Hilfe nach Vergewaltigung
: Immanuel Klinik Rüdersdorf sichert vertraulich Beweise

Betroffene von sexueller Gewalt werden in der Immanuel Klinik Rüdersdorf nicht nur medizinisch versorgt. Sie können dort auch Spuren der Vergewaltigung sichern lassen – vertraulich und unabhängig von einer Anzeige. Wie das abläuft.
Von
Annemarie Diehr
Rüdersdorf
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In der Regel sind es Frauen, die von sexueller Gewalt betroffen sind – und häufig geht sie vom eigenen Partner aus. In Rüdersdorf werden Spuren der Vergewaltigung gerichtsverwertbar gesichert, auch wenn noch keine Anzeige bei der Polizei erstattet wurde. (Symbolbild)

Maurizio Gambarini/dpa

Demütigung, Angst, Scham und Ohnmacht – es können diese Empfindungen sein, die Opfer von Sexualstraftaten davon abhalten, sich Hilfe zu suchen. „Die Hemmschwelle, sich unmittelbar nach einem sexuellen Übergriff an die Polizei oder eine andere Unterstützungseinrichtung zu wenden, ist für Betroffene in einer solchen Ausnahmesituation hoch“, so Knut Albrecht. Er leitet das Brandenburgische Landesinstitut für Rechtsmedizin in Potsdam und koordiniert ein Projekt, das einen möglichst niedrigschwelligen Zugang zu Hilfsangeboten ermöglichen will.

„Medizinische Soforthilfe und vertrauliche Spurensicherung nach Vergewaltigung„ – kurz „SOS nach Vergewaltigung“ – nennt sich das Modellprojekt, an dem sich zwölf Kliniken in Brandenburg beteiligen. Seit neuestem gehört die Immanuel Klinik Rüdersdorf dazu. Dort können sich Betroffene, zu denen in erster Linie Frauen gehören – Männer werden laut Zahlen des Bundeskriminalamtes nur sehr selten Opfer von sexueller Gewalt – medizinisch untersuchen und auf Wunsch Spuren der Tat sichern lassen.

Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall

Das ermögliche es den häufig durch die Tat Traumatisierten, in Ruhe entscheiden zu können, ob zu einem späteren Zeitpunkt eine Strafanzeige gestellt werden soll, erklärt Susanne Ullrich, Leiterin der Beratungsstellen der Opferhilfe Land Brandenburg. In dem Fall kann auf das anonymisiert bis zu zehn Jahre, an einem sicheren Ort gelagerte Beweismaterial zurückgegriffen werden.

Dr. med. Lucas Hegenscheid, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe in der Immanuel Klinik Rüdersdorf, gestaltet mit seinem Team eine sichere Atmosphäre für von sexueller Gewalt Betroffene.

Lydia Stübler/Immanuel Klinik Rüdersdorf

Auch wenn Frauen an sich keine äußerlichen Verletzungen bemerken, bedürfen sie laut Medizinerinnen und Medizinern nach einer Vergewaltigung sofort ärztlicher Hilfe. In Rüdersdorf ist das an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr möglich. „Betroffene wenden sich bitte in der Rettungsstelle vertrauensvoll an unsere speziell geschulten Pflegekräfte und bitten um ein vertrauliches Gespräch mit einem Gynäkologen oder einer Gynäkologin“, ergänzt Dr. med. Lucas Hegenscheid, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe in der Immanuel Klinik Rüdersdorf. „Auch unsere Kolleginnen und Kollegen des Zentrums für seelische Gesundheit sind für eine erste psychologische Unterstützung vor Ort.“

Weitere Kliniken im Projekt „SOS nach Vergewaltigung“

Medizinische Soforthilfe und vertrauliche Spurensicherung bieten auch an: Klinikum Frankfurt (Oder), GLG Werner Forßmann Klinikum Eberswalde, Helios Klinikum Bad Saarow, Alexianer St. Josefs-Krankenhaus Potsdam, Klinikum Ernst von Bergmann Potsdam, Asklepios Klinikum Uckermark, Carl-Thiem-Klinikum Cottbus, Kreiskrankenhaus Prignitz, Oberhavel Kliniken, Universitäts-klinikum Brandenburg an der Havel, Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg.

Das Projekt wird durch das Gesundheitsministerium des Landes Brandenburg gefördert, vom Brandenburgischen Landesinstitut für Rechtsmedizin (BLR) koordiniert und kooperiert zu Fragen der psychosozialen Beratung von Betroffenen mit der Opferhilfe Land Brandenburg e.V..

Spuren werden in der Immanuel Klinik Rüdersdorf dokumentiert

Bei der vertraulichen Spurensicherung werden Tatspuren – also Verletzungen, blaue Flecke, Spermaspuren – mittels Untersuchung und Bilddokumentation gesichert. Die Mitarbeitenden der Immanuel Klinik haben laut Chefarzt dafür spezielle Schulungen absolviert. Da die meisten Spuren nur in den ersten 72 Stunden nach der Tat gesichert werden können, raten Ärztinnen und Ärzte zu schnellem Handeln. Betroffenen wird auch empfohlen, vor der Beweissicherung nicht zu duschen oder die Kleidung zu wechseln.

Das Angebot in Rüdersdorf richtet sich an Jugendliche und Erwachsene. Minderjährige Betroffene, so Dr. med. Lucas Hegenscheid, werden am Standort durch die Kinder- und Jugendmedizin versorgt, die bei Bedarf eng mit dem Kinderschutzdienst zusammenarbeitet. Zusätzlich zur medizinischen Versorgung gibt es auf dem Campus Rüdersdorf für Opfer von Sexualstraftaten weiterführende Hilfsangebote wie die Traumaambulanz und die Psychiatrische Institutsambulanz. „Unser Sozialdienst vermittelt Hilfsangebote vor Ort oder in wohnortnahen Einrichtungen beziehungsweise Schutzstellen“, so der Mediziner.

Seelische Spuren der Tat – Hilfsangebote in Brandenburg

Die Immanuel Klinik Rüdersdorf vermittelt auf Wunsch den Kontakt zu Beratungsstellen der Opferhilfe Land Brandenburg, die Kooperationspartner des Modellprojektes „SOS nach Vergewaltigung“ ist. Die Opferhilfe bietet von sexualisierter Gewalt Betroffenen nach eigenen Angeben kostenlos, streng vertraulich und in allen Sprachen psychotraumatologische Unterstützung bei der Bewältigung der Tatfolgen und – sollte es doch zu einer Anzeige bei der Polizei kommen – steht ihnen im Strafverfahren zur Seite.

Erleben auch Sie Gewalt?

Beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" können Sie sich unter der Rufnummer 08000 116 016 an 365 Tagen zu jeder Uhrzeit anonym und kostenlos beraten lassen. Opfer von Vergewaltigungen erhalten Unterstützung bei der Opferhilfe vom Land Brandenburg.