Wendegeschichte
: „Wir waren keine Helden, wir haben Zivilcourage bewiesen“

Was geschah zur friedliche Revolution 1989 in Schwedt? Jugendpfarrer Falko Becker, damals 24, erinnert sich.
Von
Michael Dietrich
Schwedt
Jetzt in der App anhören
  • Mit 24 jahren: Der junge Falko Becker 1987 beim Spaziergang mit Kind im Kinderwagen im Schwedter Polder.

    Mit 24 jahren: Der junge Falko Becker 1987 beim Spaziergang mit Kind im Kinderwagen im Schwedter Polder.

    privat
  • 30 jahre später: Pfarrer Falko Berker singt Lieder von Pension Volkmann zur Vorstellung der "Wendegeschichten".

    30 jahre später: Pfarrer Falko Berker singt Lieder von Pension Volkmann zur Vorstellung der "Wendegeschichten".

    Michael Dietrich/MOZ
1 / 2

Noch heute trifft man gar nicht so selten auf die Vorstellung, dass es die friedliche Revolution von 1989,  mit ihren bekannten Bildern aus Leipzig und Berlin, in Schwedt nicht gegeben hat. Auch Pfarrer Falko Becker (54) hörte immer wieder, dass ihm Schwedter sagten: „Davon haben wir hier gar nix mitgekriegt.“

Für eine Ausstellung und Dokumentation über die Wendegeschichte  in Schwedt, die das Stadtmuseum vorbereitet, hat Falko Becker seine Erlebnisse daran erinnert. In der Vortragsreihe „Treffpunkt Pavillion“ hat er in dieser Woche einen Vorgeschmack darauf gegeben. Als der Katholik und gelernte Tischler Falko Becker vom Caritas-Verband die Empfehlung nach Schwedt bekam, wollte er eigentlich Kindergärtner werden.

Das erlaubte aber die DDR Männern nicht. Als Erzieher im katholischen Kinderheim in der Fabrikstraße kam er dem noch am nächsten. „Ich erlebte die Wendezeit als junger Mann mit 24, der ja nicht nur Revolution machen wollte, sondern vor allem eine Familie gründen“, erzählt er. Mit seiner Frau, zwei kleinen Kindern und in Erwartung des dritten lernt er Schwedt kennen, hat noch ein paar Fotos der Zeit von Ausflügen mit dem Kinderwagen in die Polder, von grauen Fassaden, die man zu Feiern erfolglos mit DDR-Fahnen verdeckte.

In der evangelischen Kirche, zu der er konvertierte, und ihrer Jungen Gemeinde erlebte Falko Becker jedoch mutige Menschen wie Pfarrer Hans-Rainer Harney, der schon 1987 den Liedermacher Stefan Krawczyk und seine Frau, die Theaterdramaturgin  Freya Klier, beide hatten längst Auftrittsverbot, zu einem Konzert „Pässe und Parolen“ einlud. Die Kirche öffnete ihr Gemeindehaus dafür, das Ankündigungsplakat warb für eine „satirische Anspielung auf menschliche und gesellschaftliche Missstände.“

Falko Becker organisierte mit Jugendfreunden gemeinsam eine Flugblattaktion gegen Kriegsspielzeug im Centrum-Warenhaus und erinnert sich heute. Sie klebten und steckten im Dezember 1987 150 kopierte Zettel mit dem Bild von einem durchgestrichenen Panzer und dem Text „Kriegsspielzeug im Warenhaus, treibt dem Kind den Frieden aus“. Heute erinnert er sich, wie er damals Vorkehrungen traf, Kinder anderswo unterbrachte und seine Frau nicht einweihte, alle Beweise vernichtete für den Fall, dass sie dabei erwischt werden. Heute weiß Becker: „Sie haben uns abgehört, sie waren in unserer Wohnung, sie haben viel in ihren Akten gesammelt, sie haben viel festgestellt, aber nicht rausgekriegt, ob Pfarrer Harney davon gewusst hatte, wer die Idee hatte und auf welchem Gerät die Ormig-Abzüge hergestellt wurden. In seiner Stasi-Akte fand Becker später eines der Flugblätter wieder, die die Stasi noch in der Nacht fast vollständig aus dem Stadtbild beseitigt hatte.

„Man vergisst es ja schnell, aber allein die Wortwahl in den Stasi-Unterlagen erinnert einen daran, wie gefährlich es damals war. Da war von Zersetzen, Zerschlagen und Zerstören die Rede, etwa, als auf mich eine junge Frau angesetzt wurde, um meine Ehe zu zerrütten.“

30 Jahre später sagt Falko Becker, dass er und seine Freunde keine Heldentaten vollbracht haben, sondern mit ihrem Ungehorsam einfach Zivilcourage bewiesen haben. „Wir haben Mut aufgebracht, der auch für viele andere, die gut fanden, was wir taten, sich selbst aber nicht trauten, wichtig war. Es hat sich gelohnt, sich damals zu engagieren.“

Wendegeschichtenaus Schwedt

Treffpunkt Pavillon:23. Oktober, 18 Uhr "Das Ende der Stasi in Schwedt" mit Rüdiger Sielaff, BStU Frankfurt 20. November, 18 Uhr "Arbeitsjahre am Schwedter Theater" mit Freya Klier

Ausstellung im Stadtmuseum:10. November, 15 Uhr "Wendegeschichte – große und kleine Erinnerungen an die friedliche Revolution in Schwedt"