Obdachlos in Berlin: Warum Kältebus Rollstuhl-Fahrer am Bahnhof stehenlassen muss

Helfer Matthias Spreemann belädt den Kältebus mit Schlafsäcken und bereitet den Einsatz vor. Das Projekt der Obdachlosenhilfe in Berlin gibt es seit nunmehr 30 Jahren.
dpa/Britta Pedersen- Der Berliner Kältebus hilft seit 30 Jahren Obdachlosen im Winter mit Decken und Schlafsäcken.
- Rund 200 Hilferufe pro Nacht, 30.000 km jährlich; 2023/24 wurden 3.000 Personen unterstützt.
- Problem: Zu wenig rollstuhlgerechte Plätze; viele müssen trotz Rollstuhl-Rampen draußen bleiben.
- Notübernachtungen oft abends voll; Lehrter Straße nimmt bis 4 Uhr morgens auf.
- Spenden für den Kältebus sind möglich: IBAN DE67 3702 0500 0003 1555 00.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Im Jahr 1994 erfror ein obdachloser Mensch in Berlin: Er hatte keine Kraft mehr, selbst einen warmen Unterschlupf aufzusuchen. Drei Sozialarbeitende in der City-Station der Stadtmission – einem Restaurant mit Beratung und Seelsorge – wollten das nicht hinnehmen. Sie schnappten sich einen ungenutzten VW-Bulli, der auf dem Gelände der Stadtmission stand, und fuhren los.
Seitdem tourt der Kältebus, der in diesen Tagen sein 30. Jubiläum feiert, durch die Berliner Abende und Nächte, stoppt an Straßen und Plätzen, an denen Menschen schlafen – oder oft nur zu überleben versuchen.
Die Obdachlosen, die die Kältebus-Fahrer nicht in eine der Notübernachtungen fahren, weil die Plätze dort schon belegt sind oder die Betroffenen es nicht wollen, versorgt das Team mit heißen Getränken, Decken und Schlafsäcken.
Obdachlos in Berlin – Bahnhöfe nachts geschlossen
Inzwischen ist es so kalt, dass auch viele wohnungslose Menschen versuchen, dem eisigen Wind wenigstens in den Bahnhöfen und Zügen zu entkommen. Doch die Praxis, einige U-Bahn-Stationen bei Frost nachts nicht zu schließen, wurde schon vor Jahren beendet. „Bahnhöfe sind kein geeigneter Ort für eine menschenwürdige Unterbringung“, nennt BVG-Sprecher Markus Falkner einen der Gründe.
So gebe es zum Beispiel keine sanitären Anlagen. Durch durchfahrende Züge, die auch in den Betriebspausen verkehrten, sowie die Starkstrom-Schienen bestünde konkrete Lebensgefahr, falls Menschen sich in den Gleisbereich begeben oder fallen, erklärt Falkner.
Die BVG pflege aber seit einigen Jahren enge Kontakte zu Hilfsorganisationen. Diese würden im Rahmen des Projekts Reinigungsstreife intensiviert und erweitert, berichtet der Sprecher. „So werden beispielsweise die Sicherheitskräfte durch Fachleute der Stadtmission noch intensiver geschult, um jederzeit angemessen und professionell auch mit Menschen umgehen zu können, die obdachlos, psychisch krank oder abhängig von Drogen oder Alkohol sind“, erklärt Falkner. Fingerspitzengefühl sei dabei oberstes Gebot.
Laut Beförderungsbedingungen (Paragraf 3) sind aber beispielsweise Personen von der Beförderung mit Bus und Bahn ausgeschlossen, die „unter dem Einfluss alkoholischer Getränke oder anderer berauschender Mittel stehen“. Auch gerade, wenn die Menschen aggressiv betteln, stark verwahrlost sind und zum Teil auch so riechen, bewegen sich die Verkehrsunternehmen in der Zwickmühle zwischen den Bedürfnissen der Fahrgäste und denen der hilfsbedürftigen Menschen.
