Mit 29 Jahren wurde André Schaller 2003 zum Bürgermeister von Rüdersdorf gewählt. Jetzt ist er in den Landtag gewählt worden. Wie er die Entwicklung seines Heimatortes sieht, was ihn gefreut und geärgert hat und was liegen geblieben ist, verriet er im Interview mit Martin Stralau.
Herr Schaller, wie sind die ersten Wochen als Landtagsabgeordneter gelaufen?
Die ersten 14 Tage nach der Wahl am 1. September waren eine Doppelbelastung, da war ich ja auch noch Bürgermeister. Mir war es wichtig, mich nicht aus der Verantwortung zu stehlen. Aufregung und Vorfreude waren schon vor der konstituierenden Sitzung da. Doch wenn man jetzt im Plenum sitzt und die Atmosphäre spürt, ist es noch einmal anders. Ich habe jetzt den Kopf frei, kann mich auf nur noch eine Sache konzentrieren.
Warum haben Sie sich gegen Rüdersdorf und für Potsdam entschieden?
Ich habe mich nicht gegen Rüdersdorf entschieden, sondern für Rüdersdorf plus x mit Petershagen-Eggersdorf und Strausberg. Mein Anspruch ist es, für diese Region aktiv zu sein. Zudem lebt Demokratie vom Wechsel. 16 Jahre Bürgermeister sind eine Zeitspanne, nach der eine Zäsur logisch ist, für die Gemeinde, aber auch für mich selbst. Es war außerdem illusorisch, und spricht auch gegen mein Demokratie-Verständnis, dass ich bis zur Rente Bürgermeister bleibe.
Sind Sie mit der Entwicklung Rüdersdorfs in Ihrer Amtszeit zufrieden?
Ich laufe nicht durch die Gegend und klopfe mir auf die Schultern. Ich finde es schön, an bestimmten Punkten vorbeizufahren und zu wissen, hier durfte ich meinen Heimatort mit entwickeln. Und in den 16 Jahren ist viel passiert. Trotzdem gibt es Flecken, wo ich sage, da wäre ich gerne schneller vorangekommen oder hätte lieber eine andere Lösung gehabt.
Welches Thema konnten Sie nicht abschließen?
Bei der Kinderbetreuung wäre ich gerne viel weiter gewesen. Wir haben sowohl im Kita- als auch im Hortbereich lange Wartelisten. Diese Situation hätte ich gerne vermieden, denn sie war absehbar. Den Grundsatzbeschluss, dass wir mehr Kapazitäten brauchen, konnte ich in der Gemeindevertretung zwar noch herbeiführen. Ich hätte aber auch schon gerne die Plätze zur Verfügung gestellt. Doch das Thema ist am Laufen. In den Ausschüssen geht es gerade darum, dass man die Kapazitäten in Hennickendorf und Rüdersdorf um mehr als 100 Plätze hochfährt.
Was war Ihr schwierigstes Unterfangen in den 16 Jahren?
Die größte  Herausforderung war das Zusammenwachsen der Ortsteile. Die Gemeinde ist ja künstlich entstanden. Hennickendorf, Herzfelde und Lichtenow wurden 2003 im Rahmen der Gemeindegebietsreform gegen ihren Willen mit Rüdersdorf verschmolzen. Ich habe es daher auch als Lob empfunden, dass Hennickendorfs Ortsvorsteherin Monika Döppner-Smyczek zur 650-Jahr-Feier von Hennickendorf vor zwei Jahren gesagt hat, dass der Ortsteil in Rüdersdorf angekommen sei.
Was hat Sie am meisten geärgert?
Beim Thema Schule konnte ich mit meiner Meinung beziehungsweise Argumenten nicht überzeugen, dass wir eine andere Politik fahren sollten. Bei den Grundschulen hatte ich dafür plädiert, drei Standorte zu betreiben, da sie kleiner und familiärer sind und es kürzere Wege gibt. Am Ende wurde eine Schule geschlossen, so dass wir nur noch zwei haben. Aber ich würde das nicht Ärger nennen. Man muss in der Demokratie anerkennen, wenn mehrheitlich anders entscheiden wird. Dennoch war es ein schwerer Prozess, mich damit abzufinden.
Und was hat Sie gefreut?
Als sehr wertvoll empfunden habe ich immer den direkten Kontakt mit den Menschen, wenn ich sie zu Geburtstagen und anderen Jubiläen besucht habe. Zum Schluss habe ich das leider ein bisschen vernachlässigt. Es war vom Zeitpensum her zu viel. Aber für mich war das wie eine fahrende Bürgersprechstunde und eine der dankbarsten Erfahrungen überhaupt. Ich habe sehr intensive Gespräche geführt und ungeschönte Informationen bekommen, weil die Leute frei heraus gesprochen haben.
