„Radikal technologische Neuerungen“: Potsdam buhlt um milliardenschwere Sprung-Agentur

Auf dem Wasser unterwegs: Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (l.) im Gespräch mit Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (r.) und Agenturchef Rafael Laguna de la Vera.
Ulrich Thiessen/MOZDie Bundesregierung beauftragte ihn, eine Agentur für Sprunginnovationen aufzubauen, die mit einem Milliardenbudget „radikal technologische Neuerungen“ auf den Weg bringen soll. Dazu zählt, Geschäftsideen zu entdecken und sie bis zur Marktreife zu führen. Die Agentur soll in einem urbanen wissenschaftlich und wirtschaftlichen dynamischen Umfeld angesiedelt werden, heißt es in der Auftragsbeschreibung.
Laguna de la Vera reiste deshalb am Montag nach Potsdam, in dieser Woche folgt noch Leipzig und nächste Woche dann Karlsruhe. Eventuell kommen noch weitere Visiten hinzu, hieß es. Die Entscheidung für den Standort soll im September fallen.
Um den Gründungsdirektor positiv zu beeinflussen, wurde am Montag alles aufgeboten, was Potsdam zu bieten hat. Daraus machten weder Wirtschaftsminister Jörg Steinbach noch Oberbürgermeister Mike Schubert (beide SPD) einen Hehl. Für den Wirtschaftsminister ist die Region rund um Berlin, die sich gemeinsam mit dem Standort Potsdam bewirbt, schon heute die mit der höchsten Wissenschaftsdichte in ganz Deutschland, weit vor München.
Der Gast wurde am Montag zunächst zum Hasso-Plattner-Institut gefahren, wo er nach eigenen Angaben sah, dass internationale Koryphäen über Jahre hinweg am Standort gehalten werden konnten. Es gab Gespräche mit den Experten der Klimafolgenforschung und einen Besuch in der Medienstadt. Auf einem nagelneuen, batteriebetriebenen Ausflugsschiff ging es vom Griebnitzsee, vorbei an den prächtigsten Villen der Stadt zur Glienicker Brücke, ein Abstecher zum Schloss Cecilienhof und dann Kulturstandort in der Schiffbauer Gasse. Fragen an den Oberbürgermeister, ob man dort, wo schon andere internationale Entwickler ihren Sitz haben, die Agentur ansiedeln würde, ließ Schubert demonstrativ unbeantwortet.
Laguna de la Vera verwies auf einer Pressekonferenz darauf, dass die Stadt, die den Zuschlag erhält, nicht mit vielen Arbeitsplätzen rechnen kann – vielleicht 35 bis 50 könnten es werden. Und selbst die werden nicht unbedingt vor Ort arbeiten. Aber es geht um das Prestige der Regionen, um den Vorteil mit dem wahrscheinlich wichtigsten Instrument der Bundesregierung für Innovationen werben zu können.
Der Gründungsdirektor erklärte, dass es darum gehen muss landesweit Ideen für die Zukunft zu finden, denen dann durch die Hürden der Bürokratie geholfen wird und die nach der Markteinführung auch in Deutschland bleiben sollen und nicht nach der Gründungsphase von ausländischen Investoren aufgekauft werden.
Wie das bewerkstelligt werden soll, blieb am Montag noch weitgehend im Ungewissen. Mit Beispielen tat sich Laguna de la Vera schwer. Er kenne Beispiele in der Umwelttechnologie und bei der Plastikvermeidung, bei denen es sich lohnen könnte, sie zur Marktreife zu führen.
Offen blieb ebenfalls, ob Potsdam als Standort schon jetzt alle Kriterien erfüllt oder ob es noch Hausaufgaben für die mögliche Ansiedlung gibt. Selbst ein zweiter Besuch sei nicht auszuschließen, hieß es aus der Gründungskommission der Agentur. Allerdings sei der Fahrplan eng gestrickt, wenn die Standortentscheidung schon im nächsten Monat fallen soll.
