Kalkwerk in Rüdersdorf
: Eine Ära endet – 10 Fakten über die Bergbau-Geschichte

Bergbau hat in Rüdersdorf bei Berlin eine lange Tradition: Seit mindestens 770 Jahren wird in der Gemeinde Kalkstein abgebaut. Wissenswerte Fakten über das Kalkwerk.
Von
Annemarie Diehr
Rüdersdorf bei Berlin
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Blick in den Rüdersdorfer Tagebau vom Museumspark aus.

In Rüdersdorf bei Berlin befindet sich der größte Kalksteinbruch Norddeutschlands. Hier wurde in den letzten Jahrhunderten Kalkstein abgebaut. Nun wird der Kalkofen stillgelegt. (Archivfoto)

Annemarie Diehr
  • In Rüdersdorf endet nach 770 Jahren Kalksteinabbau, Kalkofen wird stillgelegt.
  • Kalksteinabbau begann im 13. Jahrhundert durch Zisterzienser-Mönche.
  • Größtes Kalksteinvorkommen Norddeutschlands, betrieben von Cemex bis 2062.
  • Fossilienfunde, darunter Nothosaurus raabi, im Muschelkalk entdeckt.
  • Rüdersdorfer Kalkstein für berühmte Bauwerke wie Brandenburger Tor genutzt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Stilllegung des Kalkofens im Fels-Werk Rüdersdorf bei Berlin ist für die Gemeinde mit jahrhundertelanger Bergbautradition eine bittere Nachricht. Die Anfänge des Kalksteinabbaus reichen bis in das 13. Jahrhundert zurück.

1. Mönche begannen im Mittelalter mit Kalksteinabbau

Seit Jahrhunderten wird in Rüdersdorf Kalkstein abgebaut, um ihn als Naturstein oder als Rohstoff zur Branntkalk- und Zementherstellung zu nutzen. Im 13. Jahrhundert erkannten die Zisterzienser-Mönche den Wert des Gesteins und begannen als erste mit dem Kalksteinabbau. Nach einer alten märkischen Sage hatten die Rüdersdorfer Bauern den Mönchen des Klosters Zinna bei Jüterborg geklagt, dass ihnen beim Pflügen immer wieder ein Gestein Probleme bereitete, das dicht unter der Oberfläche lag. Man fand Kalkstein.

2. Größtes Kalksteinvorkommen Norddeutschlands

Dass der Abbau von Kalkstein in Rüdersdorf überhaupt möglich ist, liegt an einer Besonderheit der Natur: Während die Landschaft in der Region relativ platt ist, zeigt sie sich in der Gegend um Rüdersdorf hügelig. Grund hierfür ist, dass im Verlauf der Erdgeschichte Kalkstein durch ein Salzkissen aus der Tiefe nach oben gedrückt wurde. Üblicherweise liegen solche Schichten in durchschnittlich 1000 Meter Tiefe, in Rüdersdorf aber direkt an der Erdoberfläche. In der Gemeinde befindet sich das größte Kalksteinvorkommen Norddeutschlands. Betrieben wird der Tagebau von Cemex; bis 2062 reicht die aktuelle Abbaugenehmigung.

3. Saurier-Fund im Muschelkalk in Rüdersdorf

Bei den mächtigen Kalksteinablagerungen in Rüdersdorf handelt es sich um Rückstände eines Meeres aus der Trias-Erdzeitphase (251,9 bis 201,3 Millionen Jahren vor heute). Die Kalksteine des Muschelkalks sind fossilreich. Neben wirbellosen Tieren wie Muscheln, Arm- und Kopffüßern wurden in Rüdersdorf Schädel und Skelett eines Schwimmsauriers, des Nothosaurus raabi, gefunden. Ein Abguss des Originalfundstücks, das heute im Berliner Naturkundemuseum zu bestaunen ist, findet sich in der Ausstellung im Otto-Torell-Haus im Museumspark Rüdersdorf.

4. Seit fast 450 Jahren wird in Rüdersdorf Kalk gebrannt

Seit dem 16. Jahrhundert wird in Rüdersdorf Kalk gebrannt. Anfangs in einfachen Kammeröfen, ab Beginn des 19. Jahrhunderts in Rumfordöfen. Der erste dieser Steinöfen, in denen Kalkstein durch Befeuerung zum Glühen gebracht und in Branntkalk verwandelt wurde, wurde 1804 in Rüdersdorf gebaut. Die Rumford-Technik reichte bald nicht mehr aus, um den rasant ansteigenden Bedarf zu decken. 1871 wurde deshalb mit dem Bau der Schachtofenbatterie begonnen, die ein Jahr später in Teilen in Betrieb genommen wurde. Sie vervielfachte die Produktion, aber auch den Ausstoß an Rußpartikeln und Steinstaub. Der mit der Luft transportierte Feinstaub setzte sich in der ganzen Gegend ab und beeinträchtigte die Gesundheit der Rüdersdorferinnen und Rüdersdorfer. Erst 1967 wurde die Schachtofenbatterie stillgelegt und durch ein moderneres Kalkwerk ersetzt.

