung zur Odyssee. Auch Marcel Sander, der selbst mit einem Reptilienhandel startete, merkte bald, dass die Zucht nicht sein Weg sein würde. Viel zu oft kamen die Tiere über Umwege in schlechtem Zustand wieder zu ihm zurück.
Die Auffangstation in Mittenwalde
Mitten in der wilden Uckermark in Mittenwalde bei Gerswalde zwischen Templin und Prenzlau leben Marcel Sander und Michelle Katscher ihre tierische Leidenschaft. Mit ihnen wohnen dort zum Beispiel verschiedene Äffchen, Puma Shantor, Tigermädchen Elli, Stachelschweine, Schildkröten, Pfauen und Lamas, um nur einige zu nennen. Sie haben in der Uckermark ein würdiges Zuhause gefunden. Wer sich über eine Patenschaft oder auch andere Hilfsmöglichkeiten informieren möchte, bekommt unter folgender Handynummer gern Auskunft: Marcel Sander, 0173-8562712.
Schweiß und Bildung steckt in der Auffangstation Mittenwalde
Heute setzt er auf Aufklärung. Viele der Notfalltiere, die, wie es der Name Auffangstation eigentlich sagt, hier nur vorübergehend untergebracht werden sollten, haben hier ein artgerechtes und liebevolles Für-Immer-Zuhause gefunden. Dafür haben er und seine Freundin unzählige Fortbildungen absolviert, die von ihnen auch gesetzlich gefordert sind.
Mittlerweile geht es neben der Tier-fachlichen auch um die Kompetenz bezüglich der baulichen Anlagen für die Unterbringung der teilweise nicht ungefährlichen Tiere. Niemand wünscht sich einen ausgebrochenen Tiger im Vorgarten. Weiterbildung ist also Pflicht, gern geben beide ihr Wissen auch weiter und gelten mittlerweile überregional als geschätzte Experten.
Lehrangebote für Schulklassen sind noch Zukunftsmusik. Seit drei Jahren nun wird gewerkelt und gebaut auf dem großen Areal der ehemaligen Schweinemastanlage, größer und schöner als gesetzlich vorgeschrieben. Alles für das Wohl ihrer Schützlinge. Dafür haben sie viel Geld in die Hand nehmen müssen, hauptsächlich Eigenkapital.

Praktikant Lennox mit einem Weißbüscheläffchen auf der Schulter.
Charly SchwarzAuch die selbstgewählte 24/7-Bereitschaft ist wohl nur mit Leidenschaft und Hingabe zu erklären. Jede helfende Hand ist gern gesehen, jede Spende willkommen. Im Moment ist Lennox vor Ort, der nach seinem Schulabschluss eine Ausbildung zum Tierpfleger absolvieren möchte und als Praktikant viele Erfahrungen mit sehr verschiedenen Tierarten machen kann.


