1. Mai
: Weniger Krawall, mehr Politik

Kein Bock mehr auf Krawall und ausschweifende Partys: Der 1. Mai in Berlin soll ruhiger werden.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
Jetzt in der App anhören

Ein Transparent hängt an der Fassade eines Hauses an der Rigaer Straße.

dpa/Paul Zinken

Der Mai ist da, die Leute glotzen, das Myfest nervt, es ist zum Kotzen.“ Mit diesem Spruch an einem Mietshaus haben Kreuzberger Anwohner schon vor zwei Jahren ihr Genervtsein gegenüber dem alljährlichen Krawall- und Party-Tourismus ausgedrückt.

Auch der Berliner hat im Allgemeinen zunehmend keine Lust mehr auf Eskalationen jeglicher Art am Feiertag, seien es nun brennende Autos oder ausufernde Partys in Grünanlagen und Straßen.

Ruhiger und politischer soll der Tag der Arbeit deshalb in diesem Jahr werden. Die Berliner Polizei hofft auf einen friedlichen Verlauf, schließt aber Gewaltausbrüche bei der großen linken Demonstration am Abend nicht aus. Es gebe zwar nach wie vor einzelne Aufrufe aus der linksextremen Szene zu Gewalt, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik am Montag. Doch dass inzwischen selbst aus der linken Szene immer mehr Kritik an fehlenden politischen Inhalten der 18-Uhr-Demo käme, begreife man als Chance für eine krawallfreie Entwicklung.

Und so will auch der Innensenator die zwar angekündigten, aber nicht offiziell angemeldeten Demonstranten am Abend durch Friedrichshain laufen lassen. Auch Spontan-Aufmärsche seien im Demonstrationsrecht verankert, erklärte Andreas Geisel (SPD) am Montag. Er reagierte damit auf Kritik aus der Opposition, die fordert, unangemeldete Demos zu verbieten. „Der Rechtsstaat gibt auf und hisst die weiße Flagge. Damit schafft Rot-Rot-Grün weiter rechtsfreie Räume, in denen sich die gewaltbereiten Linksextremisten austoben können“, kommentierte der Chef der Berliner AfD-Fraktion Georg Pazderski am Montag das Einsatzkonzept.

Doch nach der angespannten CDU-Ära mit dem gerne zähnefletschenden Innensenator Frank Henkel hat Geisel, der selbst an der Demo des Deutschen Gewerkschaftsbundes (10 Uhr in Mitte) teilnimmt, keine Lust mehr auf Muskelspiele. Zwar sind mit knapp 5500 Polizisten 300 Beamte mehr als im Vorjahr im Einsatz. Doch sie haben sogar im Grunewald zu tun. "Da gab es im vergangenen Jahr eine Überraschung“, berichtet Slowik. Aus 200 angemeldeten Demo-Teilnehmern wurden im noblen Villenviertel 3000 Demonstranten. Es gab 29 Sachbeschädigungen an Autos und 39 an Gebäuden.

Doch bei der diesjährigen Demo seien die Gewaltankündigungen zurückgefahren worden, "was wir sehr begrüßen“, so Slowik. Unter der Überschrift „Miteinander statt gegeneinander“ wollen die Veranstalter ab 13 Uhr am Bahnhof Grunewald zu einem Rundgang mit Gesprächen am Gartenzaun aufbrechen. "Mag der Wunsch nach Enteignung, Besetzung und umfassender Umverteilung auch noch so legitim sein – der Protest muss, kann und soll friedlich geäußert werden“, heißt es in dem Aufruf. Für kriminelle Krawallos mit Konfetti, Stickern und ohrenbetäubendem Technogewummer sei in einer demokratischen Gesellschaft kein Platz. „Wir lernen aus Kreuzberg und befrieden die Mai-Krawalle mit einem friedlichen Bürgerfest: myGruni!“

Der Name ist an das Kreuzberger Myfest rund um die Oranienstraße angelehnt, das 2003 ebenfalls zur Befriedung gegründet wurde. Doch mittlerweile ufert es so aus, dass sich im vergangenen Jahr 38 Prozent der befragten Anwohner dafür aussprachen, die bis zur Morgendämmerung währende Straßenparty abzuschaffen. So soll in diesem Jahr bereits um 21 Uhr Schluss sein. Auf den vier statt fünf Bühnen muss es laut Bezirk „mindestens zwei Stunden politische Wortbeiträge“ geben.

Im Görlitzer Park ist das Feiern am 1. Mai diesmal sogar tabu.  Musik, Grills und Verkaufsstände seien an dem Tag verboten, kündigt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg an. Unter dem Slogan „Ein ganz normaler Tag im Park“ sollen Anwohner vor Spontan-Partys geschützt werden.

Im Bleichröderpark im Pankow will dagegen die AfD von 8 bis 22 Uhr ein Bürgerfest mit 120 angemeldeten Teilnehmern feiern. Das könnte Gegendemonstranten anziehen. Am heikelsten wird es wohl in Friedrichshain. Ob am Abend des 1. Mai linke Demonstranten auch durch die Rigaer Straße mit alten besetzten Häusern und neuen verhassten Bauprojekten ziehen dürfen, will die Einsatzleitung kurzfristig auch unter Berücksichtigung der Teilnehmerzahl entscheiden, erklärt Polizeichefin Slowik. „Wir hoffen, dass sich jemand als Versammlungsleiter zu erkennen gibt, mit dem wir die beste Wegstrecke abstimmen können.“

Riesenflomarkt wieder am Ostbahnhof

Wer weder Lust auf Demo oder Party hat, kann am 1. Mai ganz gemütlich über den Riesenflomarkt am Ostbahnhof schlendern. Nach seinem Ausflug auf die Trabrennbahn Karlshorst im vergangenen Jahr können die rund 700 Händler aus dem In- und Ausland nun trotz andauernder Bauarbeiten in Friedrichshain wieder ihre Antiquitäten, Designermöbel, Kunstwerke, Bücher, Schallplatten, Briefmarken und Ansichtskarten am angestammten Ort feil bieten. Der Markt, der jährlich Design- und Nostalgiefans aus ganz Berlin und Brandenburg anzieht, lädt von 9 bis 17 Uhr zum Stöbern und Kaufen ein. ⇥neu