Bahn in Berlin – Einzelfallhelfer in Bahnhöfen
„Bei extremer Kälte lässt die Deutsche Bahn an ihren Bahnhöfen niemanden draußen stehen“, sagt auch ein DB-Sprecher auf Anfrage. „Besonders im Winter steht für unsere Sicherheitskräfte ein menschlicher Umgang im Vordergrund.“
Allerdings gelte auch in S- und Regionalbahnhöfen: Wartebereiche, Durchgänge, Treppen oder Fluchtwege, aber auch Bereiche wie Schließfachanlagen müssten aus Sicherheitsgründen, aber auch mit Rücksicht auf alle Nutzer des Bahnhofs, freigehalten werden, so der Sprecher.

Eine Kältebus-Mitarbeiterin läuft mit einem Obdachlosen im U-Bahnhof Gneisenaustraße in Berlin-Kreuzberg den Bahnsteig entlang. Die Helfer bringen warme Getränke, Schlafsäcke oder rufen auch Kollegen für den Transport in eine Unterbringung.
dpa/Annette RiedlDarüber hinaus sei durch die Hausordnung der Bahnhöfe auch das Sitzen und Liegen auf dem Boden, auf Treppen und in Zugängen untersagt. „Wer sich dort niederlässt und die Abläufe im Bahnhof stört oder andere belästigt, muss damit rechnen, des Bahnhofs verwiesen zu werden“, betont der Bahn-Sprecher.
Um der teils prekären Lage in manchen Berliner Bahnhöfen besser Herr zu werden, unterstützt die S-Bahn Berlin gemeinsam mit der BVG schon seit Jahren die Stadtmission bei der mobilen Einzelfallhilfe. „Aktuell gibt es vier Einzelfallhelfer und Helferinnen, die innerhalb des S-Bahnrings und im U-Bahnsystem unterwegs sind“, berichtet der Bahn-Sprecher.
Menschen in physischen und psychische Ausnahmezustände
Sie kümmern sich um obdachlose Menschen, deren Lebensmittelpunkt sich im Bereich des S- und U-Bahnsystems befindet und bei denen hochschwellige Hilfsangebote oft schon an bürokratischen Hürden scheitern. Denn viele Klienten der Mobilen Einzelfallhilfe befänden sich laut Stadtmission durch das oft jahrelange Leben auf der Straße in physischen und psychischen Ausnahmezuständen.
Hier bekommen Obdachlose und Helfer Hilfe
Die Einzelfallhelfer haben ihren Dienstsitz im Zentrum am Bahnhof Zoo, wo es für Betroffene ebenfalls Beratung gibt. Dort können sich auch Passanten und Fahrgäste mit Hinweisen melden.
Die Teamkoordinatorin ist wochentags von 9 bis 13 Uhr unter 0170 - 3718518 erreichbar.
Eine weitere Hotline für Obdachlose oder Helfer ist die Nummer 0157 - 80 59 78 70, die die Obdachlosen-TaskforceX von Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr, geschaltet hat.
Zudem hängen in den Bahnhöfen während der kalten Jahreszeit mehrsprachige Plakate, auf denen Hilfsangebote und Übernachtungsmöglichkeiten zu finden sind. Als Wegweiser eigneten sich zudem die Schelter Map, ein U- und S-Bahnfahrplan, auf dem Notübernachtungen und andere Hilfsangebote eingezeichnet sind, oder auch die Kältehilfe-App. Beides findet sich unter www.kaeltehilfe.de.
Berlin – Notübernachtung bis 4 Uhr nachts geöffnet
Was aber viele nicht wissen: In den meisten Notübernachtungen müssen sich die Betroffenen schon bis zum frühen Abend einfinden. Nicht nur, um überhaupt noch einen Schlafplatz in Mehrbetträumen zu ergattern, sondern weil danach keine Aufnahme mehr stattfindet. Eine Ausnahme ist die Notübernachtung an der Lehrter Straße in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs, die bis 4 Uhr noch aufnimmt, oft dann auch über ihre Kapazitätsgrenzen hinaus.
