Multiple Sklerose in Altlandsberg
: 100 Kilometer trotz MS, was hinter dem Lauf steckt

Seit seiner MS-Diagnose lebt Kevin Nissel aus Altlandsberg mit Einschränkungen. Heute nutzt er das Laufen, um Aufmerksamkeit für die Krankheit zu schaffen.
Von
Dirk Schaal
Altlandsberg
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Kevin Nissel (Mitte) mit Vereinskameraden auf der Laufbahn in Altlandsberg. Aufmerksamkeit und Geld für die MS-Forschung zu sammeln, ist sein Ziel.

Kevin Nissel (Mitte) mit Vereinskameraden auf der Laufbahn in Altlandsberg. Aufmerksamkeit und Geld für die MS-Forschung zu sammeln, ist sein Ziel.

Dirk Schaal
  • 100-Kilometer-Lauf in Altlandsberg: Kevin Nissel sammelt Spenden für MS-Forschung.
  • Diagnose 2009 während der Bundeswehrzeit, seitdem Einschränkungen wie Gleichgewichtsprobleme.
  • Familie und Engagement beim MTV Altlandsberg geben Halt, er trainiert Kinder und Jugend.
  • Teilnahme an „The May 50K“ und Steigerung auf 100 Kilometer – rund 1000 Euro gesammelt.
  • Abschlusstag mit rund 100 Mitläuferinnen und Mitläufern, Online-Spendenaktion bis 31. Mai.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als Kevin Nissel am 19. Mai die letzten Meter auf der Aschenbahn des MTV-Sportplatzes in Altlandsberg läuft, wird aus einer sportlichen Herausforderung ein sehr persönlicher Moment. Rund 100 Menschen begleiten den 43-Jährigen auf den finalen Kilometern seiner 100-Kilometer-Challenge. Es wird laut, es wird eng auf der Bahn, und doch wirkt vieles in diesem Augenblick erstaunlich ruhig. Für Nissel ist es ein Zeichen: Er ist mit seiner Krankheit nicht allein.

Hinter der Aktion steht eine Geschichte, die mit einem plötzlichen Bruch begann. 2009, während seiner Zeit bei der Bundeswehr, erhält Nissel die Diagnose Multiple Sklerose. Er ist Oberfeldwebel, mitten im Einzelkämpferlehrgang, als plötzlich das Gefühl in den Beinen verschwindet.

Zunächst vermutet er einen eingeklemmten Nerv. Doch im Krankenhaus folgt die Gewissheit: Entzündungen im Gehirn verursachen die massiven Störungen. „Da ist für mich die Welt zusammengebrochen“, sagt er heute offen.

Mit der Diagnose endet nicht nur ein Beruf, auf den er jahrelang hingearbeitet hat. Auch seine Zukunft gerät ins Wanken. Auslandseinsätze sind ausgeschlossen, die Bundeswehr stuft ihn später als nicht mehr voll dienstfähig ein. Als Hauptfeldwebel verlässt er die Truppe. Besonders die ersten Jahre sind geprägt von Unsicherheit. Immer wieder fällt ein Satz, der sich einprägt: Wie lange kannst du überhaupt noch laufen?

„Viele denken bei Multipler Sklerose sofort an den Rollstuhl. Doch die Krankheit verläuft sehr unterschiedlich“, erklärt Kevin Nissel. Bei ihm zeigt sie sich in Einschränkungen, die von außen kaum sichtbar sind: kein richtiges Gefühl mehr in den Fingerspitzen, Gleichgewichtsprobleme, eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit.

Selbst Temperaturwechsel können belastend sein. Kaltes Wasser, starke Reize – Dinge, die andere kaum wahrnehmen, werden für ihn zur Herausforderung. „Das sind vielleicht keine großen Dinge, aber sie schränken die Lebensqualität ein“, beschreibt er. Auch im Alltag mit seinem Sohn Tom wird das spürbar, etwa beim Trampolinspringen oder Skateboardfahren.

Die Familie ist der Halt für Kevin Nissel

Halt findet er in seiner Familie. Seine Frau Jenny bleibt an seiner Seite, als die Diagnose gestellt wird. Keine Panik, kein Rückzug – sondern die klare Haltung: Wir schaffen das gemeinsam. Für Nissel ist das ein entscheidender Anker. „Ich bin wahnsinnig dankbar, dass sie geblieben ist“, sagt er heute.

Im Alltag spielt die Krankheit inzwischen oft nur noch im Hintergrund eine Rolle. Nissel hat gelernt, früher auf seinen Körper zu hören. Wenn die Kraft nachlässt, macht er Pausen – auch wenn Dinge dann liegen bleiben. Beruflich arbeitet er heute als Personalleiter in der Kinder- und Jugendhilfe, in einem Umfeld, das ihm Stabilität gibt.

Einen wichtigen Ausgleich findet er beim MTV Altlandsberg. Über seinen Sohn kommt er zum Verein, macht eine Trainerlizenz und engagiert sich zunehmend im Jugendfußball. Heute betreut er die D2-Junioren, arbeitet in der Jugendleitung und ist Kinder- und Jugendschutzbeauftragter. Aufgaben, die ihm Struktur geben. „Wenn man sinnvolle Dinge tut, hat man weniger Zeit, ständig über die Krankheit nachzudenken“, weiß er.

Zum Laufen kommt er erst Ende des vergangenen Jahres. Die ersten Runden zeigen schnell, wie sehr die Fitness nachgelassen hat. Doch er bleibt dran, setzt sich ein Ziel: zehn Kilometer unter einer Stunde. Aus ersten Versuchen wird eine feste Routine.

Im Mai verbindet Nissel das Laufen mit einem größeren Anliegen: der „May 50K Challenge“ der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft. Er steigert die Herausforderung bewusst auf 100 Kilometer und sammelt Spenden für die Forschung. Wochenlang dokumentiert er seine Vorbereitung und mobilisiert sein Umfeld.

The May 50K

Bei der internationalen Aktion „The May 50K“ legen Teilnehmer jedes Jahr im Mai 50 Kilometer laufend, walkend oder im Rollstuhl zurück, um Spenden für die Erforschung von Multipler Sklerose (MS) zu sammeln. In Deutschland organisiert die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) die Challenge. Die Spenden fließen zu 70 Prozent in deutsche MS-Forschungsprojekte und zu 30 Prozent an die internationale Dachorganisation MSIF für weltweite Initiativen.

Der Abschluss wird auf dem Sportplatz in Altlandsberg zum emotionalen Höhepunkt. Fitnesstrainerin Daniela Piesker führt das Aufwärmen an, danach drehen Kinder, Eltern, Trainer und Vereinsmitglieder gemeinsam mit ihm ihre Runden. Manche laufen die vollen fünf Kilometer, andere nur ein Stück, viele stehen am Rand und klatschen.

Bis zum 31. Mai läuft die Spendenaktion

Am Ende stehen 100 Kilometer – und fast 1000 Euro für die MS-Forschung, gesammelt durch Spenden und einen kleinen Cateringverkauf. Die Spendenaktion läuft noch online bis zum 31. Mai. Für Nissel bleibt vor allem Dankbarkeit gegenüber allen Unterstützern, dem MTV Altlandsberg und den vielen, die die Aktion begleitet haben.

Multiple Sklerose ist nicht heilbar. Wie sich die Krankheit entwickelt, kann niemand sagen. Doch an diesem Abend tritt diese Unsicherheit in den Hintergrund. Kevin Nissel läuft. Und jeder Schritt zeigt, dass MS sein Leben prägt – aber nicht bestimmt, wie viel davon möglich ist.