5. Baustoff für die Hauptstadt Berlin

Rüdersdorfer Kalkstein ist nicht nur im örtlichen Rathaus und in der gegenüberliegenden Kalkberger Kirche verbaut. Über Jahrhunderte hinweg lieferte der Tagebau auch das Material für Bauwerke in der Hauptstadt: Das Fundament des Brandenburger Tors, das Jagdschloss Grunewald, das Olympiastadion oder das Ludwig-Erhard-Ufer bestehen aus Rüdersdorfer Kalkstein. In Potsdam ließ Friedrich II. die Weinterrassen des Schlosses Sanssouci aus dem Material erbauen.

6. Zweimal täglich wird im Kalkstein-Tagebau gesprengt

Sprengungen erfolgen an Abbautagen, in der Regel montags bis freitags, zweimal täglich, nämlich um 9.30 Uhr und um 13.30 Uhr. Der so freigesetzte Kalkstein wird über Radlader auf Muldenkipper verladen und zur Brecheranlage transportiert, wo das Gestein in Stücke bis zirka zehn Zentimeter gebrochen und über Förderbänder zur Weiterverarbeitung in das Zementwerk transportiert wird. In Nähe der Ortschaft Rüdersdorf erfolgt die Gewinnung von Kalkstein ohne Sprengung, nämlich durch einen Hydraulikbagger beziehungsweise durch eine Reißraupe.

7. Schwimmen im einstigen Tagebau

Noch bis 1975 konnten Menschen aus dem Ort und der Umgebung im heutigen Tagebau schwimmen: Der Heinitzsee, der nach dem Fluten des alten Steinbruchs ab 1914 entstand, war mit 1000 Meter Länge, bis zu 70 Meter Tiefe und, abhängig von der Jahreszeit, einer Sichttiefe bis zu sieben Metern ein beliebtes Bade- und Tauchziel. Aufgrund seiner schroffen Felsen war der See auch als Filmkulisse gefragt. Im Spielfilm „Der goldene See“ (1919) von Fritz Lang beispielsweise stellte der Rüdersdorfer Kalksteinbruch das Reich der Inka dar.

8. Ortszentrum musste Tagebau weichen

Wo heute Kalkstein abgebaut wird, befand sich mit der Redenstraße einst das Ortszentrum von Rüdersdorf. Durch die Redenstraße mit ihren Geschäften, Gaststätten und Handwerksbetrieben fuhr die Straßenbahn bis zum Marktplatz am Kesselsee. Weil in Folge des Wohnungsbauprogramms der DDR wieder mehr Zement gebraucht wurde, musste die Redenstraße dem Tagebau weichen. Die Häuser wurden abgerissen, ihre Bewohnerinnen und Bewohner ab 1972 umgesiedelt und der Heinitzsee trockengelegt. Es entstand der heutige vier Kilometer lange, einen Kilometer breite und etwa 150 Meter tiefe Großtagebau.

Die Redenstraße musste dem Bergbau weichen: Bis Anfang der 1970er-Jahre war sie die Haupteinkaufsstraße von Rüdersdorf.

Die Redenstraße in Strausberg in den 70er Jahren.

Die Redenstraße musste dem Bergbau weichen: Bis Anfang der 1970er-Jahre war sie die Haupteinkaufsstraße von Rüdersdorf.

Reproduktion/Annemarie Diehr

9. Mit dem Geländewagen durch den Steinbruch

Im Museumspark Rüdersdorf haben Besucherinnen und Besucher nicht nur einen freien Blick in den Tagebau. In den Ausstellungen und begehbaren Industriedenkmälern erfahren sie auch alles über die Gewinnung und Verarbeitung von Kalkstein. Ein besonderes Erlebnis ist die geführte Geländewagen-Tour, die am Rand des aktiven Tagebaus entlangführt. Auch zu Fuß können Besucherinnen und Besucher den Tagebau erkunden und bei geologischen Touren unter fachkundiger Aufsicht Steine klopfen und nach Fossilien suchen.

10. Rüdersdorf feiert seine Bergbautradition

Wie es in Bergbaugegenden Tradition ist, feiert auch die Gemeinde Rüdersdorf bei Berlin Mitte des Jahres Bergfest. Großer Zapfenstreich, Gottesdienst und Konzerte der Bergkapelle waren und sind gesellschaftliche Höhepunkte der Bergleute. Seit der Wende und mit Gründung des Bergbauvereins Rüdersdorf, der sich der Traditionspflege verschrieben hat, lässt Rüdersdorf den bergmännischen Brauch wieder aufleben und feiert immer am ersten Juli-Wochenende Bergfest.

Quellen: Museumspark Rüdersdorf, Bergbauverein Rüdersdorf, Rüdersdorfer Heimatfreunde, Cemex