Friedensfahrt ab Letschin
: Bürgerinitiative Oderbruch startet Aktion für den Frieden

Die seit 1997 bestehende Bürgerinitiative Oderbruch ruft ab August monatlich von Letschin aus zu Friedensfahrten auf. Das ist der Hintergrund.
Von
Ulf Grieger
Letschin
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Umbettung Gefallener im Oderbruch: Joachim Kozlowski, Umbetter des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge hat auch knapp 80 Jahre nach Kriegsende dort viel zu tun. Hier an einem Feldweg bei Ortwig.

Umbettung Gefallener im Oderbruch: Joachim Kozlowski, Umbetter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, hat auch knapp 80 Jahre nach Kriegsende dort viel zu tun. Hier an einem Feldweg bei Ortwig. Die Bürgerinitiative Oderbruch hat nun zu einer monatlichen Friedensfahrt aufgerufen.

Ulf Grieger

„Selig sind, die Frieden stiften“  – Dieser Spruch aus der Bibel steht an vielen Kirchen und Pfarrhäusern im Oderbruch. Gemeinsam mit der Kirchgemeinde Letschin-Oderbruch hat die nach dem Hochwasser 1997 gegründete Bürgerinitiative Oderbruch zu einer monatlichen Friedensfahrt aufgerufen.

Wie bei den Protesten gegen die CO2-Speicherung im Oderbruch wird der Schinkelturm am Markt in Letschin jeweils der Ausgangspunkt dieser Touren sein, die möglichst viele Menschen, vor allem Familien mit Kindern, erreichen soll, erklärt Michael Böttcher, Bürgermeister von Letschin.

Gemeinsam mit Kai Herrmann, Unternehmer aus Groß Neuendorf, und Pfarrer Frank Schneider hatte Böttcher die Initiative entwickelt, die den tief in den Herzen der Menschen wohnenden Wunsch nach Frieden in Europa zum Ausdruck bringen soll. „Wir wollen uns von unseren Kindern nicht einmal vorwerfen lassen, zu wenig dafür getan zu haben“, so Böttcher.

Start der Friedensfahrt am 11. August am Schinkelturm Letschin

Den Auftakt bildet am Sonntag, 11. August, die erste Etappe der Oderbruch-Friedensfahrt. Start ist um 15 Uhr am Schinkelturm in Letschin. Diese Tour führt nach Wuschewier, wo Pfarre Arno Leye um 16 Uhr eine Andacht hält.

Am  15. September beginnt in diesem Rahmen auch die 11. Kleine Friedensfahrt ebenfalls am Schinkelturm in Letschin. Sie führt zum Sophienthaler Polder auf den Alten Deich und von dort zum Kreuz auf dem Garnischberg, wo die traditionelle Friedensandacht stattfinden wird.

Diese Aktion ist der Erinnerung an den Naziterror nach innen und außen gewidmet. Vom Reichsarbeitsdienstlager Nieschen bei Genschmar und vom Stalag IIIc Alt Drewitz bei Küstrin kamen vor 85 Jahren die Arbeitskräfte zum Bau des Neuen Deiches.

Aufruf zur ersten Etappe der Oderbruch-Friedensfahrt: Letschins Bürgermeister Michael Böttcher gehört zu den Initiatoren.

Aufruf zur ersten Etappe der Oderbruch-Friedensfahrt: Letschins Bürgermeister Michael Böttcher gehört zu den Initiatoren.

Ulf Grieger

„Wir sind der Meinung, dass wir hier im Oderbruch, wo der Krieg in seinen letzten Tagen so gewütet hat, dass längst nicht alle Spuren beseitigt werden konnten, eine besondere Verantwortung haben“, erklärt Michael Böttcher. Der gebürtige Kienitzer zitiert dazu aus einem Gedicht, das Frieda Strache zur 750-Jahr-Feier von Kienitz vor 40 Jahren verfasst hatte: „Was der eine nicht schaffte, der Freund war dabei; so ging stetig ein Helfen und Streben.

Nicht Kanonendonner und Kriegsgeschrei  – das Lied von der Freundschaft soll leben!“, blickte Frieda Strache auf damals fast 40 Jahre Frieden zurück. Das sei die Zeit der Raketenstationierung durch die Nato und den Warschauer Vertrag in Europa gewesen, erinnert Böttcher.

Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 85 Jahren

Der Ukraine-Krieg und die Gefahr eines Weltkrieges lasse an den vor 85 Jahren von Deutschland entfachten Zweiten Weltkrieg erinnern. Gerade an der Grenze zu Polen muss man die historischen Daten erinnern: Vor 85 Jahren vereinbarten die Diktatoren Hitler und Stalin nichts weniger als die Aufteilung Polens und der kleinen Länder des Baltikums sowie Bessarabiens unter ihre Herrschaftsbereiche: „Aus Anlass der Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen dem Deutschen Reich und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben die unterzeichneten Bevollmächtigten der beiden Teile in streng vertraulichen Aussprachen die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa erörtert.

Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staat gehörenden Gebiete werden die Interessensphären Deutschlands und der UdSSR durch die Linie der Flüsse Pissa, Narew, Weichsel und San abgegrenzt“, heißt es in den „Geheimen Zusatzprotokollen“ vom August 1939.

Gedenkstätte Seelower Höhen: Um die Erinnerung an das Morden auf dem Schlachtfeld wach zu halten, kommt Zeitzeuge Wolf Kroll immer wieder dorthin. Er hat die Schlacht 1945 als 17-Jähriger erleben müssen.

Gedenkstätte Seelower Höhen: Um die Erinnerung an das Morden auf dem Schlachtfeld wach zu halten, kommt Zeitzeuge Wolf-Dietrich  Kroll immer wieder dorthin. Er hat die Schlacht 1945 als 17-Jähriger erleben müssen.

Ulf Grieger

Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen, könne endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden, heißt es weiter in den „Geheimen Zusatzprotokollen“vom 23. August 1939. Am 1. September 1939, um 4.45 Uhr, brachen die deutschen Armeen in Polen ein.

Diese Zusatzprotokokolle waren zwar bereits im Dezember 1947 im „Europa-Archiv“ veröffentlicht worden. Für den Herrschafts- und Einflussbereich der UdSSR blieben sie aber Staatsgeheimnis. Die Geheimhaltung währte fünf Jahrzehnte. Erst am 24. Dezember 1989 erklärte die UdSSR den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt und seine Zusatzprotokolle ex tunc (ab sofort) für nichtig.

Andacht am Kreuz auf dem Garnischberg: Bereits zu elften Mal findet in diesem Jahr die Kleine Friedensfahrt am 15. September statt. Sie wird eingebettet in die Oderbruch-Friedensfahrt

Andacht am Kreuz auf dem Garnischberg bei Genschmar: Bereits zum elften Mal findet in diesem Jahr die Kleine Friedensfahrt am 15. September statt. Sie wird eingebettet in die Oderbruch-Friedensfahrt.

Ulf Grieger

Bereits wenige Wochen nach dem deutschen Angriff auf Polen, am 28. September 1939, schlossen Deutschland und die UdSSR einen Freundschaftsvertrag, in dem die Auflösung Polens festgeschrieben wurde.

Es gab gemeinsame Siegesparaden von Wehrmacht und Roter Armee wie zum Beispiel bei der Übergabe der von den Deutschen eroberten Festung Brest an die Russen. In Übereinstimmung mit dem Geheimen Zusatzprotokoll zum Molotov-Ribbentrop-Abkommen wurde die Stadt Brest am 22. September 1939, vor einer deutsch-sowjetischen Militärparade, der Roten Armee übergeben, die am 17. September 1939 begonnen hatte, Ostpolen zu besetzen.

Kriegsunterstützung hat Auswirkungen

„Die deutsche Kriegsunterstützung in der Ukraine hat Auswirkungen auf uns alle“, sieht es Michael Böttcher. Er verweist dabei auf die angespannte Haushaltslage Brandenburgs und die damit verbundene Einsparungen beim Hochwasserschutz und in den anderen Bereichen. In diesem Sinne gehe es bei den Friedensfahrten auch darum, wie sich die Bedingungen für künftige Generationen im Oderland gestalten.

Böttcher zitiert in diesem Zusammenhang das Gedicht, das Bertolt Brecht 1951 in einem „Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller“ geschrieben hatte: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“

Michael Böttcher hofft auf einen großen Zuspruch zur Oderbruch-Friedensfahrt, sodass in jedem Monat eine weitere Etappe gefahren werden kann, bis der Krieg in der Ukraine gestoppt ist. Das sei auch eine Gewissensfrage. „Sicher ist Deutschland gespalten in der Position gegenüber diesem Krieg. Aber viele hier wollen, dass er endet“, so Böttcher.