Gewalt gegen Frauen: Hilfe in Berlin-Spandau – warum das System oft versagt

Frauen in Not finden in Berlin-Spandau Hilfe beim Verein Eulalia Eigensinn. Leiterin Franziska Milata nutzt dabei ihre Erfahrungen als Erziehungswissenschaftlerin und als Mitarbeiterin verschiedener Berliner Frauenhäuser.
Pamela Kaethner- Franziska Milata hilft in Berlin-Spandau gewaltbetroffenen Frauen durch den Verein Eulalia Eigensinn.
- Beratungsstelle und Frauenhäuser oft überfüllt; Polizei, Gericht und Jugendamt sind oft unzureichend informiert.
- Häusliche Gewalt betrifft alle sozialen Schichten; psychische Gewalt hinterlässt keine sichtbaren Spuren.
- Gericht und Jugendämter setzen oft auf Umgangsrecht der Väter, was Frauen retraumatisiert.
- Schulungen für Polizei und Behörden sind nötig; Verein bietet spezialisierte Beratung.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Mitarbeiter der Telefonhilfe spüren es immer zuerst. Auch dieses Weihnachten wird es wieder so sein: Die Gewaltvorfälle nehmen während der Feiertage stark zu und Frauen müssen mitunter aus ihrem Zuhause flüchten. Ein Verein in Berlin-Spandau bietet Hilfe an.
Meist ist es ein Freitagabend, kurz bevor die Mitarbeitenden die Tür vom Verein Eulalia Eigensinn in Spandau abschließen: Dann steht eine Frau mit Koffer und Kindern davor, weil sie um ihr Leben fürchtet. „Es ist die Angst vor dem Wochenende, wenn der Partner zu Hause ist“, erklärt Franziska Milata.
Häusliche Gewalt in Spandau: Kaum Plätze im Frauenhaus
Für die Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen der Beratungsstelle für Betroffene von häuslicher Gewalt beginnt dann die Suche nach einem Platz im Frauenhaus. Nur manchmal gebe es noch freie Plätze in Brandenburger Frauenhäusern.
Franziska Milata leitet den Verein seit zehn Jahren und kämpft ebenso lange für eine ausreichende Finanzierung des Hilfesystems. Das Bezirksamt unterstützt inzwischen mit einem Netzwerk und erhöhter Aufmerksamkeit, doch der Weg zu mehr Gerechtigkeit und Wissen bei den Behörden sei noch weit.
Ein Platz im Frauenhaus biete die größte Sicherheit, sagt Franziska Milata. Doch oft sind die Frauen auf eine Wegweisung der Polizei angewiesen. Nach einem Notruf können die Beamten dem Täter die Wohnungsschlüssel abnehmen und ein zweiwöchiges Betretungsverbot aussprechen. In dieser Zeit kann die Frau beim Familiengericht einen Gewaltschutzantrag stellen. „Das bedeutet ein paar Monate Ruhe vor dem Partner.“ Am Ende entscheidet das Gericht, wem die Wohnung zugesprochen wird.
Was die Frauen erleben müssen: Es gibt Frauen, die bei Tempo 100 aus dem Auto gestoßen werden, Frauen, die wochen- oder monatelang in einem Raum festgehalten und gequält werden. Kinder sind fast immer Zeugen der Gewalt, im Nebenzimmer oder direkt. Alle Frauen, die zu Eulalia kommen, haben sexualisierte Gewalt erlebt, sagt Franziska Milata. Vor Gericht stehe dann oft Aussage gegen Aussage.
Gewalt gegen Frauen, die keine Spuren hinterlässt
Psychische Gewalt ist stille, zersetzende Gewalt. Sie wirkt über Jahrzehnte und kaum einer außer Franziska Milata und ihren geschulten Kolleginnen erkennt sie. Sie hinterlässt keine Spuren, die vor Gericht als Beweis dienen. Die Partner der Frauen sagen ihnen jahrelang, sie seien nichts wert, eine schlechte Mutter, jeder Handgriff sei falsch, im Grunde die Art, wie sie atmen.
Die Beratung durch Eulalia e.V. ist auch deshalb so wichtig, weil viele Frauen ihre Rechte nicht kennen. Besonders Frauen mit mangelnden Deutschkenntnissen, Behinderungen oder finanzieller Abhängigkeit brauchen Hilfe beim Ausfüllen von Formularen.
23 Frauen pro Tag sind es rechnerisch, die bei Eulalia Hilfe suchen. Das sind die Zahlen für 2023. Seit April 2024 hat der Verein eine fest finanzierte Beratungsstelle, doch schon jetzt ist klar: Das wird nicht reichen. Häusliche Gewalt, betont Milata, komme in allen sozialen Schichten und Bildungsniveaus vor. Dann legt sie die Hände auf den Tisch: „Frustrierend ist das Versagen der Institutionen, des Systems, das den Frauen nicht den Schutz bietet, den sie bräuchten.“
Frauen mit Angst um ihr Leben – und keine Hilfe
Zwei ähnliche Fälle hat sie in den vergangenen zwei Jahren erlebt. In einem hatte eine afghanische Frau aus Angst um ihr Leben den Notruf gewählt. Die Polizisten sprachen mit der Frau im Beisein ihres Mannes, weil er sich besser ausdrücken konnte. Dann gingen sie wieder.
„Wir erleben immer wieder, dass Frauen alleingelassen werden. Sie haben keine Hoffnung mehr, dass ihnen jemand hilft oder Glauben schenkt“, sagt Milata. Wenn Frauen die Polizei nicht mehr rufen, versuchen sie sich selbst zu schützen und es steige die Rate der Femizide. Deshalb schult die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG) regelmäßig Polizeikräfte. Im Grund laufe das sehr gut, so Milata.

