Gastronomie
: Doppelpunkt am S-Bahnhof Fredersdorf droht der Abriss

Das Lokal am Bahnhof Fredersdorf wird Ende September nach 30 Jahren schließen.
Von
Dirk Schaal
Fredersdorf-Vogelsdorf
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  • Bäume spenden Schatten im Lokal-Garten: das aktuelle Team vom Doppelpunkt mit Carola Laack, Hannelore Klatt, Mike Bader und Annette Siebmann. Links ist der Imbissstand zu sehen, rechts der Eingang zum Gastraum.

    Bäume spenden Schatten im Lokal-Garten: das aktuelle Team vom Doppelpunkt mit Carola Laack, Hannelore Klatt, Mike Bader und Annette Siebmann. Links ist der Imbissstand zu sehen, rechts der Eingang zum Gastraum.

    Dirk Schaal
  • Das erste Team: Mutter Irmgard Gast und Tochter Hannelore Klatt nach der Eröffnung im Verkaufsbungalow

    Das erste Team: Mutter Irmgard Gast und Tochter Hannelore Klatt nach der Eröffnung im Verkaufsbungalow

    Dirk Schaal
  • Der Ursprung des Doppelpunkts: der Verkaufsbungalow vom Typ B26 im Jahr 1989 am Bahnhof Fredersdorf

    Der Ursprung des Doppelpunkts: der Verkaufsbungalow vom Typ B26 im Jahr 1989 am Bahnhof Fredersdorf

    Dirk Schaal
  • Pfennig und Mark: Preise von der Eröffnung am 4. August 1989

    Pfennig und Mark: Preise von der Eröffnung am 4. August 1989

    Dirk Schaal
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Hannelore Klatt muss mehrmals schlucken, die Tränen sind nah, wenn sie an Ende September denkt. Dann wird ihre Gaststätte Doppelpunkt schließen müssen, die sie im 31. Jahr am Bahnhof Fredersdorf betreibt. „Wissen Sie, das Ganze ist doch viel mehr als nur ein wirtschaftliches Unternehmen. Da sind die Gäste, die oft schon ewig kommen, und die Mitarbeiter. Irgendwie ist das wie Familie“, sagt Hannelore Klatt. Wenn sie wüsste, dass ihr begonnenes Werk weiterhin Bestand haben würde, würde ihr es besser gehen, lässt sie durchblicken.

Dabei denkt die 68-Jährige nicht in erster Linie an ihre wirtschaftliche Situation. „Natürlich war das auch irgendwie als Rente gedacht, wenn ich das Lokal mal abgebe. Schließlich habe ich da am Anfang 180 000 D-Mark investiert, jährlich kam noch etwas dazu“, erzählt Hannelore Klatt.

Was sie besonders schmerzt, ist der Verlust der Menschen, die vom Doppelpunkt leben, die dort ihre sozialen Kontakte pflegen, und die, die dort etwas bekommen, was sie sonst im kalten Alltag vermissen: ein bezahlbares warmes Essen und liebe Worte. „Auch wenn wir preiswerte Gerichte und Getränke anbieten, verstehe ich uns nicht als Kneipe. Vor Corona waren mir täglich frische Stofftischdecken wichtig, frische Blumen und ein einladendes Ambiente. Wegen der Hygieneauflagen sind die Tischdecken jetzt aus Kunststoff. Auch wird bei uns jedes Gericht frisch gekocht, nicht mal Suppenwürfel  benutzen wir. Wo findet man das heutzutage noch für wenig Geld?“, fragt Hannelore Klatt mit einem Hauch Verbitterung.

„Imbißgarten“ öffnet 1989

Die geborene Fredersdorferin ist eigentlich studierte Ökonomin. Bevor sie noch zur DDR-Zeit den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, war sie im Warenhaus Alexanderplatz tätig. „Durch eine Freundin, die das auch gemacht hatte, wurde ich dazu angeregt. Ein Gespräch mit dem damaligen Bürgermeister verlief gut, die Deutsche Reichsbahn gab mir einen Pachtvertrag, da konnte es losgehen.“ 1987 hatte sie erstmals bei der Gemeinde angefragt, bis zum ersten Spatenstich im Februar 1989 verging dann aber doch noch einige Zeit. Ein B26-Bungalow wurde zum Verkaufskiosk, doch vorher musste die tiefe  Senke erst zu einem Standplatz aufgeschüttet werden, 25 Lkw-Ladungen Boden waren dafür notwendig.