Sie sind CDU-Mitglied. Stand Ihnen Ihre Parteizugehörigkeit bei bestimmten Entscheidungen im Weg? Zum Beispiel bei den beiden gescheiterten Landesgartenschau-Bewerbungen?
Objektiv gesehen hatte Rüdersdorf beim zweiten Versuch für die Laga 2013 die beste Bewerbung, davon bin ich überzeugt. Dass es dann am Ende der Landesregierung (Anm. d. Red.: Koalition aus SPD und Linke) vorbehalten ist, zu sagen, politisch wollen wir eher woanders etwas machen, ist ein Vetorecht, das sie gezogen hat. Mir hat danach jemand aus diesen Kreisen, nicht von der CDU, gesagt, ich habe das falsche Parteibuch. Ich habe mir darüber aber nie den Kopf zerbrochen. Ich habe mich auch immer als unabhängig empfunden.
Gibt es Rüdersdorfer Probleme, um die Sie sich in Potsdam besonders kümmern wollen?
Mir geht es um die gesamte Region – egal ob in Rüdersdorf, Petershagen-Eggersdorf, Strausberg oder darüber hinaus gibt es viele gemeinsame Themen und Probleme, was zum Beispiel das starke Wachstum angeht und die nicht ganz so schnell wachsende Infrastruktur. Also beispielsweise die Pendlerströme, die nicht zu bewältigen sind. Da bin ich froh, dass ich die Region hier vertreten darf. Meinen ersten Wahlkreis-Termin als Abgeordneter hatte ich aber mit meiner Nachfolgerin.
Worum ging es dabei?
Es ging um die Thematik Tonlöcher in Herzfelde, zu der wir uns abgestimmt haben und uns einig waren, dass wir uns hier beide, sie als Bürgermeisterin, ich als Landtagsabgeordneter, für den Ort stark machen. Uns geht es nicht darum, etwas zu verhindern. Wir wollen nur, dass die Festlegungen aus unserem Flächennutzungsplan umgesetzt werden. Und die bedeuteten immer, dass in dem Moment, wo der Bergbau in Herzfelde beendet ist, das Areal renaturiert wird. Der Investor will zwar auch, dass es irgendwann begrünt wird. Aber vorher will er es erst mal aufschütten. Und das ist der große Streitpunkt.
Welches sind die wichtigsten Themen, die Sie als Landtagsabgeordneter abarbeiten wollen?
Ich würde gern kommunalpolitischer Sprecher meiner Fraktion werden, weil ich so viel besser meinen Anspruch umsetzen kann, kommunalpolitische Themen in Potsdam zu vertreten. Und gerade das war ja der Grund, warum ich in den Landtag wollte. Außerdem will ich versuchen, ganz nah bei den Leuten zu sein. Als Bürgermeister war das einfach, da rennst Du über die Straße und wirst angesprochen. Jetzt bin ich drei Tage pro Woche in Potsdam und plötzlich nicht mehr zu sehen. Deswegen will ich auch ein mobiles Wahlkreisbüro betreiben, einen Bus, mit dem ich durch das Land fahre.
Wie schwer ist Ihnen eigentlich der Abschied von Ihren langjährigen Mitarbeitern gefallen?
Das war schon ein besonderer Moment. Ich habe mich bei den Mitarbeitern ja nicht einfach nur platt für ihre Arbeit bedankt, sondern bewusst auch für das Verständnis, was mir von Anfang an entgegengebracht wurde. Ich bin mit 29 Jahren gewählt worden. Ich wollte zwar gerne Bürgermeister werden, aber ich hatte keine Ahnung, was es heißt, Chef von 150 Mitarbeitern zu sein. Wir alle zusammen haben eine Entwicklung miteinander durchgemacht.

Zur Person


André Schaller wurde 1973 in Schwedt (Oder) geboren, kam mit fünf Jahren nach Rüdersdorf. Der Rechtsanwalt (Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin) und Diplom-Betriebswirt (Studium an der Fachhochschule Wildau) ist verheiratet, hat zwei eigene und vier angenommene Kinder. Vor seiner Zeit als Bürgermeister von Rüdersdorf (2004–2019) war er dort fünf Jahre Gemeindevertreter. Seit 2018 ist er Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und seit 2019 Mitglied der Gemeindevertretung Woltersdorf, wo er jetzt wohnt. Von 2010 bis 2015 war Schaller stellvertretender Vorsitzender der CDU Brandenburg, von 2014 bis 2019 Mitglied im Präsidium des Städte- und Gemeindebundes. Derzeit ist Schaller stellvertretender Vorsitzender der CDU Märkisch-Oderland und seit Mitte September Mitglied des Landtages. Ins Parlament zog er über die CDU-Liste ein. red