Illustration am Fenster der Vereinsräume von Eulalia Eigensinn. Studien belegen eine höhere Gewaltintensität und eine höhere Rate von Femiziden während der Trennung der Frauen vom gewalttätigen Partner.
Pamela KaethnerAber das Wissen über die Situation traumatisierter Frauen fehle häufig auch im Jugendamt, im Jobcenter oder vor Gericht: „Warum sind Sie nicht früher gegangen?“, sind Sätze, die Frauen immer wieder hörten. „Warum haben Sie nichts gesagt, dann hätten Sie mehr Rechte erhalten.“ Dass die Frauen wie versteinert sind, wenn sie mit dem Täter in einem Raum sitzen müssen, erkennt niemand.
Wie Frauen immer wieder mit dem Täter konfrontiert werden
Vor allem das Umgangsrecht des Vaters mit den Kindern ist in vielen Fällen problematisch. Denn Jugendämter und Gerichte bestehen oft auf begleitetem Umgang und berücksichtigen zu selten, dass bei häuslicher Gewalt ein Machtgefälle zwischen Täter und Frau besteht, statt von einem hochstrittigen Paar auszugehen, meint Milata.
Einige Monate von einem Sozialarbeiter begleitet, später allein, müssen die Frauen immer wieder dem Täter begegnen. Franziska Milatas Stimme wird noch ruhiger, noch eindringlicher: „Das bedeutet für diese Frauen eine permanente Retraumatisierung. Und eine permanente Destabilisierung der Person, die die Kinder stabilisieren sollte.“
„Langsam merken wir eine Veränderung“, berichtet Milata von einem Treffen mit Richterinnen des für Spandau zuständigen Familiengerichts Kreuzberg-Friedrichshain. „Sie haben uns nach unserer Expertise gefragt.“ Ein weiteres Treffen mit Anwältinnen ist geplant, damit diese häufiger den Ausschluss des Vaters vom Umgangsrecht empfehlen. So wie es die von Deutschland unterschriebene Istanbul-Konvention zur Bekämpfung häuslicher Gewalt vorsieht.
Für die Mitarbeiter des Jobcenters Spandau bietet Milata seit 2015 eine jährliche Fortbildung zu den Bedürfnissen traumatisierter Frauen an. Es wurde sogar ein spezielles Team für traumatisierte Frauen und wohnungslose Menschen eingerichtet. Das Team kennt die Folgen von Traumata und gibt den Betroffenen mehr Zeit, bevor es Maßnahmen zur Arbeitssuche festlegt.

In Berlin-Spandau war die Beratung und Hilfe für Betroffene häuslicher Gewalt lange unterfinanziert. Franziska Milata sieht noch viel Handlungsbedarf für mehr Schulungen und Sensibilisierung über Traumata und den richtigen Schutz.
Pamela Kaethner„Es ist beeindruckend, wie die Frauen wieder Kraft schöpfen, sobald sie merken, dass man ihnen glaubt“, freut sich Milata. Selbst Frauen, die viele Jahre Unterstützung brauchten, um sich zu trennen, haben es geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen.
Trotz vieler ermutigender Geschichten kommen Frauen, die von ihren Partnern schwer misshandelt wurden, oft nicht zur Ruhe. Die Täter kommen meist auf Bewährung frei und die Frauen haben Angst, dass die Gewalt wieder aufflammt. Zudem darf der Vater immer wissen, wo seine Kinder sind. Für die Frauen ist das kein Schutz.
Viel erreicht in Spandau, aber noch ein weiter Weg
Milata hat viel erreicht. „Im Bezirk sind alle Fraktionen sensibilisiert und unterstützen das Thema parteiübergreifend, auch nach einem Machtwechsel im Rathaus. Das ist viel wert.“ Aber sie sieht auch den Weg, der noch vor ihr liegt: Fortbildung und Sensibilisierung der Fachkräfte im Jugendamt, im Familiengericht, bei der Polizei, das müsse kontinuierlich geschehen. Sobald es dort Personalwechsel gäbe, würde sie wieder bei null anfangen.
Hilfe für Opfer von Gewalt
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet Frauen, Personen aus deren sozialem Umfeld und Fachkräften unter der Nummer 116 016 rund um die Uhr kostenlose, barrierefreie und anonyme Beratung auf Deutsch und 18 Fremdsprachen an. Weitere Informationen unter www.hilfetelefon.de.
Eulalia Eigensinn e.V. ist ein Frauenzentrum in Berlin-Spandau (Lutherstraße 13) mit Treffpunkt, Beratungs- und diversen Gruppenangeboten für alle Frauen, die sich gewaltfrei und auf Augenhöhe begegnen, austauschen und vernetzen wollen.
Bei der Fachberatung gegen häusliche Gewalt kann ein Termin telefonisch unter 030-41709420 oder per E-Mail vereinbart werden.


