Hans-Keilson-Preis in Bad Freienwalde
: Was steckt hinter der verspäteten Ehrung?

Die Altlangsower Bildhauerin Sylvia Hagen hat für den Hans-Keilson-Literaturpreis eine Plastik geschaffen. Wie sie das Leben des Schriftstellers interpretiert.
Von
Doris Steinkraus
Seelow
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Die Bildhauerin Sylvia Hagen mit der von ihr geschaffenen Plastik „Schattenland“. Sie ist dem Schriftsteller Hans Keilson gewidmet.

Die Bildhauerin Sylvia Hagen mit der von ihr geschaffenen Plastik „Schattenland“. Sie ist dem Schriftsteller, Arzt und Psychologen Hans Keilson gewidmet.

Doris Steinkraus
  • Hans-Keilson-Literaturpreis erstmals 2024 in Bad Freienwalde verliehen; Jos Versteegen ausgezeichnet.
  • Bildhauerin Sylvia Hagen schuf die Preisplastik „Schattenland“; Übergabe ein Jahr später geplant.
  • Skulptur zeigt Hans Keilson, schützend ein Kind haltend; inspiriert von seinem Leben und Werk.
  • Hans Keilson: Schriftsteller, Arzt, Widerstandskämpfer, Helfer jüdischer Kriegswaisen, geboren 1909.
  • Preis würdigt Autoren gegen Holocaust, Extremismus und Antisemitismus; nächste Verleihung 2026.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Zum ersten Mal war im November 2024 im Bad Freienwalder Hoftheater der Hans-Keilson-Literaturpreis verliehen worden. Er ging an den niederländischen Schriftsteller Jos Versteegen. Jetzt gibt es einen besonderen „Nachschlag“ für diese Ehrung.

Die Altlangsower Bildhauerin Sylvia Hagen hat eine Preisskulptur geschaffen, die Jos Versteegen demnächst überreicht bekommt. Dass dies ein Jahr nach der Preisübergabe erfolgt, hat einen ganz erklärbaren Grund: Sylvia Hagen bestritt im vergangenen Jahr im Schloss Neuhardenberg eine große Personalausstellung. Als die Anfrage aus Bad Freienwalde kam, war ihr Terminkalender einfach voll. Da der Preis nur alle zwei Jahre vergeben wird, entschied die Jury, die Preisskulptur ein Jahr später nachzureichen.

Einblicke in das Leben und Wirken von Hans Keilson

Versteegen hatte 2024 im S.Fischer-Verlag die Biografie von Hans Keilson herausgegeben. Der Preis war auf Initiative von Professor Eberhard Görner im Rahmen der Initiative „Gegen das Vergessen“ initiiert worden. Mit ihm sollen alle zwei Jahre Autoren und Autorinnen gewürdigt werden, die sich dem Thema Holocaust, politischer und religiöser Extremismus sowie Antisemitismus widmen. Hans Keilson, der 1909 in Bad Freienwalde geboren wurde, war Psychoanalytiker, Arzt, Sportlehrer, Musiker, aber vor allem Schriftsteller.

Als Jude musste er vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen, emigrierte 1936 in die Niederlande. Von 1940 bis 1945 war er im holländischen Widerstandskampf gegen die Nazi-Okkupanten aktiv. Nach 1945 gründete und förderte er eine Hilfsorganisation für jüdische Kriegswaisen. Er absolvierte nach dem Krieg in den Niederlanden sein Arztexamen und promovierte über die Traumatisierung von jüdischen Kriegswaisen. Zu seinen literarischen Werken gehören der Roman „Das Leben geht weiter“ (1933), die Novelle „Komödie in Moll“ (1947) und der Roman „Der Tod des Widersachers“ (1952). Er wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, war international hoch anerkannt und unter anderem langjähriger Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Hans Keilson war kein glatter Mensch

Jos Versteegen gibt in seinem Buch tiefe Einblicke in das Leben und Wirken von Hans Keilson. Ein Mann, den die Schrecken des Krieges nie losgelassen haben, der am eigenen Leib erfuhr, was Verfolgung und Flucht bedeuten. Seine Eltern waren 1943 in Auschwitz ermordet worden. „Es war eine besondere Herausforderung für mich“, gesteht Sylvia Hagen. Sie habe zwar schon einmal Bronzestatuen für die MOZ-Kunstpreisträger gefertigt, aber in diesem Fall sei das Herangehen ein anderes gewesen. „Beim Kunstpreis ging es um Kollegen, hier um einen Schriftsteller und Arzt.“

Mit der Biografie von Jos Versteegen habe sie sich dem Menschen Hans Keilson Schritt für Schritt genähert. Das Buch basiert auf zahlreiche Dokumente und Briefe aus dessen Nachlass. „Er war kein geradliniger, glatter Mensch“, weiß Sylvia Hagen nach dem Studium der Biografie. Er habe beim Schreiben sein eigenes Kriegstrauma verarbeitet, ein bewegtes Leben mit Höhen und Tiefen geführt, viel Leid erfahren, herausragende Leistungen bei seiner Arbeit mit traumatisierten Kriegskindern geleistet, aber auch seine Ecken und Kanten gehabt. Dies sei letztlich für sie der Ansatzpunkt für die Preisfigur gewesen.

