2. Weltkrieg in Berlin: Wie eine Bordell-Betreiberin Juden versteckte

Eine Bordell-Betreiberin aus Berlin versteckte Juden während des Zweiten Weltkriegs. Bleibt ihr Geheimnis geheim? (Symbolbild)
Fabian Sommer/dpa- Charlotte Erxleben versteckte Juden in ihrem Berliner Bordell während des Zweiten Weltkriegs.
- Das NS-Regime drohte Helfern mit KZ-Haft; viele lebten in ständiger Angst.
- Eine Kollegin verriet Charlotte; sie verlor ihr Geschäft durch Bombenangriff.
- 1960 erhielt sie den Preis für „Unbesungene Helden“; 2014 wurde sie als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
- Eine Sonderausstellung in Berlin 2024 beleuchtet ihre Geschichte.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Charlotte Anna Maria Erxleben hofft, dass ihr Geheimnis nicht auffliegt. Es ist riskant, denn die Geheime Staatspolizei (Gestapo) ist nur einen Katzensprung entfernt. Wer geht nachts bei der Frau in Berlin ein und aus, ohne erkannt zu werden?
Im Herzen der Stadt, am Alexanderplatz, führt Charlotte Erxleben in den 1940er-Jahren ein Doppelleben, das wohl niemand in ihrer Nachbarschaft vermutet hätte. Einerseits leitet sie eine gut besuchte Privatpension, die damals auch als Bordell bekannt ist. Andererseits bietet sie in diesen Räumen jüdischen Geflüchteten Schutz vor der NS-Verfolgung und setzt damit ihre eigene Freiheit aufs Spiel.
Warum sie diese riskante Entscheidung traf, bleibt ein Rätsel, denn über ihre Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Charlotte Anna Maria Erxleben wird 1906 in Greifswald geboren. Im Jahre 1939 zieht sie, mit einem kleinen Erbe in der Tasche, nach Berlin-Mitte – in die Nähe des Alexanderplatzes. Mit dem Geld eröffnet sie die Privatpension mit doppelter Funktion. Das hatten die Mitarbeitenden des Schwulen Museums in Berlin für eine Sonderausstellung im Jahr 2024 recherchiert.
Zweiter Weltkrieg – Bordell in Berlin als Juden-Versteck
Durch ihre Berufe als Prostituierte und Bordell-Betreiberin fällt Charlotte Erxleben auf. Sie macht eben schon damals kein Geheimnis aus ihrer Arbeit.
Die Deportationen der Jüdinnen und Juden beginnen im Herbst 1941. Erxleben will helfen und bietet mit ihrer Pension einen Unterschlupf und letztlich ein Versteck für viele jüdische Familien, Männer und Frauen.
Erxlebens Freier verlassen und betreten das Bordell zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Geflüchteten können es ihnen also unauffällig gleichtun. Ihre Zimmer als Verstecke zu verwenden, ist jedoch eine Gratwanderung – denn Jüdinnen und Juden unter dem Radar verschwinden zu lassen, steht während des Zweiten Weltkrieges unter hoher Strafe.
Zweiter Weltkrieg - diese Strafen drohen Stillen Helden
Stille Helden: Ein Begriff für Menschen, die Juden und Jüdinnen während der NS-Zeit halfen.
Drohungen: Das NS-Regime drohte, dass jeder Kontakt zu Juden mit der Einweisung in ein Konzentrationslager geahndet wird.
Strafen: Die Strafen für Helfer variierten. Einige starben in KZ-Haft, andere erhielten Geldbuße oder Verwarnung.
Ständige Angst: Helfer lebten in ständiger Angst vor Entdeckung, da sie sich aktiv gegen das NS-Regime stellten.
Quelle: Historikerin Beate Kosmala
Gestapo, Krieg und Verrat zerstören Zufluchtsort
Es kommt, wie es kommen musste. Eine Kollegin verrät der Gestapo, dass Charlotte Anna Maria Erxleben jüdische Geflüchtete versteckt. Unzählige Hausdurchsuchungen folgen. Die Bordell-Betreiberin wird verhört. Trotz Misshandlungen hält sie stand: Sie verneint, Juden versteckt zu haben. Sie als Prostituierte würde Juden an ihrem beschnittenen Glied erkennen, soll die Geschäftsfrau gesagt haben.
Kleidung eines versteckten Juden wird in einer Wohnung gefunden. Doch der Mann kann sich rechtzeitig über eine Hintertreppe in ein Versteck retten. Auch wenn fortan keine Juden mehr Zuflucht unter ihrem Dach finden, hilft Erxleben weiterhin, indem sie einige von ihnen mit Lebensmitteln versorgt.
Der Krieg zerstört dennoch ihr Geschäft. Sie verliert ihre Pension durch einen Bombenangriff und somit ihr gesamtes Vermögen. Charlotte Erxleben verlässt Berlin vorübergehend.
Im Jahre 1953 beantragt sie Entschädigung für Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, was allerdings abgelehnt wird. Im Rahmen der Auszeichnung für „Unbesungene Helden“ reicht auch Erxleben später einen Antrag beim Berliner Senat ein. Am 19. April 1960 wird ihr dieser Preis zuteil. Dass Charlotte Erxleben als Prostituierte arbeitete, verschweigt sie bewusst. Kolleginnen hatten es zuvor erfolglos mit der Wahrheit versucht – es gab bis dahin keinen Preis für Sexarbeiterinnen.
Am 19. Juli 1981 stirbt Charlotte Anna Maria Erxleben in Berlin. Im Jahre 2014 wird sie als Gerechte unter den Völkern geehrt. Miterleben konnte Erxleben diese Anerkennung zu Lebzeiten nicht.
Der Titel „Gerechte unter den Völkern“ ...
... wird in Israel an nichtjüdische Personen verliehen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ihr Leben riskierten, um Juden zu retten.
Beginn: Eingeführt nach der Staatsgründung Israels 1948, offiziell durch das Yad-Vashem-Gesetz von 1953.
Verleihung: Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, ist für die Anerkennung zuständig. Eine öffentliche Kommission prüft die Bewerbungen nach strengen Kriterien.
Kriterien: Nachweisbare Rettungsaktion für Juden. Persönliches Risiko für den Retter. Keine Gegenleistung für die Hilfe. Nichtjüdische Abstammung.
Ehrungen: Medaille und Ehrenzertifikat. Name an der „Wall of Honor“ in Yad Vashem. Möglichkeit, einen Baum in der „Allee der Gerechten“ zu pflanzen.
Zusätzliche Anerkennung: Ehrenbürgerschaft Israels. Monatliches Ehrengeld und Sozialleistungen. Unterstützung durch internationale Stiftungen bei wirtschaftlicher Not.
Häufigkeit: Bis Januar 2022 wurden 28.217 Personen als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt.
Quelle: Yad Vashem, Internationale Holocaust Gedenkstätte




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