Migrationserfahrungen: Heimat muss kein Land sein
Wer in das Land der ewig zerstrittenen Königinnen eintreten will, muss sich ihre Gnade erst verdienen. Die Bewerberinnen versuchen durch Gesang, Tanz und Prosa zu beeindrucken, doch bleiben die Kriterien für eine Aufnahme diffus. Denn die Schwestern entscheiden nach persönlicher Vorliebe und widersprechen sich gegenseitig aus Prinzip. Es stellt sich heraus: Eigentlich sind die um Aufnahme bittenden Mädchen nur die Ware in einem verbitterten Machtkampf unter den Mächtigen.
Die Parabel ist Teil der Theater–Performance „Wohin? Was mir nah ist mir fern“, die von Kindern und Jugendlichen aus elf Ländern anhand ihrer eigenen Erfahrungen entwickelt wurde und am Freitag in Angermünde Premiere feierte. Die Schauspielerin und Theaterpädagogin Swantje Henke, Regisseurin Johanna Olausson und Musiker Justin Evans organisierten und betreuten das Projekt, welches durch Bundesfördermittel ermöglicht wurde. Sechs Monate probten sie an den Standorten Angermünde, Eberswalde und Oderberg und fügten die erarbeiteten Stücke am Ende zu einem szenischen Mosaik aus Tanz, Rap, Darstellendem Spiel, Gesang und Lesungen zusammen.
Das thematische Dach ist die Bedeutung von Weggehen und Ankommen im Migrationskontext, sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Lebensalltag von Geflüchteten und Deutschen. Jedoch verdeutlichen gerade Szenen über persönliche Wünsche und Träume, dass die Kinder und Jugendlichen aus elf Ländern mehr verbindet als trennt.
Mitgemacht haben Vakil aus Afghanistan und Kiyan aus dem Iran. Über das Projekt freundeten sie sich an und begannen gemeinsam Hip Hop auf Farsi zu machen. Im Stück rappen sie ihre selbstgeschriebenen Texte als Intermezzi zwischen den Kapiteln. Kiyan wohnt in einer Unterkunft in Angermünde und merkt, dass es nicht leicht ist, bei den Deutschen Anschluss zu finden. Er und sein Kumpel Vakil mussten mehrfach rassistische Anfeindungen erdulden — einmal als sie am See saßen und an ihren Texten schrieben. „Gegen die Nazis kann man nichts machen“ zuckt Vakil mit den Schultern, der in Afghanistan mitansehen musste, wie Menschen starben. Irgendwann möchte er zurück: „Ich vermisse den Ort, an dem ich aufgewachsen bin“, erzählt der 16–Jährige melancholisch.
Auch Yovana aus Serbien plagt das Heimweh. „Ich weiß nicht mehr, wie Serbien und unser altes Haus aussiehen. Seit sieben Jahren bin ich in Deutschland und habe alles von der Zeit davor vergessen.“ Im Stück singt sie zwei Lieder der Sängerin Loredana. Einmal mit ihrer jüngeren Schwester, um sich für den Eintritt ins Reich der zornigen Königinnen zu bewerben.
Heimat ist nicht nur ein Land
Was außer der geografischen Heimat noch das Gefühl von Geborgenheit schenken kann, stellen die Kinder und Jugendlichen in Bilderrahmen vor: Auch Schwester, Katze, Familie oder Freunde können ein Gefühl der Nähe und des Angebundenseins herstellen. Denn trotz der teilweise traurigen oder frustrierenden Erfahrungen, die vom Stück thematisiert werden, überwiegt am Ende der Optimismus — mitsamt der Aufforderung, produktiv zu werden statt zu resignieren.
Weitere Termine: 8. November: Eberswalde (Exil), 9. November: Stolzenhagen (Milchgarten),16. November: Oderberg (Sporthalle) immer 18 Uhr.


