Nazis löschten Namen aus
Dem Lesen eines Aufsatzes folgte eine um so intensivere Beschäftigung mit einer Person, die in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Berlin tiefe Spuren hinterlassen hatte. Sie sei mit Studenten nach Seelow zum einstigen Mustergut Simons gefahren, habe sich mit dessen Urenkel Rafael Cardoso getroffen und schließlich mit ihm gemeinsam die Ausstellung im Dachgeschoss des Schweizerhauses gestaltet. Zuvor war sie in der brasilianischen Botschaft zu sehen. "Hugo Simon steht als Beispiel dafür, wie die Nationalsozialisten Menschen aus der Erinnerung und dem Gedächtnis eines Volkes getilgt haben", so die promovierte Wissenschaftlerin.
Um so höher sei es zu schätzen, dass der Heimatverein Schweizerhaus Hugo Simon wieder an dessen einstigen Wirkungsort zurückgeholt habe und mit vielen engagierten Menschen sein Erbe bewahre. Simon war in Berlin nicht nur Inhaber einer Bank, sondern auch ein leidenschaftlicher Kunstmäzen. Sein Zuhause in Berlin und auch das Mustergut in Seelow war Stätte unzähliger Begegnungen mit Größen seiner Zeit wie Einstein, Pechstein, Liebermann, den Manns oder Reneé Sintenes. Anna-Dorothea Ludewig ließ anhand der Ausstellungsdokumente die wechselvollen Lebensstationen Simons Revue passieren, einschließlich seiner Zeit in Brasilien. Simon wurde als politisch engagierter linker Intellektueller – kurzzeitig war er für die USPD Finanzminister im preußischen Revolutionskabinett, weshalb ihm die damalige Gesellschaft den Beinamen "Roter Bankier" verpasste – einer der Ersten, die die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung verfolgten. Er floh bereits 1933 nach Paris, gründete dort erneut eine Bank, unterstützte den Widerstand in Deutschland.
Durch die  Besetzung Frankreichs verlor er 1940 nicht nur erneut alles Hab und Gut, sondern auch seinen Namen. Mit tschechischen Pässen schlug sich die Familie bis Brasilien durch. Auch dort wurde er ausgewiesen, lebte illegal im Land, kämpfte ab 1946 dafür, seine Identität wieder zu erhalten. Erst sein Totenschein 1950 – Heinrich Mann und Albert Einstein hatten für ihn gebürgt – trug wieder seinen wirklichen Namen. In der Familie indes blieb das Kapitel der deutschen Familiengeschichte für Jahrzehnte unter Verschluss. Erst der Urenkel entdeckte Dokumente, begann zu forschen, kam nach Deutschland und fand über Umwege zum Schweizerhaus nach Seelow. Das Areal Schweizerhaus ist heute für die Familie der einzige Ort, der an das Wirken Simons erinnert. Nirgendwo fühle er sich der Familiengeschichte so nahe, hat Rafael Cardoso, dessen 2018 geborene Tochter Nina Ehrenmitglied im Seelower Verein ist, wiederholt versichert.
Anders als andere Vertreter der gehobenen Gesellschaft hatte Simon in Seelow kein Repräsentationsort im  Grünen geschaffen, sondern betrieb mit Ernst eine Landwirtschaft, machte die Wissenschaftlerin deutlich. Er züchtete neue Sorten, betrieb eine große Hühnerwirtschaft (85 000 Tiere), hielt Bienen und vieles mehr. Ganz ohne Kunst und Kultur indes beließ es der "Rote Bankier" auch hier nicht. Überliefert sind die drei Figuren, die er für seinen Garten schaffen ließ – den Esel von Renée Sintenis, den "Tanz-Bär" von August Gaul und besagten Hirscheber von Arthur Storch. Ein besonderes Kunstwerk mit mystischer Ausstrahlung, so die Kuratorin.
Durch aufmerksame Sympathisanten erfuhr der Verein 2019 von der Figur, die nur wenige Male geschaffen wurde und die eine alte Dame bei einem Berliner Aktionshaus unter den Hammer bringen wollte. Dank auch der Unterstützung privater Bürger, die Geld für die Finanzierung spendeten, konnte die Figur erworben werden. Marion Krüger, Vorsitzende des Heimatvereins, dankte allen Paten und hatte frohe Botschaft. Auf dem Areal des Schweizerhauses wurden viele Scherben der Hirscheber-Figur gefunden. "Sie lagern in zwei Kisten, können jetzt gesäubert, sortiert und als Fragmente später gezeigt werden", informierte sie. Die ostdeutsche Sparkassenstiftung habe einen entsprechenden Antrag des Vereins bewilligt, so dass man sich jetzt dieser speziellen Geschichtsaufarbeitung widmen kann. "Wir hoffen, dass sich noch weitere Paten finden", so Marion Krüger.
Buch zur Ausstellung
Zur Ausstellung ist ein Buch "Hugo Simon in Berlin – Handlungsorte und Denkräume" erschienen. Es beinhaltet auch Kapitel zum Wirken Simons in Seelow. Es ist im Hentrich&Hentrich-Verlag erschienen. Herausgeber sind Anna-Dorothea Ludewig und Rafael Cardoso.
Besichtigung der Ausstellung im Winter nur nach Anmeldung, Infos unter www.schweizerhaus.de, Buch-ISBN: 978-3-95565-274-6

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