Silvester 2023 Berlin und Brandenburg
: Bilanz an Neujahr – Angriffe, Unfälle und Festnahmen

UPDATE: In Berlin und Brandenburg wurde es in der Silvesternacht 2023 laut. Verletzungen durch Böller, Angriffe auf die Polizei und Festnahmen. So sieht die Bilanz zum Neujahr 2024 aus.
Von
dpa
Berlin
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Feuerwerk steigt in der Silvesternacht in Berlin auf. Eine Bilanz der Nacht.

Sebastian Gollnow

Erneut sind Berliner Polizisten und Feuerwehrleute in der Silvesternacht mit Böllern beworfen und Raketen beschossen worden. Auch untereinander lieferten sich Gruppen von Menschen in vielen Stadtteilen Auseinandersetzungen mit Feuerwerkskörpern.

Zugleich war die Polizei mit ihrem großen Aufgebot oft schnell an kritischen Stellen, um Ansammlungen mit aggressiven Menschen aufzulösen. Viele mutmaßliche Täter wurden festgenommen, meist wegen gefährlichen Missbrauchs von Feuerwerk. Die in der Nacht genannte Zahl von 300 vorläufigen Festnahmen dürfte noch steigen. 15 Polizisten seien verletzt worden, sagte ein Sprecher.

Silvester in Brandenburg

Illegales Feuerwerk und Körperverletzungen: Die Polizei in der Mark ist in der Silvesternacht zu rund 900 Einsätzen gerufen worden. Damit sei es vergleichsweise ruhig geblieben, erklärte eine Sprecherin der Polizei am Montag. Das sei für Silvester bei weitem kein Spitzenwert.

Rund 100 Brände gab es laut Polizei in der Silvesternacht. Darunter waren vor allem kleinere Feuer wie brennende Briefkästen, Hecken oder Mülltonnen. In Ludwigsfelde brannten drei Wohnungen eines Reihenhauses. Ein Bewohner hatte auf der Terrasse mit Feuerwerk gezündelt und so den Brand ausgelöst. Außerdem rückten die Beamten zu etwa 70 Sachbeschädigungen und rund 100 Körperverletzungen aus. Nach Stand vom Montag wurden 17 Personen durch den unsachgemäßen Gebrauch von Feuerwerk verletzt.

In Einzelfällen kam es wie im Vorjahr zu Angriffen auf Einsatzkräfte. In Brandenburg an der Havel wurden zwei Polizisten beim Aufnehmen einer Anzeige durch Pyrotechnik verletzt. Einer sei durch Reste gezündeter Pyrotechnik im Gesicht getroffen und leicht verletzt worden. Ein anderer Beamter erlitt nach Polizeiangaben ein Knalltrauma. Es wurden Ermittlungen wegen eines Angriffs auf Polizeibeamte aufgenommen.

Von einem recht friedlichen Silvesterfest berichtete auch der Großteil der Feuerwehren im Land. „Es war relativ ruhig, aber wir hatten immer was zu tun und auch keine größeren Sachen“, sagte ein Sprecher der Regionalleitstelle der Feuerwehr in Eberswalde. 50 Einsätze für drei Landkreise sei „eigentlich nicht viel“. Auch die Regionalleitstelle Oderland erlebte keinen großen Einsatz. „Es waren meistens Papierkörbe, Kleidercontainer und Balkone“, erklärte eine Sprecherin.

Die Feuerwehr Potsdam rückte nach Angaben der Stadt zwischen 18.00 und 6.00 Uhr zu 32 Feuerwehr- und 35 Rettungsdiensteinsätzen aus. „In der Zeit von Mitternacht bis 2.00 Uhr kam es zu einer Häufung von Alarmierungen. Darunter waren vorwiegend Brände von Müllcontainern und durch Feuerwerksrauch ausgelöste Brandmeldeanlagen“, erklärte ein Sprecher der Stadtverwaltung.

In den Notaufnahmen des Klinikums Ernst von Bergmann in Potsdam blieb es in der Neujahrsnacht verglichen mit einigen Vorjahren verhältnismäßig ruhig. Die Nacht sei „beherrschbar verlaufen“, erklärte eine Sprecherin des Krankenhauses am Montag. Zehn Menschen landeten mit Verletzungen durch Feuerwerkskörper in der Notaufnahme. „Insbesondere im Bereich der Augen ist es wieder zu zum Teil schweren Verletzungen gekommen“, führte die Sprecherin aus. Auch ein Kind war betroffen.

In Angermünde zog sich eine 56-jährige Frau mit einer Schreckschusswaffe irreparable Schäden an der Hand zu. Der Schuss sei unkontrolliert losgegangen. Auch weitere Meldungen von schweren Handverletzungen gingen an verschiedenen Orten im Land ein.

Zahlen zu Neujahr 2024 in Berlin

Polizei und Feuerwehr zeigten sich am Neujahrstag gleichwohl zufrieden. Es habe rund 390 vorläufige Festnahmen gegeben, erklärte Polizeisprecherin Anja Dierschke am Montagmittag. Das Konzept mit Böllerverbotszonen und vorab definierten Brennpunktbereichen sei aufgegangen. Durch „konsequentes und niedrigschwelliges Einschreiten“ sei es gelungen, Brennpunkte zu vermeiden, so Dierschke. Landesbranddirektor Karsten Homrighausen sprach von einem glimpflichen Verlauf.

Nach bisherigen Zahlen der Polizei wurden 54 Einsatzkräfte verletzt, 30 davon durch Pyrotechnik. Acht der verletzten Polizisten hätten ihren Dienst nicht fortsetzen können. Auch Feuerwehrleute wurden wieder angegriffen - nach bisherigen Erkenntnissen gab es aber keine Verletzten.