„Diese Ausnahme-Regelung gibt es unter anderem, weil viele unserer Gäste schwer abhängig sind und die Nacht ohne Alkoholkonsum nicht durchstehen“, erklärt Barbara Breuer, Sprecherin der Berliner Stadtmission. Wenn diese sich dann zu früh hinlegten, hätten sie nachts wieder Suchtdruck. „Berlin braucht viel mehr solcher niedrigschwelligen und gut erreichbaren Einrichtungen, die eine Aufnahme bis in die frühen Morgenstunden gewährleisten können“, weiß Breuer

Obdachloser am Bahnhof in Berlin: Besonders an und in den Bahnhöfen sieht man die Not der Obdachlosen.
dpa/Paul ZinkenHilfe für Obdachlose – Notrufsäulen oder Kältebus anrufen
Was können Pendler noch tun, wenn sie im Bahnhof eine hilflose Person antreffen? „Sie können auch ganz einfach die Notrufsäulen nutzen“, erklärt BVG-Sprecher Falkner. „Sie bekommen dann einen direkten Kontakt in unsere Sicherheitsleitstelle. Die dortigen Kollegen wissen, was zu tun ist, und haben bei Bedarf einen schnellen Draht zu Polizei oder Rettungsdiensten.“
Dazu sind die Kältebusse der Stadtmission bis Ende März täglich von 20 bis 2 Uhr unterwegs. Sie sind unter der Telefonnummer 030 690 333 690 zu erreichen. Karen Holzinger, eine der drei Sozialarbeiter, die damals den Kältebus ins Leben riefen und die bis heute an Bord ist, bittet aber darum, vor dem Anruf den obdachlosen Menschen anzusprechen und zu fragen, ob ein Transport in eine Notübernachtung überhaupt gewünscht ist.
Obdachlos in Berlin – 200 Hilferufe pro Nacht
Die ehrenamtlichen Fahrer bekommen derzeit rund 200 Hilfsanrufe pro Nacht. Inzwischen legen die vier Kältebusse jährlich insgesamt rund 30.000 Kilometer zurück. Mehr als 3000 Personen wurde so im Winter 2023/24 geholfen, mehr als 1500 Notunterkünfte wurden angesteuert. An der Statistik kann man auch ablesen, wie sehr die Not in Berlin in den vergangenen Jahren gestiegen ist. 2013 zählte man „nur“ 15.000 Kältebus-Kilometer.
Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwochnachmittag den Helfern auf dem Washingtonplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof anlässlich des runden Jubiläums persönlich gratulierte, heißt aber nicht, dass das Kältebus-Projekt staatlich gefördert wird. Im Gegenteil: „Die Busse müssen zu hundert Prozent aus Spenden finanziert werden“, erklärt Stadtmissions-Sprecherin Breuer.
Darum muss die Kältehilfe Obdachlose im Rollstuhl zurücklassen
Doch die Kältehilfe in Berlin ist insgesamt auf Hilfe angewiesen. Derzeit fehle es vor allem an rollstuhlgerechten Plätzen. „Denn neben zahlreichen Obdachlosen mit psychischen Problemen gibt es immer mehr, die mit Krücken gehen, sich auf Rollatoren stützen oder auf einen Rollstuhl angewiesen sind“, berichtet Breuer. Das Hilfesystem sei überlastet, der Wohnungsmarkt so gut wie dicht. „Und so bleiben diese Menschen zu lange auf der Straße und verelenden.“
So konnten auch die Helfer des Kältebusses am Freitag vergangener Woche (8.11.) gleich drei Menschen im Rollstuhl nicht mitnehmen, obwohl die Busse über entsprechende Rampen verfügen. „Es gab einfach keine barrierefreien Unterkünfte für sie“, berichtet Breuer.
Den Helfern sei nichts anderes übriggeblieben, als die Menschen vor Ort mit Decken und Schlafsäcken einzuwickeln und zu hoffen, dass sie am nächsten Tag noch leben.
So können Sie von zu Hause helfen
Wer finanziell helfen will, kann unter dem Verwendungszweck „Kältebus“ Geld spenden:
Verein für Berliner Stadtmission
IBAN: DE67 3702 0500 0003 1555 00
BIC: BFSWDE33XXX
SozialBank AG
Für die Kältehilfe allgemein und andere Projekte der Obdachlosenhilfe kann man auch online spenden unter: https://www.berliner-stadtmission.de/spenden/online-spenden



