Der Schulhof des Oberstufenzentrums Märkisch-Oderland (OSZ) war am Mittwoch eine große Schlemmermeile. Um das Genießen guten Essens ging es dort aber nur in zweiter Linie, viel wichtiger war das Buhlen um Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit für eine Branche, die dringend Fachkräfte sucht. Acht Gastronomen von Strausberg über Eggersdorf, Neuhardenberg und Reichenow bis zur Uckermark hatten sich mit dem OSZ und der IHK Ostbrandenburg für einen Aktionstag zusammengetan. Beim Schlemmern konnten Besucher mit Auszubildenden des Fachbereichs Gastronomie ebenso ins Gespräch kommen wie mit Ausbildern und Restaurantchefs.

200 statt 700 Lehrlinge

„Die Idee ist, den sinkenden Ausbildungszahlen unserer Branche etwas entgegenzusetzen“, sagte Axel Bongert, der den Tag initiiert hat. Seit 2003 ist er am OSZ Berufsschullehrer im Fachbereich Gastronomie, bildet vorrangig Köche aus. „Als ich hier anfing, hatten wir über alle Jahrgänge verteilt 700 Lehrlinge bei den Köchen, Restaurant- und Hotelfachleuten. Heute sind es noch 200.“ Habe es damals noch drei Köche-Klassen mit jeweils 28 Schülern gegeben, sei es seit fünf, sechs Jahren noch eine jährlich mit 15 bis 20 Schülern. Geringe Löhne seien der eine Grund, die fehlende Bereitschaft, an Wochenenden und Feiertagen zu arbeiten, ein anderer. Dabei hätten sich viele Ausbildungsbetriebe verbessert, achten zum Beispiel mehr auf die Einhaltung von Arbeitszeiten, sagt Bongert.
Natürlich gebe es schwarze Schafe, die zum Negativ-Image beitrügen. So hätten vereinzelt Betriebe in den vergangenen Monaten ihre Lehrlinge von der Berufsschule befreit, um sie arbeiten zu lassen, oder sie nach der Schule zur Schicht bestellt. „Der Rest der Belegschaft ist ja in Kurzarbeit.“ Bongert wirbt um den Nachwuchs „für einen tollen Beruf“. Den Aktionstag sieht er auch als Chance, die Zusammenarbeit der Gastronomen in der Region zu verbessern.

45 Prozent weniger Ausbildungsverträge

Ein Vertragsabschluss zur Ausbildung sei noch bis Ende Oktober möglich. Zwar starte die Berufsschule schon im Oktober. „Aber die eine Schulwoche, die dann stattfindet, kann man später nachholen“, sagt Bongert.
Aber auch, wer sich noch später entscheidet, habe eine Chance, betont Holger Müller, Qualifizierungsberater bei der IHK. „Man kann sich zum Beispiel Praktika anrechnen lassen – und die Ausbildung verkürzen. Wir beraten dabei.“ Auch Müller betrachtet die Branche mit Sorge. „Mit Stand 31. August hatten wir in der Hotellerie und Gastronomie 45 Prozent weniger abgeschlossene Ausbildungsverträge als im Vorjahr.“ Möglicherweise habe der Lockdown mit all den Schließungen einige Jugendliche abgeschreckt. „Andererseits konnten viele Ausbildungsmessen und Berufsberatungen in Schulen nicht stattfinden“, sagt er.

Der Opa als Wegbereiter

Die Betriebe jedenfalls suchen dringend Personal. „Ich erhoffe mir von dem Tag, einen Draht zu zukünftigen Köchen zu finden“, sagt Christian Förster, Doppel-Geschäftsführer vom Gasthof und Volkshaus Strausberg Nord. Aktionstage wie diesen, bei dem sich Lehrlinge aktiv mit einbringen, unterstütze er gerne. Einer dieser Lehrlinge ist Jennifer Sinnreich. Ab Oktober startet sie im Seehotel Villago in Eggersdorf eine Ausbildung zur Köchin. „Ich habe vorher meinen Beikoch gemacht, hänge jetzt die Kochausbildung dran.“ Die Leidenschaft für den Beruf komme aus der Familie. „Mein Opa war Koch, schon als Kind habe ich immer neben meiner Mama am Herd gestanden“, erzählt die 24-jährige Strausbergerin, die für die Gäste des Aktionstages hintereinanderweg Würzfleisch mit Kaninchen, gemischtem Salat in Kartoffelringen und obendrauf Meerrettichschaum mit Parmesan-Chip fertigt.

Gastronomie Spitzenreiter bei Kurzarbeit

Wie schwer die Branche von der Corona-Krise getroffen war und ist, verdeutlichen am Mittwoch veröffentlichte Zahlen der Arbeitsagentur in Frankfurt zur Kurzarbeit im März in Märkisch-Oderland. „Von 624 Betrieben, die 2935 Mitarbeiter in Kurzarbeit schickten, kamen 130 Betriebe mit 847 Kurzarbeitern aus dem Gastgewerbe und davon 106 mit 686 aus dem Bereich Gastronomie“, sagt Agentursprecherin Clarissa Matos Bernal. Damit lag die Gastronomie bei der Kurzarbeit vorne. Dieser Trend bestätige sich auch für die folgenden Monate, für die es bisher nur vorläufige Zahlen gebe.
Freie Stellen gab es in der Gastronomie im September 46 in MOL. 24 davon entfallen auf den Bereich Catering. Im September 2019 gab es insgesamt 40 freie Stellen in dem Gewerbe.
Für die Gastronomie erwartet Clarissa Matos Bernal wie generell auf dem Arbeitsmarkt eine leichte Entspannung. Im Geschäftsstellenbezirk Strausberg sank die Zahl der Arbeitslosen im September um 176 auf 3281 Personen. Die Arbeitslosenquote lag bei 4,5 Prozent, vor einem Jahr waren es 3,7 Prozent.