Die Feuerwehr registrierte nach Angaben vom Montag 30 Übergriffe - 18 an der Einsatzstelle, 12 während Fahrten. Beim Jahreswechsel 2022/2023 hatte es laut Feuerwehr 69 Übergriffe gegeben, dabei waren 15 Helfer verletzt worden. 2021/2022 waren es zu Corona-Zeiten 10 Übergriffe gewesen.

„An diesem ersten Januartag können wir sagen, dass der Jahreswechsel aus Sicht der Berliner Feuerwehr im Vergleich zum Vorjahr glimpflich abgelaufen ist“, erklärte Landesbrandmeister Homrighausen. Auch die Zahl der Einsätze insgesamt war nach den Angaben geringer als im Vorjahr. Demnach rückte die Feuerwehr zu 1598 Einsätzen in der Zeit von 19.00 Uhr an Silvester bis 6.00 Uhr an Neujahr aus. Das seien 119 Fälle weniger gewesen als 2022/2023. Zum Einsatzgeschehen gehörten demnach 663 Brände (Vorjahr: 749) und 861 Rettungseinsätze (825). Im Alltag gebe es durchschnittlich 1450 Einsätze pro Tag.

Rekordaufgebot der Polizei

Nach den Angaben der Sprecherin waren zu den rund 1000 Polizistinnen und Polizisten in Streifenwagen sowie Wachen mehr als 3200 zusätzliche Einsatzkräfte zu Silvester im Einsatz. Insgesamt seien zum Jahreswechsel 720 Ermittlungsverfahren zu Vorfällen im gesamten Stadtgebiet in der Zeit von Silvester 18.00 Uhr bis 6.00 Uhr am Neujahrstag eingeleitet worden, erklärte die Sprecherin. Sie verwies darauf, dass das Einsatzgeschehen weiter ausgewertet werde und sich die Das Konzept aus „Prävention und konsequenter Intervention“ sei aufgegangen, erklärte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Trotz deutlich mehr Einsatzkräften im Stadtgebiet gebe es „vergleichsweise wenig Verletzte bei der Polizei“, so Spranger. Zugleich verurteilte sie die erneute Gewalt gegen Einsatzkräfte scharf. Diese würde nicht toleriert und konsequent verfolgt, betonten Spranger und Homrighausen.

In der Silvesternacht 2022/2023 hatte es bundesweit Ausschreitungen und Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte gegeben. In diesem Jahr war die Polizei zusätzlich besorgt wegen des Gaza-Kriegs.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte am frühen Abend ein hartes Vorgehen der Polizei bei Randale angekündigt. Man habe viel für die Prävention getan, sagte Wegner. „Und heute ist die Nacht, wenn's denn notwendig ist, die Nacht der Repression.“

Im ganzen Stadtgebiet kam es laut Polizei immer wieder zu Beschuss mit Böllern und Raketen auf Polizisten und Feuerwehrleute. Besondere örtliche Schwerpunkte habe es dabei nicht gegeben. Viele sehr laute Explosionen deuteten auch auf illegale Böller hin. Immer wieder waren Schüsse aus Schreckschusspistolen zu hören. Mehrere Autos und auch andere Fahrzeuge wurden angezündet, wie Videos im Internet zeigten.

Amputationen im Unfallkrankenhaus

Wegen schlimmer Verletzungen durch Böller sind in der Silvesternacht 27 Menschen im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) behandelt worden. Das UKB sprach von zum Teil „dramatischen Amputationsverletzungen“. Festgestellt würden Sprengverletzungen an den Händen und im Gesicht, schwere Augenverletzungen und Brandwunden, teilte die Klinik am Morgen auf der Onlineplattform X (vormals Twitter) mit.

Das Krankenhaus hatte in der Silvesternacht seine OP-Kapazitäten deutlich verstärkt. „Unser Team der Handchirurgen macht sich schon warm für den OP-Marathon in dieser Nacht in mehreren OP-Sälen“, teilte die Klinik Silvester mit. Vor Silvester hatte das Krankenhaus geschrieben, die Handchirurgen hätten schwere Feuerwerksverletzungen ausgewertet: 97 Prozent der Bölleropfer seien Männer, viele Verletzungen seien dauerhaft. Der Tipp laute: „Finger weg von illegalen Böllern, sonst Finger weg.“

Auseinandersetzung am Alexanderplatz

Am Alexanderplatz beschossen sich größere Gruppen von insgesamt rund 500 Menschen mit Raketen. Im Lauf der Nacht war die Stimmung dort in den großen Menschenmengen immer wieder aggressiv. In Neukölln wurden neun Verdächtige gefasst, die elf Molotow-Cocktails gebastelt hatten. In vielen Stadtteilen warfen Jugendliche Böller auf Passanten, schossen Raketen quer durch die Gegend und auf Busse, Fenster wurden durch Explosionen zerstört, Männer feuerten mit Schreckschusspistolen und die Polizei fand verbotene Kugelbomben.

Die Böller-Verbotszone in der Sonnenallee bewährte sich, dort war es ruhiger als früher. Gehwege waren mit Gittern abgesperrt, die Durchfahrt für Autos wurde gestoppt. An Eingängen mussten alle Menschen ihre Taschen vorzeigen.

Zahlreiche Menschen wurden durch Böllerexplosionen verletzt. Ein 40-jähriger Mann verlor durch eine illegale Signalrakete eine Hand. Weitere Menschen mit teils schweren Verletzungen wurden im Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn behandelt.

Die Feuerwehr meldete wie in jeder Silvesternacht Hunderte Brände. Mehr als 1500 Sanitäter und Feuerwehrleute waren demnach mit 421 Fahrzeugen im Dienst.

Am Brandenburger Tor feierten Zehntausende Menschen bei der Silvester-Party, die im Fernsehen übertragen wurde.