Die Bildhauerin arbeitet seit vielen Jahren in Ton, setzt einzelne Stücke zusammen, bearbeitet, verändert, bis sie dem, was sie mit ihrem Werk ausdrücken will, ganz nahekommt. Ihre Figuren sind nie glatt, sie haben Brüche, Ecken, Einschnitte. „Ich wollte mit der Skulptur auch eine Geschichte erzählen“, sagt die Altlangsowerin.

Die Geschichte eines Mannes, der 102 Jahre alt wurde, unglaublich schreckliche Zeiten überstand und trotz des harten Schicksals die Kraft fand, über Jahrzehnte hinweg den Schwächsten zu helfen. Immer wieder hat die Bildhauerin ihre Entwürfe verändert, ehe sie selbst zufrieden war. Ihre Plastik zeigt einen durchaus stattlichen Mann, der jedoch nicht stolz aufrecht geht, sondern seinen Körper leicht gebeugt schützend über das Kind auf seinem Arm hält. Er scheint fast schwankend auf dem unebenen Untergrund zu stehen, der an Treibgut erinnert. Er eilt wie im Sturm nach vorn, als ob er dem Kind die Abgründe hinter ihm ersparen will. „Schattenland“ hat Sylvia Hagen ihre Figur genannt.

Eberhard Görner lobt die dargestellte Zerrissenheit

„Ein wundervolles Werk“, schwärmt Prof. Görner. „Die Skulptur widerspiegelt ganz hervorragend die Zerrissenheit, die Hans Keilson Zeit seines Lebens begleitete.“ Der Filmemacher erklärt auch, warum die Jury – zu der Volker Braun (Schriftsteller), Michael Faber (Verleger), Christoph Hein (Schriftsteller), Dr. Reinhard Schmook (Volkskundler/Autor) und er selbst gehören – Sylvia Hagen den Auftrag für die Preisplastik übertrugen. Er sei viele Jahre dem 2010 verstorbenen Altlangsower Bildhauer und Seelower Ehrenbürger Prof. Werner Stötzer verbunden gewesen, habe immer wieder mit ihm an verschiedenen Orten gedreht. Seine Frau Sylvia Hagen sei stets dabei gewesen.

Hans-Keilson-Literarurpreis: Die Bronzeskulptur zeigt einen Mann, der schützend ein Kind auf dem Arm hält.

Hans-Keilson-Literarurpreis: Die Bronzeskulptur zeigt einen Mann, der schützend ein Kind auf dem Arm hält.

Doris Steinkraus

Er habe sie und ihr bildhauerisches Werk sehr schätzen gelernt. Als es um die Frage ging, welchen Künstler oder welche Künstlerin man mit dem Preis beauftragt, habe für ihn sofort festgestanden, dass es Sylvia Hagen sein wird. Das Ergebnis habe ihn in der Überzeugung bestätigt, dass es die richtige Wahl war. Der Preis habe nicht nur einen künstlerischen Wert. „Es ist auch ein politischer Preis“, steht für ihn fest. Um so mehr freue er sich, dass auch Landrat Gernot Schmidt sowie die Stadt Bad Freienwalde, die Hans Keilson 1990 zum Ehrenbürger ernannte, das Vorhaben unterstützten. Ein großes Dankeschön zollt er zudem der Sparkasse Märkisch-Oderland, die mit ihrer finanziellen Zuwendung den Preis überhaupt erst möglich machte. Im November wird Eberhard Görner mit Sylvia Hagen und Reinhard Schmook die Preisskulptur in Bussum an Jos Versteegen übergeben. „Das hat sich der Schriftsteller so gewünscht“, erläutert Prof. Görner.

Hans Keilson lebte ab 1936 in Bussum nahe Amsterdam. Deshalb soll dort auch die Übergabe erfolgen. 2026 wird der Preis zum zweiten Mal übergeben. Die Plastik wurde in einer Auflage von fünf Exemplaren gegossen.