Es sind nur wenige Apfelsorten, auf die Obstbauern und Handel derzeit setzen. Viele davon gehen auf zwei Grundformen zurück, den Jonathan und den Golden Delicious. Beide haben eine gute Größe, sind süß, saftig und knackig. Das lässt sich gut vermarkten. Aber es gibt auch Schwierigkeiten. Jonathan und alle aus diesem Apfel gezüchteten Sorten sind anfällig für den Mehltaubefall, der Golden Delicious für den Apfelschorf. Im Privatgarten, so die Empfehlung der Experten, sollte der Apfel, der in der DDR als Gelber Köstlicher bekannt war, gar nicht mehr angebaut werden.
Im kommerziellen Obstbau ist das anders. Dort wird gegen Pilzkrankheiten und Insektenbefall gespritzt, über Jahrzehnte war das normal. Neben Insektiziden und Fungiziden hat man die Plantagenbäume sogar mit Hormonen eingesprüht, um eine möglichst optimale Menge an Früchten an den Bäumen wachsen zu lassen.

Alte Sorten werden bestimmt

„Das ist eine sehr fragile Situation“, sagt Hans-Joachim Bannier. Der Bielefelder ist Pomologe, ein ausgewiesener Experte für die Bestimmung alter Obstsorten. Zwei Wochen ist er auch in diesem Jahr gemeinsam mit Werner Schuricht aus Jena, der in der Szene „Apfelpapst“ genannt wird, in Müncheberg unterwegs, um auf dem Gelände des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung weitere Obstbäume zu bestimmen. Vielleicht 1300 Sorten, schätzt Bannier, stehen hier. Von ungefähr einem Drittel könne man nicht sagen, wie sie heißen, woher sie ursprünglich stammen. Aufwändige Vergleiche mit alten Büchern seien notwendig, um den Apfelsorten auf die Spur zu kommen. In vielen Fällen aber würde auch die größte Mühe nicht zum Ziel führen.
Apfelernte in Müncheberg

Selbstpflücke Apfelernte in Müncheberg

Die Arbeit führen Bannier und Schuricht im Auftrag der Deutschen Genbank Obst aus. „Vielfalt bewahren“ ist deren Motto. Und darum geht es. Die alten Sorten haben große Stärken. Sie sind gegen bestimmte Krankheiten resistent, vertragen Trockenheit besser, die Früchte lösen keine Allergien aus. Mit alten Sorten bieten man Obstbauern und Baumschulen die Möglichkeit, sich für die Zukunft neu aufzustellen, sagt Bannier.

Hilfe für Allergiker

Notwendig ist das zum Beispiel wegen der Allergiker. Rund vier Millionen Deutsche vertragen schon heute keinen Supermarktapfel, reagieren mit Juckreiz, brennenden Lippen und anschwellender Zunge auf das eigentlich gesunde Obst. Ein Grund sei, so Bannier, dass die neuen Zuchtsorten des Apfels einen höheren Eiweißgehalt aufweisen. Eiweiße seien für allergische Reaktionen verantwortlich. Dafür enthielten die neuen Äpfel weniger Polyphenole. Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, die unter anderem allergische Reaktionen unterdrücken und für eine Vielzahl der gesundheitsfördernden Aspekte der Früchte verantwortlich sind. Bannier selbst berät in seinem Hofladen darum viele Allergiker und versorgt sie mit den für sie bekömmlichen Sorten. Der Schöne Boskoop ist dann wieder gefragt, aber auch Gravensteiner und Renetten. Rund 400 Sorten kann Bannier seinen Kunden anbieten.
„Kein Vergleich zu dem, was Schwärzel hier aufgebaut hat,“ zeigt sich der Experte von der Sortenvielfalt in Müncheberg angetan. Hilmar Schwärzel leitet die Müncheberger Obstbaustation, die heute zur Großbeerener Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik gehört. Seit 1928 werden dort alte Apfelsorten bewahrt. Schwärzel ergänzt den Fundus Jahr für Jahr. Er ist in Brandenburg unterwegs, schneidet Obstreiser an teils 200 Jahre alten Bäumen. Damit rettet er die Sorte und beschert Schuricht und Bannier neue Arbeit für die Bestimmung. Und so kommt es auch zu den um die 1300 Sorten, die in Müncheberg versammelt sind.

Selbstpflücker sind willkommen

Wer will, kann sich in hier selbst durch die Apfelvielfalt kosten. Montags bis freitags ab 10 Uhr ist die „Selbstpflücke“ möglich. 15 Uhr, freitags 14 Uhr, wird die Plantage abgeschlossen. Was man während der Ernte isst, zählt nicht. Ansonsten zahlt man pro Standard-Fünf-Kilo-Kiste sechs Euro. Wer geschickt packt, bekommt dort locker sieben Kilo der leckeren Früchte rein. Neben den Äpfeln bietet die Plantage auch viele Birnensorten.
Zu finden ist die Planatge in 15374 Müncheberg, Eberswalder Straße 84i. Am ZALF-Haupteingang bekommt man einen Übersichtsplan, mit dem man zum blauen Erntebus geleitet wird. Die Selbstpflücke ist je nach Witterung noch bis Ende Oktober möglich. Hilmar Schwärzel schätzt, dass noch rund 40 Tonnen Obst an seinen Bäumen hängen.