Dieser Tag scheint wie gemacht für eine erste Begegnung zweier lebenslustiger junger Frauen: Die Sonne lacht, kleine Scherze heben die ohnehin gute Stimmung. Irene González García und Pauline Forêt haben sich bereits auf dem Weg zum Jugendhaus Blaupause, das sich in Trägerschaft des Internationalen Bunds (IB) befindet, miteinander bekannt gemacht. Es gibt viele Gemeinsamkeiten – vor allem beherrschen beide ausgesprochen gut die deutsche Sprache. Die Spanierin Irene zeigt ihrer belgischen Nachfolgerin, wo sie demnächst als Europäische Freiwillige in Neuenhagen eingesetzt wird und führt sie übers Gelände in der Dorfstraße 8. Über das Klavier in den Innenräumen der Blaupause freut sich Pauline sehr, denn seit ihrem vierten Lebensjahr spielt sie das Instrument. Genug Möglichkeiten, ihrem Hobby Reiten nachzugehen, wird sie im Ort und Umgebung auch haben.

Übergabe im Jugendklub

Die 23-jährige Pauline Forêt wird ein Jahr lang ihren Dienst in der Blaupause tun und löst damit ihre 22-jährige Vorgängerin ab. Hier kann das Sprachgenie weitere Auslandserfahrungen sammeln. Jüngst hat Pauline ihren Master im Dolmetschen (Russisch und Deutsch) gemacht und während des Studiums ein Jahr lang in Österreich verbracht. Ihren Freund lernte die ehrgeizige junge Frau wiederum in Island kennen. Nun begleitet er sie bei ihrem Freiwilligenjahr in Deutschland. Pauline kommt aus dem belgischen Lüttich, unweit der deutschen Grenze in der Nähe von Aachen, wo viel Französisch gesprochen wird. Dazu ist sie mit einer britischen Großmutter und einem ukrainischen Stiefvater aufgewachsen. In der Schule hat die Belgierin ab der 7. Klasse Deutsch gelernt. Gerade bereitet sich Pauline auf eine Prüfung als Freelancerin bei den Vereinten Nationen (UN) vor – wo sie bis März schon im Praktikum als Übersetzerin eingesetzt war.

Einsatz in gemeinnützigen Einrichtungen

Der Europäische Freiwilligendienst (EFD) ist ein seit 1996 bestehendes Förderprogramm der Europäischen Kommission, mit dem junge Menschen zwischen 17 und 30 Jahren beim Einsatz in europäischen gemeinnützigen Einrichtungen finanziell unterstützt werden. Darüber hinaus gehört der EFD seit 2017 zum Europäischen Solidaritätskorps (ESK), erzählt Willy Brim, der beim IB Neuenhagen als Leiter für Internationale Arbeit tätig ist und Projekte mit internationalen Partnern koordiniert. Über das ERASMUS-Programm organisiert er sämtliche „Mobilitäten für Jugendliche, Auszubildende und Fachkräfte“. Brim habe Pauline über ein Portal für den EFD ausgesucht, sagt er stolz, und hat ihr in der Ziegelstraße des IB alle Gewerke gezeigt und Mitarbeiter vorgestellt. Wenn sie Probleme mit ihrer Wohnung in Berlin-Weißensee hat, Monatstickets oder Verpflegungsgeld braucht, ist Brim für sie da.

Übergang in die Arbeitswelt

Sprachkenntnisse oder ein bestimmter Bildungsabschluss sind keine notwendigen Voraussetzungen für eine Teilnahme. Aber davon können sowohl Pauline als auch Irene genug nachweisen. Als Irene vor knapp einem Jahr nach Neuenhagen kam, hatte sie ihr Dolmetscher-Studium für Englisch und Deutsch an der Universität in Salamanca beendet und mehrere Semester in Mainz und Dublin (Irland) verbracht. An der IB-Oberschule in Neuenhagen ist die Spanierin ab sofort als Lehrerin tätig. Dabei hatte sie sich nie vorgestellt, Lehrerin zu werden, sagt Irene. Doch der Austausch mit den Jugendlichen habe ihr in Zusammenarbeit mit den Jugendsozialarbeitern der Blaupause, Philipp Schmidt und Gabriele Metzlaff, immer großen Spaß gemacht. „Ich habe mich immer sehr willkommen gefühlt – alle waren sehr aufgeschlossen.“

Verzicht durch Corona

Bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen sammelte Irene hilfreiche Erfahrungen, lernte unter anderem näher die Ostdeutschen kennen, erzählt sie. Sie organisierte sportliche Challenges, produzierte zusammen mit Theo Späthe Videos als Alternativprogramm in der Corona-Krise, lernte Gitarre spielen, musste aber auch Entbehrungen hinnehmen: Sechs Monate lang konnte sie ihre Familie nicht sehen und vermisste vor allem herzliche Umarmungen, die selbstverständlich zur Umgangsform ihrer eigenen Kultur gehören. „Aber Philipp hat immer gute Laune verbreitet und mich wieder aufgebaut, wenn ich Heimweh hatte.“ Noch vor knapp einem Jahr hatte Irene – aus dem nordspanischen Arriondas (Asturien) kommend – nur einen Koffer mit ausgedruckten Fotos und Kleidungsstücken dabei. Typisch spanische Lebensmittel wie Serrano-Schinken, Bohnen und Käse aus der Heimatregion ließ sie sich nachschicken. Aus Kooperationsveranstaltungen des IB mit den Kontaktsozialarbeitern im Ort ging ihre Beziehung zu Niko Fitz hervor, mit dem sie jetzt gemeinsam in Berlin-Lichtenberg wohnt.

Vernetzung über das EFD hinaus

Pauline steht neben ihrem mitgereisten Freund seit 22 Jahren ein rosa Kaninchen aus Stoff zur Seite, das die Sehnsucht nach Heimat und coronabedingte Reisebeschränkungen vergessen lässt. „Meine Familie ist daran gewöhnt, dass ich kaum da bin, aber sie will mich besuchen, so bald es geht“, sagt sie zuversichtlich. Zur Schlüsselübergabe an der Blaupause stellt sich schnell heraus: Neben einem gegenseitigen Erfahrungsaustausch werden sich Irene und Pauline in Zukunft auch privat im Sprachtandem aushelfen können – Irene will ihrer neuen Bekanntschaft Spanisch beibringen und Pauline ihre Französisch-Kenntnisse weitergeben.