Mord in Spandau: Polizisten zur NS-Zeit ermordet und verscharrt – Suche geht weiter

Das Waldgebiet der Polizeiakademie in Spandau, in dem die ermordeten Polizisten vergraben liegen. Jetzt wurde erneut gesucht.
Kai Wielert- Vier Polizisten wurden 1945 in Spandau ermordet und verscharrt; Leichen bisher nicht gefunden.
- Opfer: Erich Bautz, Reinhold Hofer, Willi Jenoch, Otto Jordan.
- Mord wegen Homosexualitätsvorwürfen gemäß Paragraf 175.
- Polizei sucht erneut mit Unterstützung des THW; bisher erfolglos.
- Naturveränderungen erschweren Suche; keine weiteren Funde.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Abends auf dem Gelände des Technischen Hilfswerks in Berlin-Spandau: Trotz Dunkelheit und Temperaturen ist eine Menge los. Der THW-Ortsverband Spandau trifft sich, uniformierte Helferinnen und Helfer laufen in kleinen Gruppen über den Hof und durch die Gänge des roten Backsteingebäudes.
Erik Borchardt, Gruppenführer der THW-Fachgruppe Räumen, ist mit dabei. Nur eine Woche zuvor waren er und sein Team bei einem besonderen Einsatz unterwegs. Die Berliner Polizei hatte um Unterstützung bei der Suche nach ermordeten Kollegen gebeten.
Im Ortsteil Falkenhagener Feld, auf dem Gelände der Polizeiakademie, gruben sie nach den sterblichen Überresten von vier Polizisten: Erich Bautz, Reinhold Hofer, Willi Jenoch und Otto Jordan.
Ein grausiges Stück Spandauer Geschichte
Die Männer wurden im April 1945 von ihren eigenen Kollegen erschossen und im dichten Wald des Übungsgeländes verscharrt. Was hatten sie verbrochen? Nach heute geltendem Recht gar nichts. Laut Paragraf 175 im Strafgesetzbuch jedoch wurde ihnen damals Homosexualität vorgeworfen.
Der 1871 eingeführte Paragraf, der erst 1994 endgültig aufgehoben wurde, stellte „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern unter Strafe. Unter dem Nazi-Regime wurde er 1935 verschärft: Danach war allein ein Verdacht ausreichend, um verurteilt zu werden. Es drohten bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Eine Gedenktafel an der Polizeidirektion an der Moritzstraße in Spandau erinnert an die vier ermordeten Polizisten.
Britta MeyerAn der Fassade der Polizeidirektion in der Moritzstraße erinnert eine Gedenktafel an die Opfer. In den letzten Tagen des Krieges, während die Rote Armee bereits direkt vor Berlin stand, wurden sie verhaftet und in diesem Gebäude festgehalten.
Am 24. April 1945 schließlich brachten ihre Polizeikollegen sie ohne eine Gerichtsverhandlung zum Gelände an der Pionierstraße, erschossen sie an einem bislang unbekannten Ort und ließen sie dort in einem unmarkierten Grab zurück.
Bis heute liegen ihre Körper irgendwo in diesem Waldgebiet. Ein Gelände, mit dem das THW sich gut auskennt, da es regelmäßig auch für Übungen des Technischen Hilfswerks genutzt wird.
Eine zweite Suche der Polizei – neue Hinweise
Schon im Oktober 2021 hatte die Polizei mit einem kleinen Bagger rund 60 Löcher in den Boden gegraben und nach den Körpern ihrer Kollegen gesucht – ohne Erfolg. Jetzt wagten sie einen neuen Versuch.
„Die Polizei hatte Luftbilder, alte Aufnahmen aus Flugzeugen, aus den Jahren 1928 und 1953. Ein entscheidendes aus dem Jahr 1943 hat ihnen gefehlt“, berichtet Erik Borchardt. Mit dem vorhandenen Material versuchte die Berliner Polizei, nun den genauen Platz zu bestimmen, an dem die Getöteten liegen könnten.
„Laut den Archivunterlagen der Polizei lagen zwischen der Erschießung und dem Befehl zur Aushebung einer Grube nur anderthalb Stunden“, erklärt Borchardt. Um das in so kurzer Zeit schaffen zu können, hatten sich die Täter zum Graben wahrscheinlich einen Ort mit leichterem Erdreich ausgesucht. Es war einen zweiten Versuch wert.
Polizei und THW Spandau suchen erneut nach den Leichen
Diesmal bat die Berliner Polizei ihre Kontakte beim THW um Unterstützung, und gemeinsam wurde sich an einem Novemberabend erneut auf die Suche gemacht. In Kooperation mit Beamten des Bundeskriminalamts nahmen sie sich markante Punkte vor, auf denen es zwischen den Jahren der beiden Luftbilder Bodenveränderungen gegeben hatte. Sie arbeiteten sich mit leistungsstarkem Bagger Zentimeter um Zentimeter durch das Erdreich hindurch und gruben zwölf Löcher von bis zu 1,80 Metern Tiefe.
Für Erik Borchardt war die Unterstützung bei der Suche eine Selbstverständlichkeit. „Erstens ist es der eigene Bezirk, zweitens geht es um Geschichtsbewältigung“, sagt er. Er hatte sich nach dem ersten Einsatztag noch einmal selbst daran gesetzt, die Luftbilder des Geländes auszuwerten. Als ehemaliger Soldat versuchte er, eigene taktische Erfahrung zu nutzen, um einzuschätzen, wie ein Befehlshaber hier unter Zeitdruck am wahrscheinlichsten entschieden hätte.
Sie fanden so einiges, unter anderem Wehrmachtmunition und Mörsergranaten von russischer Seite – aber keine Toten. Auch Reste der Uniformen, wie zum Beispiel Gürtelschnallen oder Lederstiefel, konnten nicht entdeckt werden.
Keine Spur mehr von den ermordeten Polizisten in Spandau
Nach zwei Tagen der Suche lautete das Fazit des Einsatzleiters: „Nach knapp 85 Jahren haben das Gelände und die Natur gewonnen.“ Zu viel ist seit 1945 mit dem waldigen Gebiet geschehen, zu sehr hat sich der Boden und die Vegetation verändert, um die Opfer heute noch zu finden. Die in Spandau Ermordeten werden voraussichtlich nie eine ordentliche Beerdigung bekommen.
„Wir haben gesagt, wenn sie nochmal suchen, kommen wir wieder mit und helfen“, sagt Erik Borchardt. Ob das in Zukunft noch einmal passieren wird, muss erst noch entschieden werden.