Manfred Jagnow und die Familie Kainz waren die Ersten, die am 4. August 1989 ihre Brat- oder Bockwurst am neu eröffneten "Imbißgarten“ in Empfang nehmen konnten. „Es gab gleich zwei lange Schlangen. Die eine reichte bis zur Altlandsberger Chaussee, die andere ging bis in die Bahnhofstraße“, erinnert sich Hannelore Klatt. Trotz Grenzöffnung hielten ihr die Kunden die Treue und auch der erste Weihnachtsmarkt im „Imbißgarten“ zusammen mit anderen Fredersdorfer Gewerbetreibenden war ein Renner. An eine Sache erinnert sich Hannelore Klatt heute lachend. „Ich hatte damals mein Auto verkauft, um einen Eisfreezer und die passende Grundsubstanz zu holen. Das hat 20 000 Mark gekostet. Schon bald nach der Grenzöffnung war das Ding wertlos, weil nur noch Schöller und Langnese auf dem Markt waren.“

Schon bald deutete sich an, dass die Fredersdorfer mehr wollten. Auf dem 377 Quadratmeter Grundstück entstand der große Gastraum mit Küche. "Doppelpunkt deshalb, weil es ja dann Kiosk und Gaststätte waren.“ Über unzählige Erlebnisse während der Zeit bis heute kann Hannelore Klatt zurückdenken, schöne und die anderen. Als sehr hilfsbereit war sie in ganz Fredersdorf bekannt. Wenn Anfragen von Gemeindeverwaltung oder Einwohnern kamen, hatte sie es mit dem Nein-Sagen nicht so. So gab es Strom und Wasser für Veranstaltungen am Bahnhof und Rettung in höchster WC-Not. Auch wenn inoffiziell: die einzige öffentlich benutzbare Toilette im Bahnhofsumfeld gab’s im Doppelpunkt.

Die ganzen Jahre hat sie dafür gekämpft, dass das Doppelpunkt auch über ihr Engagement hinaus eine Zukunft hat. "Immer wieder wurde mir versprochen, dass es die Möglichkeit eines Kaufs des Grundstücks geben wird“, erklärt Hannelore Klatt. Mit der Bahn war 2006 schon alles klar, da machte die Gemeinde in letzter Sekunde von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch. Bis  31. Dezember 2017 erhielt sie einen Pachtvertrag mit der Option, um fünf Jahre verlängern zu können. Demnach wäre Ende 2022 Schluss. Doch immer wieder wurde Hannelore Klatt in Aussicht gestellt, jedoch ohne rechtlich verwertbare Mittel, dass ein Kauf des Grundstücks möglich sei, wie auch eine Verlängerung des Pachtvertrags über 2022 hinaus nur eine Formsache wäre.

Immer an das Gute geglaubt

Ihre Gutgläubigkeit bereut sie schon irgendwie, obwohl sie ein Mensch ist, der immer an das Gute glaubt. "Jetzt mit bald 69 fällt alles etwas schwerer als sonst. Ich hatte gehofft, einen Nachfolger zu finden. Aber mittlerweile habe ich die Hoffnung fast aufgegeben. Wer übernimmt schon ein Lokal ohne Zukunftsaussichten, wenn der Pachtvertrag 2022 ausläuft ...“ Corona hat das Übrige dazu bei getan, so dass Hannelore Klatt ihr Doppelpunkt Ende September schließen wird. Statt sich mit dem Verkaufserlös einen angenehmen Ruhestand machen zu können, muss sie jetzt noch den Abriss finanzieren, der mindestens mit 20 000 Euro zu Buche schlägt. Interessenten zur Übernahme gibt es genug, um die Tradition einer ehrlichen Gastronomie auch für Familien und Wenigverdiener weiterführen, aber die Angst vor der unsicheren Zukunft schreckt ab.

Die Gemeindeverwaltung hat derweil schon andere Pläne mit dem Grundstück. So ist ein Haus mit Gastronomie im Erdgeschoss und jeweils einer Arztpraxis im ersten und zweiten Obergeschoss geplant, erklärt Bürgermeister Thomas Krieger. Bis dahin sei aber eine befristete Neuverpachtung möglich, fügt er hinzu.

Für Hannelore Klatt ist die Sache Doppelpunkt bis auf ein kleines Fünkchen Hoffnung beendet. "Wer dann in dem Neubau tausende Euros Miete zahlen muss, der muss in erster Linie die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten. Das ist gegen meine Ansicht, dass man in der Gastronomie im dörflich geprägten Umfeld immer auch eine  Portion menschliche Verantwortung mitbringen sollte.“