Wasserrettung
: Helfende Engel gegen das Ertrinken

Immer wieder kommt es zu Badeunfällen mit tragischem Ausgang. Die DLRG bildet immer mehr Rettungsschwimmer aus.
Von
Oliver Schwers
Angermünde
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Überall in der Uckermark im Einsatz: Uwe Neumann von der DLRG Uckermark auf dem Mündesee bei Angermünde. Die Wasserretter sichern Veranstaltungen und Schwimmunterricht ab, bilden Nachwuchs aus und helfen Menschen aus Notlagen.

Oliver Schwers

In seiner Strandburg hält Uwe Neumann ein Schläfchen, als plötzlich seine Frau an ihm zerrt und ruft: „Da, lauf!“ Im Wasser der Ostsee droht ein junges Mädchen unterzugehen, das die Unterströmung unterschätzt hat. „Plötzlich war sie unter Wasser“, erinnert sich Uwe Neumann. Er rast los und stürzt sich in die Wellen. Als das Mädchen endlich wieder an Land ist, leistet er gemeinsam mit einem anderen Badegast Erste Hilfe, bis endlich der Notarzt eintrifft. Der Glücksumstand in diesen Sekunden und Minuten: Beide Helfer sind langjährig ausgebildete Rettungsschwimmer.

Viele solcher Augenblicke hat Uwe Neumann aus Angermünde schon erlebt. Häufig wird er gefragt, wie vielen Menschen er schon das Leben zurückgab. Er weiß es gar nicht genau. „Ich habe nicht mitgezählt und Wasserrettung ist in den meisten Fällen Teamarbeit.“

Ertrinkende entwickeln Kräfte

Doch in lebensbedrohlichen Situationen muss der Rettungsschwimmer auch auf sich allein gestellt handeln. Uwe Neumann sieht zufällig, wie eine Mutter von drei Kindern aus Holland von ihrer Familie überredet wird, für Fotoaufnahmen von einer Brücke in einen strömenden Fluss zu springen. Das geht schief. Erst hunderte Meter weiter schafft er es, sie aus dem Wasser zu ziehen, übersät mit unzähligen blauen Flecken. Denn Ertrinkende entwickeln in ihrer Angst das bis zu Zehnfache ihrer normalen Körperkraft. Um sich selbst zu schützen, müssen Rettungsschwimmer deshalb Abwehrgriffe können, eine Art Judo im Wasser. Wer sie nicht beherrscht, läuft Gefahr, selbst unterzugehen.

Seine erste Begegnung mit Wasserrettern hat Uwe Neumann 1975 am Wolletzsee von Angermünde. Der 13–Jährige erlebt bei einer Klassenfahrt gebannt, wie plötzlich Menschen mit orangen Badesachen ins Wasser stürzen. Sie können unheimlich schnell laufen, schwimmen und tauchen. Seine Leidenschaft ist geweckt. Drei Jahre später hält er selbst die Einsatzbefähigungen des DRK Wasserrettungsdienstes der DDR in Händen und besitzt selbst eine orange Badehose.

Heute ist Uwe Neumann bei der Deutschen Lebens–Rettungs–Gesellschaft (DLRG). Er steht am Ufer oder am Beckenrand, beaufsichtigt Großveranstaltungen, fährt mit dem Boot, trainiert junge Rettungsschwimmer. Die Faszination lässt ihn nicht los. Neben dem eigentlichen Rettungsgedanken ist da noch mehr. Vor allem der Sport und die Teamarbeit. „Rettungsschwimmer müssen in Sekunden Situationen erkennen, einschätzen und effektiv und sicher handeln. Retter, die sich vorher nie gesehen haben, sollten sich blind verstehen. Hierbei hängt oft auch das eigene Leben davon ab, wie gut man sich auf seine Partner verlassen kann.“

Unfälle beim Baden, Angeln oder beim Wassersport passieren immer wieder. Die Zahlen sind erschreckend und steigen. Allein in Brandenburg ertranken im vergangenen Jahr 28 Menschen, 12 waren es in Berlin. Kinder fallen aus dem Boot, Erwachsene nehmen Gefahren nicht ernst. Die Zeitungen sind voller Schlagzeilen. „Wir erleben Unwissenheit, Selbstüberschätzung und Mutproben“, schildert Uwe Neumann die Hintergründe. Und manchmal verlässt Menschen auch einfach die Kraft. Eine junge Frau, die bei reißendem Hochwasser in den Fluss fällt und sich krampfhaft an einem Paddel festhält, muss er erst anschreien, bevor sie überhaupt reagiert. Wirklich begriffen hat sie die Situation erst, als beide erschöpft am Ufer liegen.

Noch ein Problem sehen die Wasserretter: Die Menschen können schlechter schwimmen als in früheren Jahren. Bei Zuwanderern aus südlichen Ländern ist die Quote der Nichtschwimmer ohnehin höher als hierzulande. Aber auch bei vielen Kindern aus Großstädten und selbst aus der Uckermark sinken die Fähigkeiten. „Wir bekommen von stolzen Großeltern zu hören, wie toll ihr Enkelkind im Pool schwimmt. Das hat aber nichts mit einem See oder gar der Ostsee zu tun“, sagt Uwe Neumann.

Seit sechs Jahren besteht die DLRG Uckermark als eigener Retter–Verband. Hauptziel des Vereins: Die dringend in der Region benötigten einsatzfähigen Rettungsschwimmer aus– und weiterbilden. Obwohl seitdem schon Dutzende an den Ausbildungen teilgenommen haben, reicht die Zahl der Einsatzkräfte längst nicht aus.